Simons MUBI-Woche #7: Zwielichtige Gestalten

Fünf Filme mit allerlei zwielichtigen Charakteren hat unser Redaktor diese Woche geschaut: von Surf-Nazis über einen jungen Kleinkriminellen bis hin zu einem Tänzer, der über Leichen geht.

Na, habt ihr ihn erkannt? Szene aus «Southland Tales». © Universal

MUBI hat mich diese Woche wieder mal in die Abgründe der menschlichen Seele geführt. Propere, aufrechte Helden gab's in keinem der fünf Filme von dieser Woche, die ich hier in der Reihenfolge aufliste, in der ich sie gesehen habe.

Surf Nazis Must Die

Auf MUBI verfügbar bis: 21. Mai 2020

Es gibt Filme, die muss man einfach nur wegen des Titels schauen. Surf Nazis Must Die ist so ein Fall. Der Film wurde produziert von Troma, einer Produktionsfirma, die sich auf Low-Budget-Trash- und Exploitation-Filme spezialisiert hat und unter Fans einen Kultstatus geniesst. MUBI hat ihr eine Reihe gewidmet, von der der vorliegende Film leider bereits der letzte ist.

Und der Titel ist Programm. Er zeigt surfende Nazis, unter ihnen sind ein «Hitler» und ein «Mengele», die sich in einer dystopischen Welt mit rivalisierenden Surf-Gangs blutige Kämpfe liefern. Das ist natürlich alles grottenschlecht inszeniert und noch schlechter gespielt, aber von einem solchen Film erwartet man ja nichts anderes.

Der Dilettantismus kann durchaus unterhaltsam sein, wie man weiss (hallo, The Room!). Irgendwann, nach der x-ten Surf-Szene und der y-ten schlecht choreographierten Kampfszene, war meine Geduld ausgeschöpft, und ich war froh, als nach knapp 90 Minuten eine dunkelhäutige Kampf-Mama den Nazis den Garaus machte.

Lacombe, Lucien

Auf MUBI verfügbar bis: 19. Mai 2020

Ebenfalls um Nazis ging es in meinem zweiten Film, allerdings in einem etwas ernsteren Kontext. Der unangenehm zu schauende Film porträtiert einen französischen Jugendlichen vom Land, der sich den Kollaborateuren anschliesst und sich in einer jüdischen Familie einnistet.

Es war dies der bereits sechste Film der Louis-Malle-Retrospektive, den ich mir auf MUBI angeschaut habe. Und wohl der bisher beklemmendste. Die Hauptfigur ist eine Art provinzielle Version von Hans Landa aus Inglourious Basterds, weniger weltgewandt, aber genauso trunken von der Macht, die ihm seine Stellung über andere Menschen gibt. Ein wenig fühlte ich mich beim Schauen zudem auch an Funny Games erinnert: Mit seiner soziopathisch anmutenden Art wäre Lucien eine perfekte Haneke-Figur.

Supermarkt

Auf MUBI verfügbar bis: 26. Mai 2020

Ein junger Mann, der vom rechten Weg abkommt, steht auch in diesem deutschen Film noir aus dem Jahr 1974 im Zentrum. Es geht um einen Herumtreiber und Kleinkriminellen, ständig auf der Flucht vor der Polizei, der schliesslich zum Mörder wird. Neben dem flotten Erzähltempo gefiel mir an diesem Film auch die triste Grossstadt-Atmosphäre Hamburgs.

Der Protagonist erinnerte mich zeitweilig ein klein wenig an Robert De Niros Taxi Driver, bevor der Film dann gegen Ende eher in Richtung Dog Day Afternoon geht. Für die ganz grosse Begeisterung fehlte mir bei dem Film eine packende Story - diese drehte sich für mich ein wenig zu sehr im Kreis. Doch eine kleine MUBI-Entdeckung ist der Streifen allemal.

Tony Manero

Auf MUBI verfügbar bis: 25. Mai 2020

Vom jungen Loner zu dem etwas älteren. Tony Manero, benannt nach John Travoltas Titelhelden aus Saturday Night Fever, porträtiert einen 52-jährigen Aussenseiter in Chile im Jahr 1978, der vom amerikanischen Tanzfilm besessen ist und seinem Vorbild nacheifert. So setzt er alles daran, an einem TV-Tanzwettbewerb den ersten Platz zu gewinnen und geht dabei auch über Leichen.

Es ist dies der zweite Film von Pablo Larraín, der später mit No, Jackie oder jüngst Ema auch internationale Beachtung erlangt hat. Ich bin allerdings seit jeher kein grosser Fan des chilenischen Regisseurs und hatte zumeist Mühe mit seinen unnahbaren Charakteren, die schweigend in ihrer Welt herumziehen und dabei absonderliche Dinge tun.

Das ist hier nicht anders. Der Möchtegern-Tänzer ist ein nicht nur ein unsympathischer Kotzbrocken, sondern konnte mir auch nie wirklich seine John-Travolta-Obsession verkaufen. Immerhin: Die Szenen, in denen er mit heiligem Ernst die Travolta-Moves nachtanzt, sind von absurder Komik. Ansonsten ist Tony Manero der wohl unspassigste Tanzfilm ever.

Southland Tales

Auf MUBI verfügbar bis: 4. Mai 2020

Zu guter Letzt habe ich mir schliesslich nochmals Richard Kellys vielgescholtenen Film von 2006 angeschaut. Wie gerne wäre ich damals in Cannes dabei gewesen, als er von den Kritikern gnadenlos in der Luft zerrissen wurde! Nach dem zweiten Mal schauen muss ich allerdings sagen, dass dies nicht ganz berechtigt war.

Gewiss, Kellys Zukunftsvision strotzt vor Ambition, ist kompliziert, überlang und nicht immer wirklich schlüssig. Gleichzeitig mag ich aber gerade solche Filme, die es wagen, die Zuschauer dermassen zu verwirren. Kellys Zukunftsvision wirkte auf mich beim zweiten Schauen auf eine Art faszinierend. Und hey, Dwayne «The Rock» Johnson, Sarah Michelle Gellar und Justin Timberlake in solch abgedrehten Rollen zu sehen, das hat schon was!

Ich muss deshalb meine Wertung für Southland Tales um einen Stern nach oben korrigieren. Wer weiss: Vielleicht wird es nach dem dritten Mal noch ein Stern mehr?

Auf der Watchlist

Yeah, MUBI hat eine neue Jim-Jarmusch-Reihe gestartet! Und beginnt gleich mit zwei Filmen, die ich noch nicht gesehen habe: seinem Debüt Permanent Vacation und dem Johnny-Depp-Western Dead Man, der ohnehin schon lange auf meiner Watchlist ist. Klar, dass ich mir die beiden Filme nicht entgehen lasse.

Und dann wäre da noch Jean-Luc Godard: Drei Filme von ihm bietet MUBI derzeit im Rahmen der Reihe «Godard und die Groupe Dziga Vertov». Wer diese MUBI-Reihe verfolgt, dürfte inzwischen wissen, dass ich mich für dieses Thema nicht so recht begeistern mag. Um mich selbst ein wenig unter Druck zu setzen, verspreche ich aber an dieser Stelle: Mindestens einen der drei Filme will ich nächste Woche schauen! In diesem Sinne bis nächsten Freitag!

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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