Simons MUBI-Woche #6: Prost!

Unser Redaktor grub sich diese Woche in die Tiefen von MUBI und erlebte unter anderem ein Saufgelage mit einem Hollywoodstar, einen dänischen Skandalfilm und eine irre Zirkusaufführung.

Jacques Tati in «Parade». © STUDIOCANAL GmbH

Ab dieser Woche werde ich meine MUBI-Berichte etwas neu strukturieren. So lasse ich die Sektionen «Neu dabei» und «Letzte Chance» weg und befasse mich dafür etwas ausführlicher - und übersichtlicher - mit den Filmen, die ich geschaut habe. Am Schluss kommt unter «Auf der Watchlist» noch ein Ausblick über meine nächsten geplanten Filme.

Die vergangene MUBI-Woche war streng. Nicht unbedingt im Hinblick auf die Anzahl Filme, sondern eher im Hinblick auf deren Machart. Vier der sechs Filme waren nämlich Dokumentar- oder zumindest Semidokumentarfilme aus den Siebzigern und Achtzigern. Ich entschuldige mich im Voraus dafür, in den nächsten Abschnitten das Wörtchen «anstrengend» inflationär zu benutzen.

Calcutta / Humain trop humain

Auf MUBI verfügbar bis: 26. April 2020 / 12. Mai 2020

Definitiv anstrengend waren die zwei Dokumentarfilme des französischen Regisseurs Louis Malle: Calcutta und Humain trop humain. Ersterer ist sozusagen ein Nebenprodukt seiner siebenteiligen TV-Dokumentation Phantom India, wo er nicht verwendetes Material zu einem eigenständigen Film zusammengeschnitten hat. Zweiterer wirft einen Blick auf die monotonen Abläufe in einer französischen Autofabrik.

Und nun ja, monoton sind beide Filme. Derjenige über die indische Millionenmetropole besitzt immerhin noch einen gewissen informativen Mehrwert und ist bei aller Eintönigkeit wenigstens ein interessantes Zeitdokument aus einer Stadt, die bereits vor 50 Jahren mit Problemen wie der Bevölkerungsexplosion und der Armut konfrontiert war - globale Probleme, die sich heute in vielen Millionenstädten noch verschärft haben.

Der zweite Malle-Dokumentarfilm, Humain trop humain, tendiert in Sachen Informationswert hingegen in Richtung Null. Konzept ist, die Monotonie der Fabrikarbeit auch für die Zuschauer spürbar zu machen. Ok, Konzept verstanden. Doch so etwas sollte man sich eher nicht freiwillig antun. Zumal die Themen im Gegensatz zu denjenigen von Calcutta etwas angestaubt sind. Denn inzwischen erledigen ja grösstenteils Roboter solche monotonen Arbeiten - was freilich zu neuen Problemen führt, doch das ist dann Stoff für einen anderen Film.

Pharos of Chaos

Auf MUBI verfügbar bis: 24. April 2020

Der dritte Vertreter der Kategorie «anstrengende Dokumentation» war Pharos of Chaos aus dem Jahr 1983. Ein deutsches Team aus Filmemachern besuchte den aus Filmen wie Johnny Guitar und Dr. Strangelove bekannten Schauspieler Sterling Hayden auf seinem Kahn in Frankreich, wo er ein Aussteigerleben führte und fleissig Whiskey konsumierte.

Hayden hatte zweifelsohne ein faszinierendes Leben. Doch dieser Film ist hauptsächlich die Dokumentation eines mehrtägigen Saufgelages, in dem Hayden angetrunken und reichlich zusammenhangslos über sein Leben, Frauen, Politik und Was-sonst-auch-immer schwadroniert, ständig begleitet von seinen charakteristisch-herausfodernden Rückfragen «Hmm?» oder «You followin'?». Nun, meine Antwort auf letztere Frage lautete leider «Sorry, not at all, sir!»

So muss ich auch zugeben, dass ich bei allen drei genannten Filmen etwas getan habe, worüber ich sonst eigentlich die Nase rümpfe: Ich habe die Filme mit «Second Screen» geschaut und nebenher noch ein wenig andere Dinge erledigt. Ein wenig schäme ich mich dafür - aber wenn ich meine Aufmerksamkeit zu 100 Prozent auf diese Filme konzentriert hätte, wäre ich wohl irgendwann in eine Sinnkrise geraten. Wer mir nachfühlen möchte, kann das übrigens noch bis heute um Mitternacht machen - so lange ist der Film noch auf MUBI verfügbar.

Parade

Auf MUBI verfügbar bis: 16. Mai 2020

Kommen wir zu einem weniger anstrengenden Film: Auch Jacques Tatis letztes Werk Parade, das fürs schwedische Fernsehen produziert wurde, ist dokumentarischer oder zumindest semidokumentarische Natur. Denn bei diesem Mitschnitt aus einer Zirkusaufführung in Stockholm weiss man als Zuschauer nie so genau, was Show ist und was nicht - die Grenzen zwischen Zuschauern und Künstlern verschwimmen.

In seinem Abschiedswerk bietet der französische Regisseur nochmals einen witzigen Mix mit absurd-komischen Darbietungen im bunten Siebziger-Interieur. Es mag daraus kein Meisterwerk wie Playtime geworden sein - der Film, mit dem er sich finanziell ruiniert hat -, aber doch ein schöner kleiner Film für die Laune.

The Idiots

Auf MUBI verfügbar bis: 2. Mai 2020

Weniger gute Laune macht Lars von Triers Film. Er ist schon eine Weile auf MUBI, ich habe ihn aber lange vor mir hergeschoben. Denn mag der puristische «Dogma 95»-Ansatz damals noch der letzte Schrei unter Avantgarde-Filmemachern gewesen sein, ist das Handkamera-Gewackel heute vor allem eines: Jawohl, ihr habt's erraten: anstrengend. Ausserdem bin ich seit jeher nicht der grosse Fan von Gewohnheitsprovokateur Lars von Trier.

Insofern war ich wiederum positiv überrascht von The Idiots. Er war weniger anstrengend als befürchtet. Die Geschichte über eine Gruppe von Aussteigern, die sich als geistig Behinderte ausgeben, hat mich für knapp zwei Stunden bei der Stange gehalten. Natürlich wäre es nicht ein echter von Trier, würde er nicht Dinge zeigen, die in anderen Filmen nicht gezeigt werden. So auch eine explizite Sexszene, für die der Film damals berüchtige Bekanntheit erlangte. Aber sie schien mir im Gegensatz zu späteren Filmen von Triers (hallo, Nymphomaniac) natürlicher in die Handlung eingebaut und weniger krampfhaft um Provokation bemüht.

Sabah

Auf MUBI verfügbar bis: 6. Mai 2020

Der letzte Streifen, den ich diese Woche geschaut habe, fällt ziemlich aus der Reihe. Sabah war der deutlich am leichtesten zu schauende Film diese Woche. Die kanadische Rom-Com über eine muslimische Frau in Toronto, die sich in einen Nicht-Muslim verliebt und so ihre Familie gegen sich aufbringt, ist trotz der ernsten Themen nett und kurzweilig, aber auch ein wenig harmlos.

Sympathisch, aber auch schnell wieder vergessen; es fehlen die ganz grossen Momente. Fast wundert man sich ein wenig, dass sich ein so konventionell gemachter Film auf MUBI verirrt. Aber Abwechslung tut auch mal gut!

Auf der Watchlist

Ich brauche mal ein bisschen eine Pause von anstrengenden Filmen! Aus diesem Grund werde ich nächste Woche wohl keinen der beiden Godard-Filme schauen, die er zusammen mit seinem marxistischen Künstlerkollektiv Groupe Dziga Vertov gedreht hat. Obwohl, bei Tout va bien spielen immerhin Jane Fonda und Yves Montand mit! Mal schauen, vielleicht wage ich's trotzdem.

Ansonsten freue ich mich auf Lacombe Lucien, nach den beiden zähen wieder ein «richtiger» Film von Louis Malle. Wenn ich zweieinhalb Stunden Zeit habe, werde ich mir vielleicht noch einen Rewatch von Richard Kellys Southland Tales geben, bevor er rausfliegt. Und natürlich bin ich gespannt, was die nächste Woche an Neuerscheinungen so bringt.

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