Südkoreanische Serien auf Netflix - Teil 1

Nach dem Oscar-Gewinn von «Parasite» neugierig geworden? Freelancerin Teresa ist in die Tiefen von Netflix getaucht und ist mit drei südkoreanischen Serien-Tipps wieder aufgetaucht.

Vagabond © Netflix

Gemessen an der Auswahl, die auf Netflix angeboten wird, gehören Serien aus Südkorea ganz offensichtlich zu den beliebtesten. Weltweit nimmt das Interesse für die koreanische Popkultur, sei es Essen, Musik oder Filme, nicht ab und scheint eher noch zu wachsen.

Mit dem Oscargewinn an Parasite von Bong Joon-ho ist die Filmkultur aus Südkorea nun endgültig ins Augenmerk eines breiten Publikums gerückt. Serien produziert und exportiert das Land bereits seit etwa zwei Jahrzehnten erfolgreich. Gemeinsam mit Netflix ist aktuell eine erstaunliche Fülle an neuen, aber auch etwas älteren Serien online sichtbar.

Doch was lohnt sich genau, kann die Qualität gehalten werden und wie unterscheiden sich die einzelnen Serien? Strikte Einteilungen in einzelne Gattungen können bei koreanischen Serien genauso wenig wie bei den Spielfilmen vorgenommen werden. Das ist eine der Stärken dieser Filmtradition, dass sie Genres mischt, dass Thriller auch immer etwas Humor enthalten oder Romantik und umgekehrt.

Im Wesentlichen lassen sich aber trotzdem die Serien nach zwei Hauptschwerpunkten unterscheiden: Spannung-Krimi-Thriller oder Romantik-Komödie. Im Folgenden soll zunächst die erste Kategorie berücksichtigt werden.

Ein Stuntman löst einen Korruptionsskandal - Vagabond

Bei einem Flugzeugabsturz kommen über zweihundert Menschen ums Leben. Fast die Hälfte sind dabei Kinder einer koreanischen Judo-Jugendmannschaft, die sich auf dem Weg nach Marokko zu einem Turnier befanden.

Dieses Szenario erinnert schmerzlich an das Fährunglück, das 2014 in Korea eine ähnliche Anzahl Opfer gefordert hat. Mehrere Schulklassen waren damals auf einem Ausflug, als das Schiff sank. Die Umstände waren und sind noch immer enigmatisch, man wirft der Regierung um die damalige Präsidentin Park, Fehlverhalten vor in Bezug auf Bergung und beschuldigt sie der Vertuschung.

Mit Vagabond entwickeln Regisseur Yoo In-sik und den Drehbuchautoren Jang Young-chul und Jung Kyung-soon stellvertretend für den wahren Fall einen eigenen Lösungsweg. Die Serie könnte vielleicht einerseits als Katharsis für das Land wirken, doch andererseits schürt sie auch die Fantasie aller, die an Verschwörungen glauben.

Doch müssen einem die Parallelen zu den echten Ereignissen nicht vertraut sein, um die Serie als spannungsreich und mitreissend geniessen zu können. Originell ist in erster Linie, dass die Ermittlungen ein Stuntman vornimmt. Cha Dal-gun (Lee Seung-gi) ist für seine waghalsigen Stunts bekannt, er ist ein hitzköpfiger, etwas mürrischer Kerl, der sich um seinen Neffen kümmert, seit dessen Eltern verstarben.

Der Neffe wird Opfer des Absturzes. Gemeinsam mit einer jungen und von ihrem Chef unterschätzten Geheimdienstagentin (Bae Suzy) macht sich Dal-gun auf die Suche nach der Wahrheit. Handelt es sich um einen Unfall, der durch Vernachlässigung entstanden ist oder um einen Terrorakt, der die weltweite Rüstungsindustrie betrifft?

In sechzehn Folgen à 70 Minuten jagt das Ermittlerpaar einer attraktiven, skrupellosen Unternehmenschefin, einer Jetset-Auftragsmörderin, einem Soldaten der nordkoreanischen Sondereinheit, einem windigen Geheimdienstmitarbeiter, einem aalglatten Pressesprecher des Präsidenten und dem Regierungschef selbst hinterher. Immer wieder kommt es zu neuen Wendungen, die die Protagonisten genauso wie den Zuschauer fassungslos gegenüber der Kaltblütigkeit der Menschen hinterlässt.

Die Serie wartet mit herausragenden Kampf- und Actionszenen auf und einer aussergewöhnlichen Dichte der Erzählung. Die zärtliche Liebesgeschichte, die sich zwischen den beiden Hauptfiguren andeutet, sorgt zudem für humorvolle Einzelszenen, die typisch für koreanische Filme und Serien sind. Während sie ihm Berufsleben und sonstigen Alltag selbstsicher auftreten, schleicht sich in Liebesdingen bei den Figuren eine übermässig vorsichtige und prüde Art ein, die in westlichen Augen ungewöhnlich und irgendwie niedlich erscheint.

Ein Mann verschwindet und taucht in einzelnen Körperteilen wieder auf - The Lies Within

Kurz vor seiner Versetzung zurück in sein Heimatdorf muss sich ein Kriminalkommissar mit dem Tod eines Abgeordneten und dem Verschwinden von dessen Schwiegersohns befassen. Schnell steht fest, dass jemand Interesse daran hat, beides als Selbstmord darzustellen. Als aber die abgetrennte Hand des Schwiegersohns in einem Karton mitten auf einem öffentlichen Platz gefunden wird, verwickeln sich die Umstände.

Kommissar Jo (Lee Min-ki) hat ein Team von Leuten, die bei der Polizei alle als Aussenseiter gelten: zum einen die burschikose Frau mit der grossen Klappe, dann der Anfänger, der seine Versetzung zur Gruppe als Strafarbeit ansieht und schliesslich sein gutmütiger, aber initiativschwacher Vorgesetzter, der sich gegenüber des Polizeipräsidenten nicht durchsetzen kann.

Einmal mehr thematisiert die Serie The Lies Within den Einfluss, den erfolgreiche Unternehmen auf die Politik und den Polizeiapparat nehmen können. Es geht um Korruption und die Ausnutzung von sozial Schwächergestellten im Namen des Profits.

Abgesehen von der spannenden Handlung der Serie, zeigt sie auch einen interessanten gesellschaftlichen Aspekt Südkoreas auf. Eine weitere Hauptfigur ist die Ehefrau des einen vermissten Mannes und Tochter des verstorbenen Abgeordneten. Sie wird von den Entführern wiederholt kontaktiert, und man verlangt von ihr, in die Fussstapfen ihres Vaters zu treten.

Auf ihrem Weg in die Politik ist sie die einzige Frau weit und breit. Sie muss an Essen teilnehmen, bei denen sich die Männer fröhlich zuprosten, sich nicht immer galant zeigen und eine Frau ganz offensichtlich der Eindringling ist. Politik und Unternehmensführung sind in Korea noch weit von einer ausgeglichenen weiblichen Präsenz entfernt.

Das Raubein und die Dame mit dem feinen Gehör - Voice

Jede Stimme eines Menschen ist einzigartig. Von dieser Prämisse geht die Kriminalserie Voice aus, in der eine ambitionierte junge Frau Kang Kwon-joo (Lee Ha-na) die Leitung der Notrufzentrale einer mittelgrossen Stadt übernimmt und diese für eine bessere Effizienz umstrukturiert. Als Leiter des «Golden Team» will sie den Kriminalpolizisten Moo (Jang Hyuk) einsetzen. Dieser ist nach dem Mord an seiner Frau vor drei Jahren abgestürzt, hat ein Alkoholproblem und wurde degradiert.

Für jeden Notruf gibt es eine «goldene Zeit», eine Zeit, während der ein Verbrechen verhindert oder gelöst werden könne, bevor es zu Opfern kommt. Kang kann eine besondere Fähigkeit einsetzen: Ihr Gehör ist viel besser als das eines normalen Menschen. Mit diesem Gehör kann sie Moo anleiten, wenn sie einen Notruf erhält und am Telefon Geräusche hört, die auf den Standort des Opfers deuten. Neben der Bearbeitung verschiedener Fälle, bei denen einer brutaler als der andere ist, möchte Kang den wahren Täter von Moos Frau Ermordung fassen.

Die Charakterzeichnung macht die Serie besonders sehenswert. Die Hauptfiguren wie auch viele der Nebenfiguren zeichnen sich durch realitätsnahe Züge aus. Die Fälle sind ein etwas zu übertrieben, aber bringen Spannung in die Handlung, weswegen sie auch gut zum Gesamtbild passen.

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