Simons MUBI-Woche #5: Doppel- und Dreierpack

Sechs Filme hat unser MUBI-Experte in der vergangenen Woche geschaut. Allerdings stammen sie von gerade mal drei verschiedenen Regisseuren. Und fünf davon waren in Schwarz-Weiss.

Die beiden «Hot Fuzz»-Cops blödeln nur noch bis am 21. April auf MUBI. © Universal

Das Streamingportal MUBI ist so etwas wie das Netflix für Arthouse-Freaks und Liebhaber alter Filme. Jeden Tag kommt ein neuer Film dazu, nach 30 Tagen fliegt er raus. In dieser Serie wirft unser Redaktor Simon (ebe) wöchentlich einen Blick auf die neuen Filme und auf jene, die man schnell noch anschauen muss, bevor sie verschwinden. Zudem gibt er einen persönlichen Wochenrückblick über sein persönliches MUBI-Programm. Viel Spass!

Neu dabei

1930, 1953, 1959, 1971, 1973, 1974 und 2013. Wäre der polnische Film Papusza nicht, so hätten wir diese Woche einen cineastischen «Jurassic Park» mit Filmen zwischen 46 und 90 Jahren. Aber ich will mich nicht etwa beklagen: Gerade bei angejahrten Filmen findet sich immer wieder mal eine Perle - und das ist ja auch ein Grund, warum ich mein MUBI-Abo bezahle.

Trotzdem: Das Ergebnis der dieswöchigen Auswahl ist, nun ja, durchzogen. Interessant ist sicher das Frühwerk des französischen Film-noir-Regisseurs Jean-Pierre Melville, von dem MUBI gleich drei Filme hintereinander ins Rennen geschickt hat. Und alle drei habe ich bereits geschaut - mehr dazu weiter unten. Ebenfalls freue ich mich auf einen weiteren Film von Jacques Tati, den ich noch nicht kenne: Parade aus dem Jahr 1974.

Nicht besonderlich erpicht war ich hingegen auf Vladimir et Rosa, das nächste Elaborat der kommunistischen Godard-Mannschaft Groupe Dziga Vertov. Nachdem ich bereits letzte Woche einen Film des Kollektivs mehr schlecht als recht durchgestanden habe, hatte ich so meine Zweifel, ob ich mir dies nochmals antun möchte.

Letzte Chance

Achtung, diese Woche fault gleich eine ganze Menge von eher mainstreamigen Filmen raus: Source Code, My Son My Son What Have Ye Done, Viva Maria, Escape from New York und, nicht zu vergessen, Hot Fuzz sind nur noch wenige Tage verfügbar. Also schnell schauen, bevor es zu spät ist!

Frommer Wunsch an MUBI: Vielleicht zwischendurch auch wieder was Hot-Fuzziges aufschalten? Einfach für die Balance? Ich schaue ja gerne auch anstrengende Filme, aber so eine «Belohnung» zwischendurch ist doch immer gut für die Motivation.

Gesehen!

Sechs Filme waren's diese Woche, involviert sind jedoch nur drei Regisseure. Vom bereits erwähnten Jean-Pierre Melville habe ich gleich ein Dreierpack an Filmen geschaut. Der erste, Le silence de la mer, ist gleichzeitig der unzugänglichste. Er erzählt die Geschichte eines deutschen Offiziers, der während des Zweiten Weltkrieges bei einem Grossvater und dessen Nichte einquartiert wird. Während der Offizier, ein schöngeistiger Kunstfreund, mit den beiden in Kontakt kommen will, begegnen diese ihm mit eisigem Schweigen, sodass die Dialoge zu Monologen werden. Wegen dieser Monologe ist der Film auch etwas anstrengend zu schauen, dennoch hat mir die bedrückende Atmosphäre durchaus zugesagt. Moral von der Geschicht: Ein Schweigen sagt mehr als tausend Worte.

Ungleich unterhaltsamer ist da der zweite Film meiner Melville-Trias. Quand tu liras cette lettre erzählt die Geschichte eines notorischen Verführers und Kleinganoven, der an eine resolute Ex-Nonne gerät und diese rumkriegen will. Dank flotter Handlung wird dieser Film nie langweilig, allerdings sind die Figuren dermassen hohl gezeichnet, dass man sie am liebsten ohrfeigen möchte. Der sarkastische Schluss hingegen ist nach meinem Geschmack. Und, als kleiner Trost, dass ich dieses Jahr wegen Corona nicht nach Cannes kann: Der Film spielt in der besagten Filmfestivalstadt.

Am besten gefallen von den drei Melvilles hat mir Deux hommes dans Manhattan. Die Geschichte dreht sich um zwei Journalisten, die einen verschwundenen Diplomaten suchen und bietet nicht nur stylische, mit Jazzmusik unterlegte Aufnahmen von New York in der Nacht, sondern wirft auch ein Licht auf fragwürdige journalistische Praktiken - und das noch ein Jahr, bevor Federico Fellini mit La dolce vita den Ausdruck «Paparazzo» etablierte. Mein MUBI-Highlight diese Woche!

Ebenfalls auf dem Programm standen zwei Stummfilme des sowjetischen Regisseurs Aleksandr Dovzhenko: Arsenal und Earth. Trotz der für damaligen Zeit unvermeidbaren Propaganda für den Bolschewismus gelten seine Filme heute als Meisterwerke. Mich hat an den beiden Filmen vor allem die Bild- und Tongewalt beeindruckt. Wenn die Handlung aus heutiger Sicht auch nicht besonders ausgefeilt ist, so schafft Dovzhenko doch Szenen, die im Gedächnis haften bleiben - auch dank der Kombination mit der Musik. Wobei allerdings Arsenal im Jahr 2017 im Rahmen der digitalen Restaurierung neu vertont worden ist, weil die Original-Tonspur des Films nicht mehr auffindbar war.

Tja, und nach fünf Schwarzweissfilmen gönnte ich mir zur Entspannung John Carpenters Vampires. Die Story über eine Gruppe von Vampirjägern konnte mich zwar nicht so richtig hinter dem Ofen hervorlocken, dennoch mochte ich den Film, vor allem dank Carpenters unverkennbarer Musik und der stimmigen Westernatmosphäre. 22 Jahre hat der Streifen nun auch schon wieder auf dem Buckel! Und was ist eigentlich aus James Woods geworden?

Die vollständige Liste, Stand 17. April 2020

Source Code
Regie: Duncan Jones
USA, 2011
Verfügbar bis 17. April 2020
Unsere Review

My Son, My Son, What Have Ye Done?
Regie: Werner Herzog
USA, Deutschland, 2009
Verfügbar bis 18. April 2020
Unsere Review

Viva Maria!
Regie: Louis Malle
Frankreich, 1965
Verfügbar bis 19. April 2020

Escape from New York
Regie: John Carpenter
Grosbrittannien, 1981
Verfügbar bis 20. April 2020
Unsere Review

Hot Fuzz
Regie: Edgar Wright
Grosbrittannien, 2007
Verfügbar bis 21. April 2020
Unsere Review

Die Dritte Generation
Regie: Rainer Werner Fassbinder
Deutschland, 1979
Verfügbar bis 22. April 2020

Der Havarist
Regie: Wolf-Eckart Bühler
Deutschland, 1984
Verfügbar bis 23. April 2020

Pharos of Chaos
Regie: Manfred Blank
Deutschland, 1983
Verfügbar bis 24. April 2020

Vampires
Regie: John Carpenter
USA, 1998
Verfügbar bis 25. April 2020

Calcutta
Regie: Louis Malle
Frankreich, 1969
Verfügbar bis 26. April 2020

Gerry
Regie: Gus van Sant
USA, 2002
Verfügbar bis 27. April 2020

Shame
Regie: Ingmar Bergman
Schweden, 1968
Verfügbar bis 28. April 2020

Party
Regie: Govind Nihalani
Indien, 1984
Verfügbar bis 29. April 2020

Arsenal
Regie: Aleksandr Dovzhenko
Sowjetunion, 1929
Verfügbar bis 30. April 2020

Nona. If They Soak Me, I'll Burn Them
Regie: Camila José Donoso
Chile, 2019
Verfügbar bis 1. Mai 2020

The Idiots
Regie: Lars von Trier
Dänemark, 1998
Verfügbar bis 2. Mai 2020

Le souffle au coeur
Regie: Louis Malle
Frankreich, 1972
Verfügbar bis 3. Mai 2020

Southland Tales
Regie: Richard Kelly
USA, 2006
Verfügbar bis 4. Mai 2020
Unsere Review

The Home and the World
Regie: Satyajit Ray
Indien, 1984
Verfügbar bis 5. Mai 2020

Sabah
Regie: Ruda Nadda
Kanada, 2005
Verfügbar bis 6. Mai 2020

Le vent d'est
Regie: Groupe Dziga Vertov
Italien, 1970
Verfügbar bis 7. Mai 2020

The Grand Bizarre
Regie: Jodie Mack
USA, 2018
Verfügbar bis 8. Mai 2020

Le silence de la mer
Regie: Jean-Pierre-Melville
Frankreich, 1949
Verfügbar bis 9. Mai 2020

Quand tu liras cette lettre
Regie: Jean-Pierre-Melville
Frankreich, 1953
Verfügbar bis 10. Mai 2020

Deux hommes dans Manhattan
Regie: Jean-Pierre-Melville
Frankreich, 1959
Verfügbar bis 11. Mai 2020

Humain, trop humain
Regie: Louis Malle
Frankreich, 1974
Verfügbar bis 12. Mai 2020

Papusza
Regie: Joanna Kos-Krauze
Polen, 2013
Verfügbar bis 13. Mai 2020

Vladimir et Rosa
Regie: Groupe Dziga Vertov
Frankreich, 1971
Verfügbar bis 14. Mai 2020

Earth
Sowjetunion, 1930
Regie: Aleksandr Dovzhenko
Verfügbar bis 15. Mai 2020

Parade
Frankreich, 1974
Regie: Jacques Tati
Verfügbar bis 16. Mai 2020

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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