Simons MUBI-Woche #4: Marxismus und Action

Die Filme, die MUBI-Spezialist Simon diese Woche geschaut hat, könnten unterschiedlicher nicht sein: vom marxistischen Kind-of-Western über ein Wes-Anderson-Vorbild bis hin zur Actionkomödie.

Diese hübsche Dame gibt's in Richard Kellys «Southland Tales» © Universal

Das Film-Streamingportal MUBI ist so etwas wie das Netflix für Arthouse-Freaks und Liebhaber alter Filme. Jeden Tag kommt ein neuer Film dazu, nach 30 Tagen fliegt er wieder raus. In dieser Serie wirft unser Redaktor Simon (ebe) wöchentlich einen Blick auf die neuen Filme und auf jene, die man schnell noch anschauen muss, bevor sie verschwinden. Zudem gibt er einen persönlichen Wochenrückblick über sein persönliches MUBI-Programm. Viel Spass!

Neu dabei

Puuuh. Diese Woche haben die MUBI-Leute mal wieder allerhand obskures Zeug ausgegraben. Das dürfte eher tough werden. Jemand Lust auf einen marxistischen Western unter der Regie von einem Künstlerkollektiv um Jean-Luc Godard? Dann los, Le vent d'est schauen! Ich hab's getan. Mehr dazu lest ihr weiter unten. Spoiler: Es war ... öhm ... «speziell». Spannender klingt da schon Le silence de la mer aus dem Jahr 1949. Das ab heute verfügbare Kriegsdrama über einen alten Mann und seine Nichte, die sich während des Weltkrieges gezwungen sehen einen deutschen Offizier aufzunehmen, hat meine Neugier geweckt.

Ein kleines Zückerli unter vielen unbekannteren Filmen ist zudem Richard Kellys viel geschmähter Southland Tales. Es ist der erste der vielversprechenden neuen Reihe «Von der Schönheit des Scheiterns». Darin soll erneut ein Blick geworfen werden auf Box-Office- oder Kritiker-Flops, Filme mit schwierigen Produktionsbedingungen oder Filme, die sonst irgendwie nicht richtig verstanden wurden. Ich bin sehr gespannt, was uns MUBI in dieser Reihe noch präsentiert.

Letzte Chance

Wer noch dreieinhalb Stunden Zeit vörig hat, sollte sich unbedingt noch «schnell» Rainer Werner Fassbinders Welt am Draht reinziehen. Der TV-Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1973 ist meine grosse MUBI-Entdeckung von letzter Woche. Er ist noch bis Ostermontag auf MUBI verfügbar. Also, ihr wisst, was ihr an Ostern vorhabt!

Wer am heutigen Karfreitag noch mehr Zeit zum Totschlagen hat und sich mal so einen richtig sperrigen Hardcore-Arthousefilm anschauen möchte, kann sich auch am zweieinhalbstündigen japanischen Beitrag Domains versuchen. «Es gibt wohl keinen Film, der so rätselhaft und zugleich transparent ist», schreibt MUBI und attestiert dem Film eine «unerwartet fesselnde» Struktur. Nun ja. Mich hat es alles andere als gefesselt, weshalb ich nach rund 30 der 150 Minuten aufgegeben habe.

Gesehen!

Sechs Filme waren's diese Woche. Wobei einer davon nur mit halber Aufmerksamkeit. Denn beim oben erwähnten Godard-Kollektiv-Western Le vent d'est sind meine Gedanken immer wieder abgewandert, statt den aus dem Off gesprochenen marxistischen Parolen rund um Klassenkampf, Kapitalismus und Freiheit zu folgen. Es handelt sich hier mehr um ein politisches Manifest als um einen Film, allenfalls historisch von einem gewissen Interesse. Wenn man es nur als Film betrachtet, lautet mein Urteil jedoch, man nenne mich Banause: ungeniessbar! Diese 90 Minuten könnt ihr euch sparen.

Ähnliches muss ich leider von meinem zweiten Fassbinder-Film sagen. Ich hatte ja gehofft, dass ich nach Welt am Draht zum Fan des Regisseurs werden könnte. Doch sein anderer derzeit auf MUBI verfügbarer Streifen, Die dritte Generation, hat diese Hoffnung wieder gedämpft. Die Komödie über eine Gruppe versiffter Möchtegern-RAF-Terroristen hat mich in ihrer fahrigen Machart weder gepackt noch amüsiert. Obwohl nur etwas mehr als 100 Minuten lang, hat sie sich länger angefühlt als der doppelt so lange Welt am Draht, den ich vor Wochenfrist geschaut habe.

Von der Louis-Malle-Retrospektive habe ich gleich zwei Filme geschaut. Die beiden Filme haben mir unterschiedlich zugesagt. Le feu follet, ein Drama über einen depressiven Alkoholiker, der sich umbringen möchte, empfand ich als zäh und seltsam unterkühlt. Hingegen gefiel mir der Coming-of-Age-Film Le souffle au coeur recht gut. Es soll übrigens ein Lieblingsfilm von Wes Anderson sein, was nicht erstaunt. Zumindest scheint jetzt klar, wofür dieser 25 Jahre später die Inspiration für Rushmore hatte.

Weiter durfte ich Matt Damon und Casey Affleck dabei zuschauen, wie sie sich in der Wüste verrirren. In Gerry frönt Gus van Sant mal wieder seinem bekannten Minimalismus. Denn von den 100 Minuten sind vielleicht etwa fünf oder zehn Dialog. Der Rest ist latschen, latschen, latschen. Und trotzdem übte der Film auf mich einen gewissen Reiz aus, gerade auch weil er auf die in solchen Filmen sonst üblichen, aber meist unnötigen Rückblenden und Erzählungen verzichtet. Diese Elemente haben mir beispielsweise auch Wild vermiest. Gerry hingegen überlässt alles der Interpretation der Zuschauer, was mir durchaus zusagt.

Das krasse Gegenstück dazu ist Hot Fuzz, von dem ich mir einen Rewatch gegönnt habe - als «Belohnung» sozusagen für die zähen Momente, die ich erdulden musste (hallo, Monsieur Godard!). Die Actionkomödie über einen Streber-Cop, der in ein englisches Kaff strafversetzt wird und dort Ungeheuerlichem auf die Schliche kommt, funktioniert auch 14 Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch. Vielleicht kommt zur Auflockerung auf MUBI ja schon bald der nächste Film von Edgar Wrights Cornetto-Trilogie? Ich wäre bereit dafür!

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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