Simons MUBI-Woche #3: Welt am TV

Einmal Actionklassiker, einmal Westernkomödie, einmal Bergman. Doch das wirkliche Highlight dieser Woche war ein fast dreieinhalbstündiger deutscher Fernsehfilm aus dem Jahr 1973.

25 Jahre vor «The Matrix»: Rainer Werner Fassbinders TV-Science-Fiction-Film «Welt am Draht» © STUDIOCANAL GmbH

Das Film-Streamingportal MUBI ist so etwas wie das Netflix für Arthouse-Freaks und Liebhaber alter Filme. Jeden Tag kommt ein neuer Film dazu, nach 30 Tagen fliegt er raus. In dieser Serie wirft unser Redaktor Simon (ebe) wöchentlich einen Blick auf die neuen Filme und auf jene, die man schnell noch anschauen muss, bevor sie rausfliegen. Zudem gibt er einen persönlichen Wochenrückblick über sein persönliches MUBI-Programm. Viel Spass!

Neu dabei

Die MUBI-Programmierer scheinen meinen Bericht von letzter Woche auch gelesen und kalte Füsse gekriegt zu haben, dass sie nach Edgar Wright und John Carpenter plötzlich zu mainstreamig werden. Die Auswahl dieser Woche ist wieder ganz MUBI-like.

So gibt's neu einen sowjetischen Stummfilm aus dem Jahr 1929 (Arsenal), eine indische Politsatire von 1984 (Party) und einen mir bislang unbekannten chilenischen Film aus dem Jahr 2019 mit dem seltsamen Titel Nona. If They Soak Me I'll Burn Them. Plus Ingmar Bergman, plus Lars von Trier plus Gus van Sant.

Dessen Gerry - mit Matt Damon und Casey Affleck! - bringt doch wenigstens noch etwas Hollywood in die Stube. Aber auch von den anderen Filmen möchte ich mir wenigstens den einen oder anderen anschauen. Den sowjetischen Stummfilm dürfte ich mir zumindest aus filmhistorischem Interesse eigentlich nicht entgehen lassen. Auch wenn ich jetzt offen gesagt nicht gerade soo scharf drauf bin.

Letzte Chance

Wer sich den indischen Imdb-Top-250-Film 3 Idiots noch anschauen möchte, kann das noch bis morgen tun. Ich habe ihn bereits früher schauen können und spare mir diesmal die drei Stunden - doch kann ich ihn sehr empfehlen.

Ebenfalls empfehlen, wenn auch mit Vorbehalten, kann ich Zazie dans le métro, der nur noch bis morgen Samstag verfügbar ist. Die Kinderbuchverfilmung von Louis Malle ist zugegebenermassen wegen der wirren Storry manchmal etwas anstrengend, aber kunterbunt und voller absurder Ideen.

Und auch The Countess from Hong Kong den letzten Spielfilm von Charlie Chaplin, verfügbar bis nächsten Donnerstag, sollte man als Filmfan eigentlich schon einmal gesehen haben. Auch wenn der Film trotz Sophia Loren und Marlon Brando nicht so richtig in die Gänge kommt und wohl nicht ganz zu Unrecht allgemein als einer der schwächsten Chaplins angesehen wird.

Gesehen!

Nach den sieben Filmen von letzter Woche habe ich's diese Woche «nur» auf fünf geschafft. Wobei einer davon satte 200 Minuten dauerte, also mit Fug und Recht als zwei Filme gezählt werden darf - zumal ich ihn auch in zwei Teilen geschaut habe. Dazu unten gleich mehr.

Zuerst hingegen die Enttäuschung: Journal d'un curé de campagne habe ich jetzt doch noch geschaut, nachdem ich im ersten Anlauf nicht über die ersten zehn Minuten hinausgekommen bin. Der Film von Robert Bresson über einen jungen Geistlichen, der an seinem Glauben zweifelt, gilt als Meisterwerk, deshalb schäme ich mich ein bisschen, zuzugeben, dass ich ihn in seiner eintönigen Dialoglastigkeit in erster Linie irre langweilig fand. Shame on me!

Shame - gutes Stichwort. So heisst nämlich auch der Ingmar-Bergman-Film aus dem Jahr 1968 mit Liv Ullmann und dem kürzlich verstorbenen Max von Sydow. Das Drama zeigt, was der Krieg aus einem Musiker-Ehepaar macht und konnte mich in seiner Düsterheit in seinen Bann ziehen - nicht zuletzt dank der zwei starken Hauptdarsteller.

Das Hauptdarsteller-Duo war auch in Viva Maria! die grosse Attraktion - und dies nicht nur in optischer Hinsicht. Dank Brigitte Bardot und Jeanne Moreau ist Louis Malles flapsige Westernkomödie über zwei Striptease-Tänzerinnen, die den mexikanischen Bürgerkrieg aufmischen, sehenswert, wenn auch zwischendurch etwas langfädig. Trotzdem sicher einer der unterhaltsameren Filme, die derzeit auf MUBI sind.

Gleiches gilt auch für John Carpenters Klassiker Escape from New York, von dem ich mir diese Woche einen Rewatch gegönnt habe. Kurt Russell, der als einäugiger «Snake» Plissken das Hochsicherheitsgefängnis Manhatten infiltriert, um den amerikanischen Präsidenten zu retten, das Ganze untermalt mit John Carpenters charakteristischer Musik, das hat einfach Kultpotenzial.

Wobei ich bei Film Nr. 5 wäre, dem Dreieinhalbstünder. Ich habe mir ohne grosses Vorwissen Rainer Werner Fassbinders Welt am Draht reingezogen. Der Film wurde 1973 fürs deutsche Fernsehen produziert und dort als Zweiteiler ausgestrahlt. Anlässlich der Berlinale 2010 wurde eine restaurierte Fassung präsentiert und anschliessend auf DVD und Blu-ray veröffentlicht. Seither können sich auch Filmfans, die damals noch nicht gelebt haben, den Film zu Gemüte führen.

Und was soll ich sagen: Der Streifen hat mich fasziniert - ja, solche Filme sind der Grund, dass ich das MUBI-Abo bezahle. Natürlich kenne ich Fassbinder, aber ich wäre wohl nicht auf die Idee gekommen, mir eine über dreistündige TV-Produktion aus dem Jahr 1973 anzutun. Um so überraschter war ich, wie dieser Science-Fiction-Mindfuck-Film viele Themen von Filmen wie The Matrix, eXistenZ oder sogar Inception vorweggenommen hat.

Zugegeben, das langsame Erzähltempo, das körnige TV-Bild - das den eigentlich tollen visuellen Ideen Fassbinders nicht ganz gerecht wird - sowie einige für die Zeit typische filmtechnische Manierismen machen den Film etwas anstrengender zu schauen als die oben genannten Hollywoodvertreter. Dennoch: Diese dreieinhalb Stunden waren definitiv keine verschwendete Zeit! Ich überlege mir sogar den Kauf der Blu-ray. Wer das nicht gleich tun möchte, sich aber trotzdem ein Bild machen will, hat noch zehn Tage Zeit - der Film ist noch bis 13. April verfügbar.

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