So waren die oscarnominierten Kurzfilme

Zum ersten Mal wurden in der Schweiz die Oscar-nominierten Kurzfilme in den Sparten "Animiert" und "Live-Action" in ausgewählten Kinos gezeigt. OutNow hat sich die beiden Blöcke angeschaut.

Bild aus "Sister" © DCM

Einige ausgewählte Kinos in der Deutschschweiz zeigen in der Woche vor den Oscars die nominierten Animations- und Live-Action-Kurzfilme (wir berichteten). Wir waren im Zürcher Kosmos und haben uns die zehn Kandidaten (plus einige zusätzliche im Block Animation) angeschaut.

Die Filme der beiden Sektionen wurden an einem Stück mit ganz kurzen Einleitungen gezeigt. Im Abspann gab es bei einigen noch Reaktionsvideos von der Nomination zu sehen. Während die meisten echt schienen, gab es paar wenige, die gestellt wirkten. Dennoch war es schön, die Freude in den Gesichtern der Macher zu sehen, denn die Kurzfilm-Oscars sind oft ein Karriere-Sprungbrett.

Übrigens kann die Hälfte dieser Filme in voller Länge kostenlos gestreamt werden, die Links findet ihr beim jeweiligen Abschnitt. Weiter werden die hier besprochenen Kurzfilm-Blöcke in den kommenden Wochen noch ein paar Mal in verschiedenen Kinos zu sehen sein. Alle Spielzeiten findet ihr hier.

Animation

Hair Love

© DCM


Regie: Matthew A. Cherry, Everett Downing Jr. und Bruce W. Smith
Dauer: 7 Minuten
Synopsis: Ein Mädchen möchte sich mit Hilfe eines YouTube-Videos schön frisieren. Der erste Versuch misslingt, da holt sie ihren Vater zur Hilfe. Doch der benötigt etwas Überwindung bei dieser haarigen Angelegenheit.
Fazit: Hair Love erzählt eine rührende Geschichte, ist zugänglich und nicht zu abgefahren, was den Animationsstil angeht. Die kleine Auflösung setzt dem ganzen die Krone auf. Er erzählt auch keine politisch oder gesellschaftlich hochrelevante Geschichte, wie das andere Filme in dieser Liste tun. So ist dieser Film einfach schön und gefühlvoll inszeniert, ohne zu viel zu wollen.
Wertung: 4.5 von 6 Sternen

Ganzer Film: YouTube

Daughter - Dcera

© DCM


Regie: Daria Kashcheeva
Dauer: 15 Minuten
Synopsis: Hier wird's bereits schwierig. Ein Mann liegt im Krankenbett, während seine Tochter betrübt daneben sitzt. Beide schwelgen in Erinnerungen und denken über die verpasste Zeit nach. Glauben wir zumindest.
Fazit: Dcera ist einer dieser "Ist das Kunst oder kann das weg?"-Filme. Wir wurden uns nicht ganz einig. Die Handlung ist schwer nachvollziehbar, da zum einen nicht gesprochen wird und zum anderen viel über das Übersinnliche und Fantastische erzählt wird. So vermischt sich das Ganze zu einem ominösen, über-kryptischen Produkt. Die Animation wiederum ist beeindruckend, jedoch nicht sehr zugänglich. Das Charakterdesign ist ziemlich abstrakt und melancholisch, und die Kamera wirkt oft wie aus der Hand. Das ist technisch herausfordernd und toll umgesetzt. Allerdings nicht so unser Fall.
Wertung: 3 von 6 Sternen

Trailer: YouTube

Mémorable

© DCM


Regie: Bruno Collet
Dauer: 12 Minuten
Synopsis: Ein älteres Paar merkt, dass sich die Welt um sie herum zu verändern beginnt. Vor allem der Mann scheint je länger, je vergesslicher...
Fazit: Mémorable punktet in erster Linie mit seinem einzigartigen Stil. Mit den groben Pinselstrichen wirken die Stop-Motion-Figuren wortwörtlich vom Leben gezeichnet. Ausserdem wird das Thema Demenz auf verschiedene Arten wunderbar visuell widergespiegelt. Zusammen mit den Protagonisten erleben wir, wie ihre Welt langsam aber sicher zu verschwinden droht. Dazu überzeugt die emotionale Geschichte, sodass uns dieser Film noch lange im Gedächtnis bleiben wird.
Wertung: 5 von 6 Sternen

Trailer: YouTube

Sister

© DCM


Regie: Siqi Song
Dauer: 8 Minuten
Synopsis: Ein Knabe erzählt von seiner Schwester, die im Babyalter seine Welt auf den Kopf stellte.
Fazit: Der wollige Stil von Sister ist etwas gewöhnungsbedürftig, die Stop-Motion-Animation ist aber liebevoll gemacht und entlockt den Zuschauern mit einigen seltsamen Gags ein Lachen. Die Wendung gegen Ende kommt unerwartet, funktioniert aber toll. Auch eher auf der Artsy-Seite, aber charmant umgesetzt und mit einer wichtigen Message versehen.
Wertung: 4.5 von 6 Sternen

Trailer: YouTube

Kitbull

© DCM


Regie: Rosana Sullivan
Dauer: 9 Minuten
Synopsis: Ein streunendes Büsi fühlt sich in seinem kleinen Revier von einem neu angekommenen Pitbull bedroht.
Fazit: Kitbull ist eigentlich nur ein animiertes Katzenvideo. Der simple, etwas grobe Stil gefällt, die Katze kriegt mit wenig Details viel Charakter, vor allem durch die Augen. Und der Film ist einfach wahnsinnig herzig. Das ist bei Katzen quasi gegeben, aber nicht nur das Büsi-Sein, auch die Geschichte über Vorurteile überzeugt. Nicht zu komplex und nicht zu anspruchsvoll, aber herzerwärmend und schnusig.
Wertung: 5 von 6 Sternen

Ganzer Film: YouTube

Live-Action

A Sister

© DCM


Regie: Delphine Girard
Dauer: 16 Minuten
Synopsis: Eine junge Frau ruft in die polizeiliche Notrufzentale an, während sie mit ihrem Entführer im Auto sitzt.
Fazit: Die Geschichte wirkt etwas bekannt (wir erinnern uns an The Guilty), funktioniert aber dennoch. Mit zwei Locations und zwei klaren Protagonisten bleibt die Handlung einfach, fesselt aber ab der ersten Sekunde. Ausserdem ist er gut gespielt und umgesetzt. Allerdings wartet man stets auf die Pointe, die aber irgendwie nie kommt. Trotzdem sehenswert.
Wertung: 4.5 von 6 Sternen

Trailer: YouTube

Brotherhood

© DCM


Regie: Meryam Joobeur
Dauer: 25 Minuten
Synopsis: Ein junger Mann kommt nach langer Zeit verheiratet zu seiner Familie zurück, doch sein Vater ist gar nicht erfreut.
Fazit: Einer der zwei politisch relevantesten Filme der Auswahl. Im Nahen Osten angesiedelt, packt Regisseurin Meryam Joobeur gleich mehrere brisante Themen ihrer Heimatregion in 25 Minuten. Die Spannung steigt in diesem eher engen Setting mit jeder Minute, denn immer wieder werden wir mit kleinen Informationshäppchen und Auflösungen gefüttert. Ein richtig gut gespieltes und geschriebenes Drama, das das Potenzial zum Langfilm hat.
Wertung: 5 von 6 Sternen

Ganzer Film: Vimeo

The Neighbors' Window

© DCM


Regie: Marshall Curry
Dauer: 20 Minuten
Synopsis: Ein verheiratetes Paar beobachtet die neu eingezogenen Nachbarn, die einen wilden, freien Lebensstil zu pflegen scheinen.
Fazit: Wie sagt man so schön? Das Gras ist immer grüner... Die Geschichte von The Neighbors' Window spielt sich eigentlich im Nachbarshaus ab, doch wie wir sind auch die Protagonisten nur Zuschauer. Beide Ehepartner gaffen fasziniert, beinahe obsessiv, auf die freizügigen Jungspunde gegenüber, während ihre eigene Ehe mit Kindern und, Zitat, "Nippeln wie Schleifpapier" nicht mehr so prickelt wie auch schon. Der dritte Akt lässt die ganze Story dann aber in einem neuen Licht erscheinen, was richtig gut funktioniert.
Wertung: 5 von 6 Sternen

Ganzer Film: YouTube

Saria

© DCM


Regie: Bryan Buckley
Dauer: 23 Minuten
Synopsis: Ein Mädchen lebt mit Dutzenden anderen Mädchen in einem mexikanischen Waisenhaus, welches eher einem Knast gleichkommt, und versucht zu entkommen.
Fazit: Saria ist keine leichte Kost. Dank seiner Thematik politisch sehr relevant, überzeugt der Film einerseits mit den Schauspielerinnen, bei denen es sich ausschliesslich um Laiendarstellerinnen handelt. Andererseits zeigt der Film ein brüchiges System auf, bei dem junge Frauen im mittleren Teenager-Alter wie Schwerverbrecher gehalten und sogar vergewaltigt werden. Das Ende scheint etwas gehetzt, Regisseur Bryan Buckley hätte hier bestimmt gerne noch mehr gezeigt.
Wertung: 5 von 6 Sternen

Trailer: YouTube

Nefta Football Club

© DCM


Regie: Yves Piat
Dauer: 17 Minuten
Synopsis: Zwei Jungen finden am Strassenrand einen Esel mit Kopfhörern und einer lukrativen Ladung.
Fazit: Nefta Football Club ist der einzige dieser Live-Action-Shorts mit etwas Leichtigkeit. Der kleine Twist ist ganz charmant, das Ende witzig, wenn auch ziemlich klar. Die zwei jungen Hauptdarsteller gefallen und aufgenommen wurde er auch schön. So gab's zum Schluss zwar eine angenehme Aufheiterung, viel bleib aber nicht hängen.
Wertung: 4.5 von 6 Sternen

Ganzer Film: YouTube

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OutNow.CH
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