"Pavarotti": Das Interview mit Nicoletta Mantovani, Witwe von Luciano Pavarotti

Am ZFF fand die Schweizer Premiere des Dokfilmes über Luciano Pavarotti statt. Seine zweite Ehefrau, Nicoletta Mantovani, schritt deshalb über den grünen Teppich. Zuvor traf sie OutNow zum Interview.

Nicoletta Mantovani mit Luciano Pavarotti © Pathé Films AG

Nicoletta Mantovani hält die Erinnerung an Luciano Pavarotti hoch und ist für die Stiftung in seinem Namen viel unterwegs. Sie organisiert Konzerte und unterstützt junge Talente. Durch ihre Initiative entstand in der Villa des Maestros ein Museum, in dem Gegenstände aus seiner ganzen Karriere und aus seinem privaten Leben ausgestellt werden. Am Nachmittag vor der Gala-Vorstellung am Zurich Film Festival hatte OutNow die Möglichkeit, sich mit Nicoletta Mantovani zu unterhalten.

Was haben Sie empfunden, als Sie Luciano das erste Mal begegnet sind?
Wir haben uns durch einen Zufall kennengelernt. Vielleicht war es auch Schicksal. Ich war eine unglaublich schüchterne Studentin und auf der Suche nach einem Nebenjob. Ein Freund meines Vaters organisierte den Pferdewettbewerb, den Luciano angestossen hatte. Sie suchten jeweils einige "Mädchen für alles" im Sommer. Ich ging zu der Dame, die das Einstellungsgespräch machen sollte und die Leute sagen mir, dass sie sich hinter einer Tür befand. Also öffnete ich sie und dahinter stand Luciano ganz alleine. Ich fand das seltsam, da er immer von vielen Leuten umgeben war. Ich habe die Tür sofort wieder geschlossen und er rief: "Nein, kommen Sie nur herein!" Schlussendlich musste ich eintreten und ich war sehr aufgeregt. Mir war übel, denn ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Wenn ich aufgeregt bin, sage ich immer blöde Dinge. Er schaute Pferde an und ich fragte ihn, ob er Pferde mag. Er antwortete: "Nun, ja. Die nächste Frage, die Sie mir stellen können, ist, ob ich gerne singe." Danach begannen wir zu sprechen und ich weiss noch, dass ich mit einem erröteten Gesicht immer auf den Boden starrte und schwitzte. Nach etwa einer Stunde ist die Dame gekommen, die mich einstellen sollte. Wir brachten das Bewerbungsgespräch hinter uns, ich wurde eingestellt und von da an kam mich Luciano jeden Tag im Büro besuchen. Am Anfang wusste ich nicht, warum. Danach hatten wir Gelegenheit, einige Male auszugehen und er lud mich ein. So begann diese Liebesgeschichte, die am Anfang für uns beide sehr befremdlich war. Wir entschieden uns, nicht weiterzumachen. Ich sagte, dass mir nicht danach war und er entgegnete, dass ich mit ihm kommen sollte. Er musste gerade hierher in die Schweiz reisen. Ich lehnte ab und er wollte, dass ich wenigstens zum Flughafen kam, um mich von ihm zu verabschieden. Ich war damit einverstanden und ich ging zum Flughafen und wenig später fand ich mich im Flugzeug wieder und ich ging nie mehr zurück. So spielt das Leben manchmal. Das war mein erstes Erlebnis mit ihm.

© Pathé Films AG

Wie hat Luciano diesen glasklaren und weichen Klang hinbekommen, der ihn noch heute von allen anderen Tenören abhebt?
Luciano war sehr religiös. Er sagte immer, dass Gott ihm einen Teil dieses Talents geschenkt hatte. Sein ganzes Leben wollte er es besser als er selbst machen, um Gott für dieses Geschenk zu danken und diesem so Tribut zu zollen. Er spürte, dass er ein Träger dieses Talents war, das er in die Welt heraustragen und mit den Menschen teilen musste. Darum war er mit sich selbst nie zufrieden. Er war nie mit anderen in Konkurrenz, sondern mit sich selbst und er wollte sich immer verbessern. Darum hat er viel seines Lebens dem Üben, der Technik und der Disziplin gewidmet. Für ihn war der Gesang keine Hingabe, sondern Ergebenheit, was ein völlig anderes Konzept ist. Er machte das mit einer solch grossen Leidenschaft, dass es die Priorität in seinem Leben darstellte. Er spürte, dass er es am bestmöglichen machen musste. Gott hat Luciano diesen ganz speziellen Klang gegeben und er hat viel daran gearbeitet.

Wie viel übte Luciano?
Seit jeher übte er mindestens zwei Stunden am Tag. Er fuhr auch gegen Ende seiner Karriere damit fort, als viele dachten, dass er es nicht mehr nötig hatte. Für ihn war das sehr wichtig und er erzählte mir oft, dass er mit zwölf bis dreizehn Jahren verstanden hatte, dass er genau das tun musste. Sein Vater brachte ihn in die Oper, wo er Beniamino Gigli (einer der grössten Tenöre seiner Zeit, Anm. d. Red.) traf, der von klein auf sein Idol gewesen war. Mit seinem Vater als Tenor wollte Luciano in dessen Fussstapfen treten und so fragte er Beniamino Gigli, wie viel er geübt hatte, um ein Tenor zu werden. Er antwortete ihm: "Ich habe vor fünf Minuten aufgehört." Das ist ihm geblieben. Wenn er singen wollte, dann sein ganzes Leben lang. Und er hatte Recht. Man hört nie auf zu lernen, aber das sollte für das Leben aller Menschen gelten.

© Pathé Films AG


Das hohe C gilt als Olymp eines Tenors. Welche Bedeutung hatte dieser Ton für Luciano?
Das hohe C hat Luciano einem breiten Publikum bekannt gemacht. Er war der erste, dem die Arie aus "La fille du régiment" mit dieser grossen Abfolge von hohen C aus voller Brust gelang, so wie es geschrieben war. Er machte während den Proben mit dem Dirigenten Richard Boninge (dem Ehemann der Sopranistin Joan Sutherland, Anm. d. Red.) eine Wette und er versuchte es. Es gelang ihm dann tatsächlich und von dort an erschienen viele Artikel über den Tenor, der die hohen C aus voller Brust gehalten hatte. Er sagte immer, dass ein Tenor die Höhen beherrschen müsse, aber dass es ihm auch gelingen müsse, die Menschen zu berühren. So musste er auch ganz wichtige Piani im Griff haben und diese waren zu der Zeit oft gar nicht zu hören. Doch laut Luciano waren es die Piani, die den Weg in die Herzen der Menschen fanden.

Welche Beziehung hat Ihre Tochter Alice heute zu ihrem Vater?
Alice war viereinhalb Jahre alt, als Luciano starb. Sie selbst hat also einige Erinnerungen an ihn. Dann kommen die Erinnerungen hinzu, die auf Video festgehalten sind und die sie von Erzählungen hört. Sie erinnert sich gut daran, dass Luciano gemeinsam mit ihr malte und sie sich zusammen Zeichentrickfilme anschauten. Sie schauten sich vor allem Nemo an, denn Luciano war ein Fan davon. Natürlich weiss Alice vor allem auch durch die Erzählungen von uns, die ihn auch als Person erlebt haben, wer Luciano war. So kann sie sich langsam ein Bild von ihm machen und diese Mosaiksteinchen zusammensetzen. Es ist eine grosse Begegnung und es ist nicht einfach, da sie keine Möglichkeit mehr hat, mit ihm zu sprechen.

© Pathé Films AG


Wie teilte Luciano die Zeit unterwegs und zuhause auf?
Unterwegs war er stets auf Zack. Es war etwas turbulent, denn alle vier Tage reisten wir in eine andere Stadt oder sogar in ein anderes Land. Wir kamen an und am Tag danach fanden die Proben statt. Am darauffolgenden Tag war das Konzert und einen weiteren Tag danach reisten wir weiter. Als er Opern machte oder an anderen grösseren Produktionen in Opernhäusern und Theatern beteiligt war, kam es vor, dass er zwei bis drei Wochen vor Ort war. Es gab zwei Zeiten, zu denen er frei hatte. Er machte im Monat August Pause, die er immer in Pesaro verbrachte. Anfang Jahr zwischen Januar und Februar gingen wir für eineinhalb Monate nach Barbados, was seine Winterpause darstellte. Natürlich kommen noch die Weihnachtstage hinzu. Ansonsten war er immer unterwegs. Zuhause gab er viele Gesangslektionen. Er wollte immer jungen Sängern helfen, da auch ihm geholfen wurde, als er jung war. Er wollte immer von dem, was er bekommen hatte, etwas zurückgeben und er machte das kostenlos. Mit seiner Stiftung versuchen wir, diesen Gedanken hochzuhalten. Wir geben keinen Gesangsunterricht, da wir nicht Luciano sind, aber wir geben den Jungen die Möglichkeit, aufzutreten. Wir organisieren Konzerte, damit sie die Möglichkeit haben, sich mit sich selbst und dem Publikum zu konfrontieren und einem Theateragenten aufzufallen. Als Stiftung haben wir den Traum, eine Akademie mit Lucianos Parametern zu gründen, die ihm gewidmet ist. Sie muss kostenlos sein und alle sollen aufgenommen werden, auch diejenigen, die kein Konservatorium absolviert haben, da auch er selbst nie an einem solchen gewesen war. Luciano sagte immer, dass die Stimme eine wilde Blume ist, die überall wachsen kann und die man nur entdecken muss. Das war sein Credo.

Der Dokumentarfilm Pavarotti läuft ab dem 10. Oktober 2019 in den Kinos.

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OutNow