"Diego Maradona": Das Interview mit Regisseur Asif Kapadia

Asif Kapadia dreht grossartige Promi-Dokus, die clever zusammengeschnitten und so richtig mitreissend sind. Wir trafen ihn anlässlich der Schweizer Premiere seiner Maradona-Doku in Locarno.

Asif Kapadia und Diego Maradona © DCM

Der englische Regisseur Asif Kapadia dreht Dokumentarfilme, die ohne Talking Heads auskommen: Keine Labertaschen im Bild, sondern ausschliesslich Originalfilmmaterial mit meist berühmten Protagonisten spannend zusammengeschnitten. Für Amy, sein Werk über die Sängerin Amy Winehouse, gewann er den Oscar. Sein Film über den Formel-1-Fahrer Ayrton Senna begeisterte auch Motorenmuffel. Neu in den Schweizer Kinos: Diego Maradona. Der Film über den gefallenen Fussballgott begeisterte bereits an den Festivals von Cannes und Locarno. OutNow.CH traf Kapadia zum Interview.

OutNow: Warum soll sich ein Fussball-Laie einen Film über Diego Maradona anschauen?
Asif Kapadia: Ich selber bin Fussballfan und deshalb voreingenommen. Aber ich interessiere mich für Charaktere. Maradonas Situation ist interessant, dramatisch und cineastisch. Er war per Zufall ein brillanter Fussballer, aber im Film geht es darum, woher er kam und was er durchmachen musste.

OutNow: In Diego Maradona ist seine Zeit in Neapel für ihn prägend.
Asif Kapadia: Wir haben auf seine Persönlichkeit fokussiert. Es war weniger wichtig, was auf dem Feld stattfindet, sondern wo sich das Spielfeld befindet. Nämlich in Neapel. Napoli in den Achtzigerjahren wird zur Figur im Film. Dort sucht Maradona eine Heimat. Einen Ort, an dem er zeigen kann, dass er der beste Spieler der Welt ist. In dieser verrückten aber auch intensiven Stadt mit wunderbaren Menschen. Die beiden passen perfekt zusammen, sind aber auch das Schlimmste füreinander.

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OutNow: Ist deshalb Maradonas Zeit beim FC Barcelona nur kurz angeschnitten?
Asif Kapadia: Es gab verschiedene Schnittfassungen. Es wurde von fünf auf vier und dann auf drei Stunden runtergeschnitten. Es gab die Version mit viel Barça. Diegos Leben besteht aber aus einer Reihe von Kreisen. Er geht hoffnungsvoll irgendwo hin. Es gibt ein Missverständnis, etwas geht schief. Das führt zum Desaster. Und er ist sozusagen "tot". Dann macht er wieder etwas Fantastisches, alle lieben ihn, und wieder geht etwas schief: Seine Drogensucht. Seine Beziehungen. Er schaut aber nie zurück und verarbeitet die Situation. Er geht immer weiter. Die Geschichten wiederholen sich. Die grösste Geschichte war Napoli. Dort kommt er am Tiefpunkt an, gewinnt die Scudetti (ital. Meisterttitel Anm. d. Red.) - zum ersten Mal für den FC Neapel. Dann wird er Weltmeister, als bester Spieler der Welt. All seine persönlichen Probleme manifestieren sich in Neapel. Barcelona war nur ein Aufwärmen. Barça wurde so zum Intro im Film.

OutNow: Eine Schlüsselaussage des Films ist von Maradonas Konditionstrainer Fernando Signorini.
Asif Kapadia: Signorini war nicht nur sein Personal Trailer, er musste ihn auch mental trainieren. Er kannte nicht nur Maradonas Körper sondern auch sein Gehirn. Er war der erste mit dem Geistsblitz, dass Diego und Maradona unterschiedliche Figuren sind. Der süsse Bub und das taffe Kind der Strasse. Maradona schwingt zwischen den beiden hin und her, aber Diego braucht Maradona, um weiterzukommen. Ich sah Signorini auf Archivaufnahmen. Alle sagten, wir sollten ihn treffen. Es half, als er merkte, dass ich Senna gemacht habe. Signorini hat keine Angst, sprach offen über alles. Auch Diegos Psychologie. Amy Winehouse und Ayrton Senna hatten offensichtliche externe Gegner. Bei Maradona war weniger klar, mit wem er sich zoffte. Er hatte diese "Bronca" wie man in Argentinien dazu sagt. Eine ungebändigte Wut, die einen ums Überleben kämpfen lässt. Signorini hat das Duale in Maradona als erster erkannt.

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OutNow: Amy Winehouse wurde von Paparazzi belästigt. Diego hingegen wurde von einer ganzen Stadt belagert.
Asif Kapadia: Diego ist teils wie Amy, teils wie Senna. Ein lateinamerikanischer Sportheld, der eine ganze Nation stolz macht, Auch Napoli holte er aus der Position des Underdogs zum Meistertitel gegen die grossen Clubs aus dem Norden Italiens. Er ist aber auch ein Kind, das sich hinter der Macho-Welt versteckt. Wie Amy leidet er, macht sich zu viele Sorgen und endet in der Sucht. Er ist aber auch Diego Maradona, der Dinge kann wie kein anderer Mensch auf dieser Welt. Die Paparazzi sind nur ein Teil davon. Spannend ist aber, dass trotz seines Lebenswandels keine Fotos von ihm beim Feiern entstanden sind. Sogar im Land, das die Paparazzi erfunden hat. Wir fanden zu Beginn seiner Napoli-Periode keine Attacken der Medien auf ihn, obwohl ihm viele Leute nahe sein wollten. Das änderte sich erst später zur Fussball-WM 1990.

OutNow: Die Entstehung des Films dauerte drei Jahre. Wie geht man dabei vor? Sichtet man zuerst das Material oder gibt es ein Drehbuch?
Asif Kapadia: Der Prozess hat sich entwickelt. Bei Senna gab es eine Person, die alles über ihn wusste. Der Autor war ein grosser Fan, der ihn studiert und analysiert hat. Wir starteten mit einer Zusammenfassung auf Papier, die wir dann kondensiert haben. Gleichzeitig sichteten wir Material und interviewten weiterer Personen. Bei Amy gab es keinen Experten. Das war mein erster Film ohne Papier. Ich interviewte einfach los. Amys Musik hat uns getrieben. Dabei wurde mir klar, dass ich eigentlich ein Verbrechen analysiere. Ich realisierte, dass es das falsche war, eine Kamera ins Spiel zu bringen. Diese Leute misstrauten den Medien. Ich musste Vertrauen gewinnen. Bei Maradona wiederum war die Hauptfigur involviert und brachte eigenes Filmmaterial mit. Er hatte einen privaten Kameramann, der ihn über die Jahre filmte. In Barcelona, Neapel, teils sogar als er noch bei Boca Juniors in Argentinien spielte. Wir hatten Zugang zum Material und zum Menschen.

OutNow: Ich stelle mir das schwierig vor.
Asif Kapadia: Wir mussten rausfinden, wer die Wahrheit sagt. Claudia, Maradonas Exfrau, und er kommen heute nicht aus miteinander. Claudia hat ihn zum Drehbeginn verklagt. Aber Claudia kannte Diego schon, als sie 15 war, und sie ist die Mutter seiner zwei Kinder. Wir mussten mit ihr reden. Dazu gab es ein Research-Team, das sich alles anschaut. Und die Interviews auf der ganzen Welt, die ich führte: Diego in Dubai. Die Argentinier in Buenos Aires. Und die Italiener in Napoli. Eine epische Geschichte. Mein Cutter Chris King beginnt mit dem Schneiden nach etwa einem Jahr. Ich denke dabei aber schon wieder voraus. Was fehlt? Wohin geht's nun? Es ist ein organischer Prozess.

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OutNow: Anders als bei Amy und Senna lebt der Hauptprotagonist diesmal noch.
Asif Kapadia: Ja. Maradona lebte fast doppelt so lange wie Amy. Sein ganzes Leben passt nicht in einen Film. Maradona ist ein guter Geschichtenerzähler. Aber ist der Mensch, der mir 2016/17 gegenübersitzt, derselbe wie der aus den Achtzigern, den ich aus dem Filmmaterial kenne? Eine lebende Person ist vielleicht nicht der beste Augenzeuge der eigenen Lebensgeschichte. Eine widersprüchliche Herausforderung. Viele haben mir etwas erzählt, aber die echte Person, um die es im Film geht, erzählt etwas diametral anderes. Wem hört man da zu?

OutNow: Hat Diego Maradona eine Meinung zum Film?
Asif Kapadia: Die Nachlassverwalter von Senna und Amy Winehouse waren interessierter, das fertige Produkt zu sehen als Diego Maradona. Er lebt halt immer noch einfach weiter. Man würde meinen, Lebende mischen sich mehr ein, bei Diego war es aber umgekehrt. Diego hat den Film immer noch nicht gesehen. Er ist einfach zu beschäftigt.

OutNow: Fussballfilme gelten als unattraktives Genre.
Asif Kapadia: Es ist ein schwieriges Thema, um einen Film daraus zu machen. Auch weil es viele "Player" gibt. Beim Boxen, bei einem Wettrennen, oder auch bei der Formel 1 ist man fokussiert auf eine Person. Eine Einzelperson, die gegen eine andere kämpft, ist einfacher zu handhaben. Auch amerikanische Sportarten, die nach dem Stop-Start-Prinzip funktionieren, sind simpler. Dort gibt es auch einen Helden wie z.B. den Quarterback oder den Pitcher gegen den Hitter. Im Fussball passiert alles zur selben Zeit. Wenn man ein Spiel am TV verfolgt, sieht man nur einen kleinen Teil der Geschichte. Im Stadion sieht man eine ganz andere Geschichte.

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OutNow: Wer folgt auf Amy, Senna und Maradona?
Asif Kapadia: Mein Background sind fiktionale Filme. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Dokus drehe. Senna sollte ein Einzelfall werden. Amy war ein sehr persönlicher Film. Ich komme wie sie aus dem Norden Londons. Sie war fast wie das Mädchen von nebenan für mich. Ich kannte sie nicht persönlich, aber ich lebte im selben Quartier für zehn Jahre. Da wollte ich der Story wirklich auf den Grund gehen. Jetzt möchte ich etwas anderes machen. Es soll nicht um eine einzelne Person gehen, sondern über den Zustand der Politik. Es passiert gerade überall etwas Ähnliches. In Grossbritannien, den USA, in Europa. Wer steckt dahinter? Wie sind da die Verbindungen?

Diego Maradona läuft ab dem 5. September 2019 in den Schweizer Kinos.

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OutNow.CH