Das Venedig-Tagebuch von OutNow.CH - Tag 1: Von neugierigen Zivilpolizisten, einem Lamborghini auf Abwegen und einer nicht besonders originellen Schnittfassung

Heute war Festivalbeginn auf dem Lido. Für uns Venedig-erprobtes OutNow-Team sollte der Startschuss der 76. Ausgabe jedoch noch keine Schweissperlen auf der Stirn auslösen. Dachten wir.

© OutNow.CH

Nach langer Anreise per Zug, Flugzeug, Boot, Bus und Fahrrad endlich am Ziel angelangt - und somit kurz vor der Anmeldung und dem Abholen des heiligen Festivalbadges - mussten zwei der vier OutNow-Teilnehmer gleich eine erste wahre Prüfung bestehen. Nachdem wir die erste Security-Kontrolle problemlos gemeistert hatten und wir uns dem roten Teppich näherten, wurde die Lage schlagartig prekär. Zwei mit einem schlichten Stern-Badge uniformierte Zivilpolizisten hatten das OutNow-Duo ins Auge gefasst. Als wäre es eine Bande Schwerverbrecher, wurde das Duo ausgequetscht, die IDs wurden ihnen abgenommen, eifrig telefonierten die Polizisten herum. Es schien, als wäre das Festival für die Hälfte des Teams bereits durch, bevor es angefangen hatte. In den Köpfen der beiden Kritiker brodelte es und wir schauten uns nur noch verdutzt an: «Was haben wir denn getan?» Nach einer gefühlten Ewigkeit kam dann glücklicherweise die Entwarnung. Ohne Aufklärung erhielten sie ihre Ausweise zurück, womit der Anmeldung nichts mehr im Wege stand.

Neben grossen Stars und Sternchen bewegt sich auch gerne die italienische Cervelat-Prominenz über den roten Teppich von Venedig. Menschen in Scharen versammeln sich vor dem Hauptgebäude und ein Durchkommen ist in solchen Fällen oft nur schwer möglich. Dies musste auch das OutNow-Team feststellen, als es sich gewohnt durch die Massen schlängelte und für dasselbe auf einmal nicht mehr weiter ging. Der Übeltäter war dieses Mal aber schnell gefunden. Mitten auf der von Fotografen und Fans gefüllten Strasse versuchte ein Lamborghini der Polizei sich Durchfahrt zu verschaffen. Offenbar ist ein solcher 1000-PS-Bolide auch auf dem Lido nicht alle Tage zu sehen. Zeitgemäss machten die Gaffer nicht anständig die Strasse frei, sondern kramten das Handy hervor und schossen fleissig Fotos. Auch OutNowler offenbarten sich in diesem Moment nicht gerade als Sittenwächter (siehe Foto).

Wie an jedem Filmfestival kann man auch in Venedig Werke bestaunen, die schon etwas älter sind. In diesem Jahr wird beispielsweise Eyes Wide Shut von Stanley Kubrick gezeigt. Auch mit Gaspar Noés Irréversible wird die Leinwand bespielt. Das Besondere daran ist allerdings, dass es sich bei dem Film zwar um eine Produktion aus dem Jahre 2002 handelt, der Climax-Regisseur hat aber nochmals am Editing geschraubt und seinen Schocker als Straight Cut präsentiert. Im Original läuft an dieser Stelle die Handlung rückwärts ab - eigentlich ist dies auch die Besonderheit des kontroversen Dramas. Noé zeigt heuer in einer etwas gestutzten Version (die schier endlose und ultrabrutale Vergewaltigungsszene ausgenommen) seinen Film linear vom Anfang bis zum Schluss erzählt. Was die Beweggründe für eine solche Schnittfassung sind, weiss wohl nur der Wahlfranzose. Gerade für Noé, der gerne Grenzen auslotet und dem Zuschauer die wildesten Ideen und Tricks an den Kopf wirft, ist das eher enttäuschend und unoriginell. Zudem wird das ungemütliche Werk mit chronologischer Erzählsstruktur dadurch auch nicht angenehmer. Vielleicht ist es aber auch einfach nicht die schlaueste Idee, sich bereits am ersten Tag des Festivals ein solches Biest zu Gemüte zu führen. Der OutNow-Kritiker war jedenfalls «gerädert und mehr als eingewärmt für die folgenden Festivaltage».

So zogen wir uns langsam aber sicher in die gemeinsame Wohnung zurück und erholten uns von den ersten turbulenten Erlebnissen auf dem Lido di Venezia.

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OutNow.CH