Das Cannes-Tagebuch von OutNow.CH - Tag 8: Mission Tarantino!

Am 21. Mai 2019 war es endlich soweit: Quentin Tarantino stellte seinen "Once Upon a Time in Hollywood" vor. Ob sich OutNow den Film ebenfalls ansehen konnte, erfahrt ihr hier.

Brad Pitt und Leonardo DiCaprio in "Once Upon a Time in Hollywood" © Sony

Wenn Quentin Tarantino einen neuen Film am Start hat, dann strömen die Massen ins Kino - und am Cannes-Filmfestival die Journalisten in den Palais des Festivals. Während sich eure, nennen wir sie mal lieben OutNow-Kritiker während den ganzen elf Tagen des Festivals voll ins Zeug legen, gibt es unter all den Schreiberlingen an der Croisette auch die Rosinenpicker. Meistens arbeiten diese für Zeitungen, die eine Kritik zu einem Film wie The Whistlers nicht gebrauchen können. Ok, wir wollen fair sein: Der Platz in einer Zeitung ist nun mal begrenzt. Aber trotzdem nervt man sich als Fleissiger, wenn dann bei den grossen Filmen plötzlich doppelt so viele Leute auftauchen - und die meisten von ihnen uns gegenüber einen besseren Badge haben und so eher in die Screenings kommen als wir.

Once Upon a Time in Hollywood ist ein solch grosser Film - zweifelsohne der grösste bei Cannes 72. Tarantino, DiCaprio, Pitt: alles Namen, welche eine Zeitungsseite (wenn nicht noch mehr) locker rechtfertigen. Aus diesem Grund begann schon vor dem Festival das grosse Rechnen. Wir präsentieren nun die "Facts and Figures":

Tarantinos Neuster läuft viermal: Zweimal für das normale Publikum, zwei Mal für die Presse. Normalerweise kriegt man auch bei den Vorstellungen für das Publikum als Pressemitglied jeweils noch einen Platz, doch wurde uns zu Beginn des Festivals klipp und klar gesagt, dass "Hollywood" die grosse Ausnahme dieser Regel sei. Also bleiben noch zwei Pressescreenings. In eines müssen wir einfach reinkommen.

Das erste Screening findet um 16:30 in der Salle Debussy statt, welches 1'100 Plätze besitzt. Das zweite wird es um 18:15 in der Salle Bazin geben, mit seinen im Vergleich mickrigen 278 Plätzen. In Cannes sind in diesem Jahr ca. 3000 Journalisten zugegen. Bedeutet, dass nicht mal jeder Zweite am Ende des Festivals den Tarantino gesehen haben wird. Weil die beiden OutNower mit ihren blauen Badges zur nicht so privilegierten Hälfte gehören, waren unsere Sorgen schon vor dem ersten Festivaltag gross: "Stell dir vor, es läuft Tarantino und du kommst nicht hin."

Wir entschieden uns bei unserem Schlachtplan recht früh für das Bazin-Screening. Die Überlegung dahinter: Die meisten werden sich für den 1'100-Plätze-Saal bemühen, sogar andere Kollegen mit blauen Badges. Wenn es diese jedoch nicht in das erste Screening schaffen, dann werden diese asap zum 278-Plätze-Kino rennen. Wenn wir jedoch von Anfang an vor dem kleineren Kino campieren, sind wir vor dieser Masse und haben höhere Chancen ins Kino zu kommen. Die einzige Sorge: Was ist, wenn nicht alle der höheren Kategorien in das grosse Kino gekommen sind und uns in unserem kleinen Kino nun die 278 Plätze vor der Nase wegschnappen? Mit dieser ständigen Angst machten wir uns um 14:30 (und damit 3 Stunden und 45 Minuten vor Filmbeginn) auf unsere "Mission Tarantino".

14:30 - Keine Sau hier - und auch keine Journalisten. Wir sitzen mal auf den Boden und schreiben Kritiken. Ein verwirrter Türsteher fragt, was wir hier machen. Einer der OutNower versucht mit seinem eingerosteten Schulfranzösisch eine Erklärung abzugeben.
14:35 - "Ok, habe mit dem Türsteher Freundschaft geschlossen, damit er sich in der Hektik oder wenn es eng wird, vielleicht an uns erinnert und uns deshalb reinlässt". - "Das bringt doch nichts." - "Klar bringt das was. Ich habe ihm sogar einen Kaffee angeboten.Der würde für mich jetzt sogar durchs Feuer gehen".
15:00 - Wir bekommen Gesellschaft von einem italienischen Kollegen. "Please, don't tell me that you are already queuing for Tarantino", sagt er. "Yes, we do", unsere Antwort. Nun sind wir zu dritt. Der Italiener klärt uns auf, dass es vor dem 1'100er-Kinosaal schon "crazy" zu und her gehe. Dabei fängt der Film dort erst in 90 Minuten an.
15:30 - Es füllt sich langsam auch bei uns. Bald dürfen wir aus Platznot nicht mehr am Boden sitzen.


15:45 - "Scheisse, jetzt dürfen wir tatsächlich nicht mehr sitzen. Jetzt müssen wir stehend anstehen. Nun kann ich nicht mehr schreiben." - "Ich kann ja deinen Laptop halten und du schreibst dann auf diesem weiter. Lass mich dein Stehpult sein". Romantischere Worte sind während dieser Cannes-Ausgabe bis jetzt noch nicht gesprochen worden.
16:15 - Aufgrund der Platznot wird unsere Schlange verschoben. Zum Glück nach vorne, weshalb wir unsere Pole-Position halten können.
16:30 - Wir erfahren, dass der italienische Kollege nicht nur nebenberuflich Verantwortlicher der Kritiker-Woche am Venedig-Filmfestival ist, sondern auch noch Schweizerdeutsch versteht und spricht. Zum Glück war er bisher umgänglich, sodass wir zuvor nicht über ihn auf Schweizerdeutsch ablästerten. Wär huere peinlich gsi.
17:00 - Langsam treffen auch die ersten rosa Badges ein, welche gegenüber uns Vorrang haben. Zur Erinnerung: Erscheinen 278 solche, heisst es "Game over" für uns.
17:15 - Die Saaltüren werden geöffnet und die rose Badges können rein - und das eine satte Stunde vor Filmbeginn. Normalerweise dürfen die Journalisten höchstens eine halbe Stunde vorher rein. Die "blaue Schlange" wird nervös. Wir wollen auch jetzt schon rein und wollen nicht zusehen, wie jetzt die "Rosa-lis" auch noch fünf Minuten vor Filmbeginn an uns vorbeispazieren.


17:20 - Es beginnt ein Gedränge. Die "blaue Schlange" ist zu einem Monstrum geworden und droht alles zu verschlingen, war sich ihr in den Weg stellt - oder drückt auch einfach nur die beiden OutNower zuvorderst immer mehr in die Abschrankung. "Ihr huere Möngis, lönd eus in Kinosaal inne, huere Gopfertammisiech."
17:25 - Wenn viele Menschen nahe beieinander sind, dann kann die Temperatur auch mal etwas steigen. Ist logisch und das kriegen wir nun auch zu spüren.
17:30 - Erbarmen bei den Türstehen. Sie lassen tröpfchenweise blaue Badges rein. Tröpfli 1 und 2 sind die beiden OutNower. Victory! Erschöpft und glücklich machen wir es uns gemütlich und warten geduldig und brav auf den Tarantino. Was wir nicht alles für unsere treuen Leser machen.

Das dreistündige Anstehen und die 45 Minuten Warten im Kinosaal haben sich übrigens gelohnt. Once Upon a Time in Hollywood isch huere geil. Ob uns der Schweizerdeutsch sprechende Italiener mit diesen Worten beipflichtet, konnte leider nicht mehr ermittelt werden. Gleich zu Beginn des Abspanns ergriff er die Flucht. "Tschässe, Häse!"

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