Das Cannes-Tagebuch von OutNow.CH - Tag 4: Kinosessel-Kamasutra

Wir präsentieren den weltweit ersten Kamasutra-Ratgeber, wenn es um Kinosessel geht. Für Risiken und Nebenwirkungen sprechen Sie besser nicht mit ihrem Kinobesitzer - der fände das nicht so lustig.

© Festival de Cannes

Meist sitzen wir wie Sardinen in den Sälen Debussy, Bazin oder Lumière, um einen Film nach dem anderen zu sehen. Die Sitzabstände lassen zweifelsohne zu wünschen übrig - vor allem für Kritiker mit einer Körpergrösse von über 1.80. Doch es ist gibt einen Saal, bei dem die Kinobauer etwas mehr Rücksicht auf die grossgewachsenen Menschen genommen haben: die Salle Buñuel. In diesem nach dem spanisch-mexikanischen Filmemacher Luis Buñuel benannten Kinosaal gibt es äussert angenehme Beinfreit in zwei verschiedenen Grössen: grosszügig und sehr grosszügig. In der sehr grosszügigen Variante können die Beine sogar ganz gestreckt werden, ohne dass man den Vorderstuhl berührt. Die grosszügigen Sitze erlauben zwar kein ganzes Durchstrecken mehr, aber Platzangst oder die Besorgnis, dem Vor-Einem-Sitzenden nur mit einer kleinen Bewegung einen bösen Blick zu entlocken, ist ebenfalls weg.

So viel Komfort ist jedoch mehr die Ausnahme als die Regel, vor allem für die Journalisten, welche sich durch den Wettbewerb kämpfen. Denn in der Salle Buñuel werden vornehmlich Klassiker oder Filme aus weniger bedeutenden Nebenreihen gezeigt. Einer dieser Filme war 2019 Les héros ne meurent jamais - ein furchtbar langweiliges Found-Footage-Drama um Reinkarnation. So langweilig, dass man nach einer Weile "zapplig" wird. Als wollten die Beine einen zum Gehen animieren. Um die Beine ein bisschen zu beschäftigen, wurden verschiedenste Sitzpositionen ausprobiert. Ein Vorteil war dabei, dass weit und breit kein anderer Kritiker sass.

Zuerst wurde die Quer-auf-dem-Sofa-Stellung ausprobiert, welche man oft in den eigenen vier Wänden im Wohnzimmer antrifft. Bequem ist das in Cannes jedoch nicht besonders, besitzt doch jeder Stuhl eine Armlehne, weshalb man sich nicht flach hinlegen kann. Mit angewinkelten Beinen kann man aber trotzdem die Fläche benutzen, die man auch zuhause brauchen würde. Anstatt flach ergibt das aufgrund der Armlehnen dann aber eher die Form eines "N". Diese Position ist einigermassen aushaltbar, auch wenn ein Polster (zum Testen wurde eine Jacke verwendet) benötigt wird, um den Rücken von der Armlehne auf der anderen Seiten zu schützen. Das gibt drei von sechs Cozy-Punkten.

Danach war die Beine-Vollstreckung-Stellung dran. Dafür streckt man die Beine so fest, bis der Allerwerteste nach vorne rutscht und nur noch etwa die Hälfte des Rückens auf der Rückenlehne ist, während die andere Hälfte sich auf dem Sitz befindet. Hilft vor allem mit der starken Streckung, die Durchblutung zu fördern, ist jedoch nach einer Weile auch nicht sehr lässig für den Rücken. Ebenfalls drei von sechs.

Für alle, die ihre Füsse gern hochlagern, aber trotzdem geradeaus schauen wollen, denen empfehlen wir Stellung Nr. 3. Hierfür darf die Sitzreihe vor einem nicht zu weit entfernt sein. Man sitzt hier einigermassen gerade auf dem Sessel und schiebt je ein Bein in einen der Sitzzwischenräume vor einem. Die Beine kommen so wunderbar auf der Armlehne des Vordersitzes zu liegen. Zu beachten gilt hier, dass die Zwischenräume der Sessel nicht zu klein sein sollten, da sonst das Blut in den Beinen abgeklemmt werden könnte. Diese Stellung war definitiv am bequemsten und wird nun hier offiziell mit 4.5 von 6 zum Testsieger erklärt.

Die beste Idee wäre es jedoch gewesen, aus dem Film zu laufen. Als Kritiker hofft man ja bei jedem Film immer noch auf etwas, das die ganze Übung letzten Endes doch lohnenswert macht. Les héros ne meurent jamais ist jedoch dermassen nicht lohnenswert, dass nun dieser Text entstand. Das nächste Mal besser auf die "zappligen" Beine hören.

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OutNow