"American Pastoral": Das grosse Interview mit Regisseur und Star Ewan McGregor - Teil 1

Er ist Jedi-Ritter, Drogenjunkie und Ghostwriter in einem. Jetzt ist er auch Regisseur. Im ersten Teil unseres Interviews sprachen wir mit dem Star über Druck und die nicht immer einfache Musikwahl.

American Pastoral erzählt von einer Familie, deren heiles Weltbild, stellvertretend für die gesamten USA, ins Wanken gerät. Vietnam und die politischen Bewegungen der Sechzigerjahre rütteln ein ganzes Land wach und hinterfragen den amerikanischen Traum. Der schottische Hollywoodstar Ewan McGregor (Trainspotting, Star Wars) spielt dabei nicht nur die Rolle des Familienvaters, des "Schweden", sondern übernimmt auch erstmals den Regieposten. Im Interview mit OutNow.CH spricht er über die Herausforderungen der Regiearbeit und der Umsetzung von Philip Roths Bestellerroman sowie sein Verhältnis zu den USA.

Warum mussten wir so lange auf dein Regiedebüt warten?
Die Wahrheit ist, dass ich einfach nie die richtige Geschichte gefunden habe. Ich wollte schon lange Regie führen. Als meine Tochter vielleicht drei oder vier war, also vor 18 Jahren, bin ich auf einen Roman namens Silk gestossen, den ich unbedingt verfilmen wollte. Er wurde dann auch verfilmt.

Mit Keira Knightley in der Hauptrolle.
Genau. Ich habe immer daran geglaubt, dass ich ein Filmemacher bin, und als Schauspieler fühlt es sich auch so an. Ich glaube nicht, dass wir uns einfach nur vor die Kamera stellen und unseren Text aufsagen. Schauspieler sind ein Teil des Prozesses, der Mittelteil. Natürlich gibt es Vorbereitungen mit dem Regisseur sowie Kostüme und Make-up, aber hauptsächlich arbeitet man als Schauspieler im Mittelteil des Entstehungsprozesses. Und ich wollte bis zum Schluss involviert sein. Die kreative Zusammenarbeit mit Kameraleuten, Kostümdesigner, Schauspielern und Cuttern ist eine Genugtuung. Ich wollte das gesamte Bild sehen und es nicht machen, damit ich mich im Fernsehen als Regissseur bezeichnen kann. Ich wollte es machen, weil ich eine Geschichte habe, die ich erzählen will und ich dachte, Silk wäre es.

Warum hat es denn damals doch nicht geklappt?
Ich habe Angst bekommen und mich nicht genug um die Filmrechte bemüht. Später habe ich die Dokumentation Deep Water gesehen, die später auch verfilmt wurde. Aber als ich die Dokumentation gesehen habe, dachte ich mir: Das ist es, das ist die richtige Geschichte. Und ich wünschte heute immer noch, ich hätte es gemacht. Es war eine unglaubliche Geschichte über ein Jachtrennen um die Welt, ohne Stopp im Jahr 1968 oder 1969. Es war eine unglaubliche, charakterbasierte Geschichte. Ich fand einen Produzenten und sprach mit einem Autor, der mich am nächsten Tag anrief und mir sagte: "Ewan, jemand macht bereits diesen Film."

Und wie bist du schliesslich zum Regiejob bei American Pastoral gekommen?
Als ich mich als Hauptdarsteller für den Film verpflichtet habe, hätte ich nie gedacht, dass ich Regie führen würde. Am Anfang hatten wir keinen Regisseur, und es hiess, dass sie jemanden finden würden. Neben mir waren auch Jennifer Connelly und Dakota Fanning gebunden, und nach ungefähr drei Jahren fand man einen Regisseur. 16 Monate später, im Winter 2014, ich war gerade für ein Stück in New York, erhielt ich einen Anruf und erfuhr, dass der Regisseur nicht mehr an Bord sei.

Was ist dann passiert?
Es sah so aus, als ob der Film nicht mehr entstehen würde, da Drehstart bereits für März 2015 geplant war. Ich sprach mit meiner Frau und sie meinte: "Du sollest es machen, du solltest Regie führen. Es ist genau vor deiner Nase. Du hast all die Jahre gewartet, hier ist es." Ich sprach dann mit Tom Rosenberg, dem Chef von Lake Shore, und schlug mich selbst für den Posten vor. Sie stimmten relativ schnell zu und verschoben den Drehstart auf September. Damit ich genug Zeit zur Vorbereitung habe.

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Gibt es bestimmte Aspekte der Geschichte, die man als Regisseur anders sieht im Vergleich zum Schauspieler?
Ja. Man muss sich sehr bewusst sein, was man erzählen möchte. Aber in diesem Fall wollte ich es dem Publikum nicht sagen. Das Schöne an Philip Roths Buch ist, dass es so viele verschiedenen Themen behandelt. Und er präsentiert verschiedene Argumentationen, sodass man sich als Leser andauernd fragt: "Oh, kann er das machen?" und man dadurch ständig seine eigene Meinung ändert. Ich wollte, dass der Film genauso ist. Ich wollte nicht das Schwarz und Weiss, wie man das im Kino manchmal sieht.

Kannst du ein Beispiel nennen?
Dawns Figur, die wundervoll von Jennifer gespielt wird, wendet sich von ihrer Tochter und macht andere Dinge, die man ihr übelnehmen kann. Dieser Charakter könnte das klassische Miststück sein, aber ich glaube, das ist nicht der Fall. Ich glaube nicht, dass Roth sie so einseitig darstellt. Ich wollte, dass man Mitgefühl für Dawn und ihre Probleme empfindet. Ich wollte sie verstehen.

Gilt das auch für die Tochter Mary?
Ja. Im Roman kann der Eindruck entstehen, dass sie verrückt sei. Aber ich wollte nicht, dass sie so verrückt wirkt, dass wir sie aufgeben. Doktor Sheila sagt im Film: "Sie glaubte an das, was sie tat." Und ich denke, das ist wahr. Sie macht es aus einem bestimmten Grund. Sie macht es nicht, weil sie verrückt ist. Der Glauben dieser Menschen ist sehr stark. Jedenfalls wollte ich im Film beide Seiten zeigen.

Hast du bei der Arbeit am Film viel Druck gespürt, weil die Buchvorlage so erfolgreich war?
Nein. Dieser Druck ist nicht hilfreich. In meiner Karriere habe ich bereits viele bekannte Rollen gespielt. Zum Beispiel im Theater den Jago in Othello. Es hilft nicht, wenn man sich fragt, ob der eigene Jago besser ist, und ich stehe auch mit niemandem im Konkurrenzkampf. Und ich habe bereits Figuren aus Romanen verkörpert. Ich spielte Julien Sorel aus Scarlet and Black, und der Polanski-Film The Ghost Writer basiert auch auf einem Roman. Ich war als Schauspieler also bereits in der Situation und ich wurde als Regisseur engagiert, um meine Vision umzusetzen.

Also bist du keine Kompromisse eingegangen?
Ich mache keinen Kompromiss für Leute, die das Buch lieben. Was ich aber gemacht habe, ist, dass ich Roths Buch respektiert habe. Ich habe mir damit selbst den Druck auferlegt, dass sich der Film anfühlt wie das Buch und in gewisser Weise Philip Roth repräsentiert. Und ich habe versucht, das umzusetzen, indem ich Dinge vielfältig darstelle und das Publikum nicht in eine Richtung lenke. Ich hoffe, dass das die Art von Film geworden ist, über den die Zuschauer danach reden und diskutieren. Es war also nur der eigene Druck, den ich mir gemacht habe und die Wahrheit ist, ich kann nicht alle zufriedenstellen. Es wird sehr viele Menschen geben, die das Buch lieben und fühlen, dass sie ein tiefes Verständnis vom Buch haben, das aber nicht mit meinem übereinstimmt. So ist es nun mal, ich durfte Regie führen und sie nicht.

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Erzähl uns etwas über die Musik im Film. Im Trailer gab es einen Song ("Mad World") aus Donnie Darko und im Film "Moon River" von Henry Mancini und andere tolle Musik.
Die Musik im Trailer wurde nicht von mir ausgesucht, die Trailer wurden von jemand anderem geschnitten. Sie fragen dich natürlich und du gibst ihnen Anmerkungen. Ich glaube, der Trailer war brillant gemacht, weil er nicht zu viel preisgibt. Normalerweise zeigen Trailer zu viel. Es war mir wichtig, die Explosion nicht gleich zu Beginn zu zeigen. Es gibt keinen Dialog und man gibt nicht zu viel von der Geschichte preis. Ich glaube, das war sehr clever, und ich mag das Lied.

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Hast du andere Songs persönlich ausgewählt?
Ja, für den Film hatte ich die Idee, den Song "Heaven on Earth" von The Platters zu nutzen. Ich stand morgens unter der Dusche und habe das Lied gesungen und ich dachte: "Oh, Heaven on Earth, das ist ein bisschen wie der Schwede über seine Familie denkt." Also habe ich den Cutter angerufen und ihm gesagt, dass er es ausprobieren soll. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt noch keine Musik, weil ich mich nicht zu früh festlegen wollte. Man könnte sagen, dass ein Song wie "For What It's Worth" in der Vergangenheit zu oft in Filmen genutzt wurde, aber es ist Anti-Vietnam-Song, der dich sofort in die richtige Zeit bringt. Es gab einige Lieder, die ich gerne im Film gehabt hätte, aber sie waren einfach zu teuer.

Zum Beispiel?
Als der Schwede zurück ins Schlafzimmer kommt, sitzt Mary dort und hört "Voodoo Child" von Jimi Hendrix. Was so verdammt gut ist, weil sie ein bisschen wie ein Voodoo-Kind ist in dem Moment. Die Tatsache, dass sie 15, 16 Jahre alt ist und Hendrix hört, gibt ihr eine gewisse Kultiviertheit, die sehr interessant ist. Ich wollte, dass Mary ihrer Zeit etwas voraus ist, und Hendrix wäre ideal dafür gewesen. Ausserdem ist es grossartig, Hendrix in seinem Telefonbuch zu haben (lacht). Aber es hätte eine Viertelmillion Pfund gekostet, es im Film zu haben. Ein anderer Song war das Jazzstück "Take Five" von Dave-Brubeck (singt Melodie), ein sehr berühmtes Stück und ich wollte es für die Kunstgalerie. Das hätte auch eine Vertelmillion Pfund gekostet, also haben etwas genommen, das so ähnlich klingt (lacht).

Für den Score hast du mit Alexandre Desplat zusammengearbeitet.
Ja, er ist grossartig und ein Freund von mir. Er ist jemand, der bereits Musik komponiert hat für Filme, in denen ich mitgespielt habe, und ich dachte nur an ihn, als es um den Job des Komponisten ging. Natürlich ist er sehr, sehr beschäftigt als einer der grössten Filmkomponisten. Also habe ich gekämpft und gekämpft, um ihn zu bekommen und wir hatten Glück, dass er uns ein wenig Zeit für uns hatte. Und er hat wundervolle Musik komponiert.

Teil 2 des Interviews lest ihr in Kürze. American Pastoral läuft in den Schweizer Kinos.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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