Goldmännchen-Radar: Ang Lee und die Technik

In der zweiten Folge unserer Artikel-Reihe zum Oscar-Rennen freuen wir uns auf Weihnachten, verabschieden uns von Ang Lee und zeigen uns sehr glücklich über den Erfolg von "Moonlight".

"Hidden Figures"

Gestopftes Weihnachtsprogramm

Die Schwierigkeit bei solchen Oscar-Prognosen ist es, Filme einzuschätzen, die man noch gar nicht gesehen hat. Viele Studios halten ihre Filme zurück, um sie dann im Dezember noch kurz zu zeigen, damit sie für das Oscarrennen qualifiziert sind. Von einem landesweiten Start in den USA kann davon aber keine Rede sein. Stattdessen laufen sie oft nur limitiert in New York und Los Angeles, was für die Qualifikation ausreicht. Für Cineasten in diesen Städten hat dies den Vorteil, dass sie zwischen Weihnachten und Neujahr ganz viele Geschenke bekommen. So auch dieses Jahr.

In der Woche vor Weihnachten und an den Festtagen selbst starten Filme wie Ben Afflecks neuste Regiearbeit Live by Night, das Boston-Attentats-Drama Patriot's Day mit Mark Wahlberg, die McDonalds-Story The Founder mit Michael Keaton, Hidden Figures über die Leistungen afroamerikanischen Frauen bei der NASA und natürlich auch Martin Scorseses Herzensprojekt Silence. Fun Fact: In der Schweiz hat Verleiher 20th Century Fox die Kinostartdaten von Hidden Figures und Birth of a Nation getauscht. Während Hidden Figures bei uns nun im "Oscar gebuzzten" Januar starten wird, läuft das mit einem Skandal belastete Sklavendrama nun erst Ende März an, wenn alle sich wieder langsam auf die Blockbustersaison konzentrieren. Da wurde wohl die Hoffnung auf Goldmännchen aufgegeben. Das Gleiche könnte auch beim zweifachen Oscarpreisträger Ang Lee der Fall sein.

Wenn mehr nicht besser ist.

© Studio / Produzent


Lee stellte vor zwei Wochen seine neuste Regiearbeit Billy Lynn's Long Halftime Walk vor, ein Kriegsdrama mit Kristen Stewart, Vin Diesel, Chris Tucker und Steve Martin. Ein sehr ... interessanter Cast. Doch es lag nicht an den Schauspielern, dass der Film bei seiner Weltpremiere am Filmfestival von New York mehrheitlich negativ aufgenommen wurde. Es lag an den Bildspielereien von Lee. Der Taiwanese ist bekannt dafür, dass er gerne mal Sachen ausprobiert und Grenzen des Mediums sprengen möchte. Sein Life of Pi ist auch heute noch immer einer der besten Überzeugungsfilme, wenn es um den Einsatz von 3D geht. Auch sein Neuster setzt wieder auf die dritte Dimension und zudem noch auf 4K-Auflösung und 120 Bilder pro Sekunde.

Zur Info: Der durchschnittliche Film wird mit 24 Bildern pro Sekunde aufgenommen, und wie befremdlich eine höhere Anzahl bei den Bildern sein kann, demonstrierte uns Peter Jackson vor ein paar Jahren. Seine Hobbit-Filme wurden mit 48 Bildern pro Sekunde aufgenommen und dann mit dem Begriff "High Frame Rate" den Kinobesuchern vorgesetzt. Während es einigen ab der schnellen Bildabfolge übel wurde, beklagten sich andere, dass der Film nicht mehr wie ein solcher aussehen würde. Während James Cameron plant, seine Avatar-Sequels mit 60 Bildern pro Sekunde zu drehen, hat Ang Lee nun also diese Zahl gleich nochmals verdoppelt. Das Urteil aus New York war, dass das Bild fast schon comichaft aussehe und so der Film emotional kaltlässt. Noch blöd, wenn es ein dramatischer Film über einen Kriegsheimkehrer ist. Weltweit gibt es zwar nicht viele Kinos, welche den Film mit 120 Bildern pro Sekunde zeigen können. Doch auch bei der Academy zählt der erste Eindruck eines Filmes, und der war eben alles andere als ermutigend, sich "Billy Lynn" anzusehen.

Welchen Indie hätten's denn gern?

© A24


Während Ang Lee enttäuschte, war Mike Mills einer der grossen Gewinner von New York. Der Regisseur und Drehbuchautor begeisterte die Kritiker mit seiner Indie-Tragikomödie 20th Century Women. Darin werden die Geschichten von drei Frauen erzählt, welche während der Siebziger die Konzepte von Liebe und Freiheit erforschen. Mit Beginners landete Mills vor sechs Jahren bereits einen Hit, welcher der Schauspiellegende Christopher Plummer den überfälligen Oscar bescherte. Seinen Oscar-Anzug dürfte er im nächsten Jahr wieder hervorkramen. Denn sein Neuster ist witzig, berührend und besitzt mit Annette Benning einen ganz starken Lead. Da die Academy seit der Aufstockung auf 5-10 Nominierte beim besten Film auch immer gern eine Indie-Produktion nominiert, könnte 20th Century Women der diesjährige sein. Oder sind es dieses Jahr sogar deren zwei?

Denn der im letzten Artikel näher vorgestellte Moonlight hat im "Limited Release" so richtig eingeschlagen. In nur gerade mal vier Kinos hat das Drama von Barry Jenkins sensationelle 413'175 Dollar eingespielt. Mit $103'294 Dollar ist dies der beste Pro-Kino-Schnitt des Jahres. Die Mund-zu-Mund-Propaganda wird auch dank des 99%-Rotten-Tomatoes-Scores in den nächsten paar Wochen zunehmen und Moonlight so zum fast schon sicheren Oscar-Nominierten machen. Eine OutNow-Kritik wird übrigens in Kürze veröffentlicht.

Die Prognose

Der Favorit für das Goldmännchen bleibt aber weiterhin La La Land. Dieser wurde nun auch am Filmfestival von London gezeigt und dort ebenfalls abgefeiert. Die Filme, die sich auf der Prognose hinter Damien Chazelles Musical befinden, haben sich keine üblen Schnitzer erlaubt und sind so immer noch auf der Liste. Zur Erinnerung: Die Academy kann 5 bis 10 Filme in der Königskategorie nominieren.

1. La La Land
2. Moonlight
3. Sully
4. Manchester By the Sea
5. 20th Century Women
6. Hell or High Water
7. Jackie
8. A Monster Calls
9. Lion

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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