Goldmännchen-Radar: Das Oscar-Rennen hat begonnen

In unserer neuen Artikel-Reihe fokussieren wir uns auf das grosse Oscar-Rennen. Welches sind die Favoriten und wer wird am Ende die meisten Goldmännchen nach Hause nehmen? Wir wagen eine Prognose.

La La Land-et hier der nächste Oscarabräumer?

Jaja, die Oscars. Eine Veranstaltung, bei der sich die Traumfabrik selbst feiert und Millionen von Zuschauern den Schönen und Reichen beim Abholen von Goldstatuen zusehen dürfen. Eigentlich eine unmögliche Veranstaltung mit einem unglaublich hohen Neidfaktor. Doch trotzdem faszinieren die Oscars. Vor allem das Raten, wer denn in der Nacht der Nächte die Goldmännchen mit nach Hause nimmt, macht für Filmfans ungemein Spass. Das letzte Jahr stand ganz im Zeichen von Leonardo DiCaprio, der mit seiner gefühlt 1352. Nominierung endlich seinen ersten Oscar abholen konnte. Da musste der Gute natürlich eine Pause einlegen und wird im kommenden Jahr nicht im Stande sein, seine oscargekrönte Performance zu verdoppeln. Es ist an der Zeit, dass andere Filme und deren Macher ins Scheinwerferlicht treten können.

Bloss kein weiterer #OscarsSoWhite-Aufschrei

© cineworx


Warum versuchen wir uns überhaupt an Prognosen? Eine gute Frage, denn eine Glaskugel besitzen wir nicht wirklich. Wohl weil es Spass macht und wir in den letzten Jahren ein bisschen Erfahrung sammeln konnten. An den Filmfestivals von Berlin, Cannes, Venedig und Toronto konnten wir zudem schon viele Filme sehen, die dieses Jahr im Oscar-Rennen vertreten sein werden. Doch es schien, als hätte das Oscar-Rennen schon im Januar im Sundance begonnen. Dort löste das Sklaven-Drama Birth of a Nation regelrechte Begeisterungsstürme aus. Dazu muss jedoch angemerkt werden, dass der Film seine Weltpremiere kurz nach dem erneuten #OscarsSoWhite-Aufschrei hatte. Als eine Art Widergutmachung, so dachten die Buchmacher, wird die Academy den Film von Nate Parker sicher in vielen der wichtigen Kategorien wie Regie, bei den Darstellern und natürlich beim besten Film nominieren. Doch dies alles löste sich geradezu in Luft auf, als ein alter Vergewaltigungsfall von Nate Parker in die Schlagzeilen geriet und der Film seither wie ein rotes Tuch behandelt wird. Viele assoziieren den Film über den von Nat Turner ausgelösten Sklavenaufstand mit dem Vergewaltigungsfall von Parker, und schon war es geschehen. Denn bei früh im Jahr gestarteten Filmen gilt nun mal, dass das Word of Mouth immens gut sein muss, damit der Film bis in den Dezember in den Köpfen der Stimmberechtigten "überleben" kann. Es hilft auch nicht, dass der Film an seinem Startwochenende gerade mal 7 Millionen Dollar einspielte. Birth of a Nation feierte im Januar Premiere und scheint nun im Oktober schon tot zu sein.

© DCM


Die Hoffnung für das afroamerikanische Kino muss also jemand anders sein. Wie gut, dass es da noch Barry Jenkins gibt. Sein am Telluride- und Toronto-Filmfestival aufgeführtes Drama Moonlight ist grosse Klasse. Es geht darin um einen Schwarzen Homosexuellen, der seinen Platz in der Gesellschaft sucht. Der Film ist äusserst feinfühlig und extrem berührend. Dass die Academy Anfang Jahr viele neue Mitglieder aufgenommen hat, in der Hoffnung, dass die Jury weniger konservative Entscheidungen fällt, könnte Moonlight zugutekommen. Wir befürchten jedoch, dass beim Besten Film nichts zu holen sein wird. Dafür wurden zu wenige alte Säcke aus der Jury rausgeschmissen. Die besten Chancen auf ein Goldmännchen bei der Moonlight-Crew hat Naomie Harris (Moneypenny aus den letzten beiden Bond-Filmen) als drogensüchtige Rabenmutter. Mit einer solchen Rolle in Precious gewann Mo'Nique im Jahre 2010 ihren Oscar.

Der momentane Favorit

© Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.


Wir wollen uns jedoch hauptsächlich auf das Rennen um den besten Film fokussieren. Dies stellte sich in den letzten beiden Jahren als äusserst spannend heraus. Die Duelle Boyhood vs. Birdman und Spotlight vs. The Revenant schienen sich erst auf der Ziellinie zu entscheiden. Aber wie ist es im Kinojahr 2016? Gibt es schon einen Favoriten?

Dies im Oktober zu beantworten, ist natürlich nicht leicht. Viele Studios halten ihre Filme jeweils zurück, damit sie dann mit einer Premiere im Dezember bei den Oscar-Votern gut im Gedächtnis sind. Doch diese Taktik schien in den letzten Jahren nicht viel gebracht zu haben. Die grossen Abräumer liefen alle schon viel früher. Boyhood lief am Januar in Sundance, Birdman wie auch Gravity und Spotlight wurden schon Ende August in Venedig gefeiert, Mad Max: Fury Road startete den Turbo im Mai in Cannes und 12 Years a Slave startete seinen Siegeszug in Telluride/Toronto im September. Könnte es also sein, dass der grosse Gewinner der Show am 26. Februar 2017 schon seine Weltpremiere hatte? Es hat den Anschein.

Wenn es momentan einen Film gibt, der vom Publikum wie auch von den Kritikern gleich geliebt wird, dann ist dies zweifelsohne Damien Chazelles wunderschönes Musical La La Land. Weder in Venedig noch in Toronto vernahmen wir ein schlechtes Wort über den Film. In Toronto mussten die Festivalverantwortlichen sogar noch drei zusätzliche Screenings organisieren, da die Mund-zu-Mund-Propaganda dermassen sensationell funktionierte. La La Land würde sich in eine Reihe von Oscar-Gewinnern einfügen, die alle die Traumfabrik feiern. Beispiele sind Argo, wo dank eines inszenierten Filmdrehs Amerikaner aus dem Iran geholt werden konnten sowie The Artist, in dem Jean Dujardin die Stummfilmära nochmals aufleben liess. La La Land hat zwar nicht nur Nettes über das harte Geschäft in Hollywood zu berichten, aber was am Ende bleibt, sind die überragend inszenierten Musicalnummern, wie sie Hollywood früher mit West Side Story und Co. so wunderbar auf die Leinwand brachte. In La La Land wird gesungen, getanzt, die Emotionen gehen hoch und man verlässt den Kinosaal beschwingt, aber auch nachdenklich. Das Erlebnis Kino hat bis jetzt noch kein anderer Film im Jahr 2016 besser hinbekommen. Deshalb ist Chazelles Nachfolgewerk zum grossartigen Whiplash der momentane Front-Runner. Die Nominierung scheint der Film schon auf sicher zu haben.

Wer sich sonst noch um Nominierungsplätze prügelt

© 2016 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.


Doch was folgt hinter La La Land und Moonlight? Die Academy darf ja 5-10 Filme für den besten Film vorschlagen. Damit die Fernsehzuschauer nicht wegzappen, werden oft auch Publikumshits nominiert, mit denen dann auch Herr Meier und Frau Müller - oder Mr. Smith und Mrs. Miller - mitbangen können. Auch wenn es cool wäre, werden wir wohl eher weniger einen Captain America: Civil War in dieser Kategorie sehen. Stattdessen deutet vieles auf Sully hin. Clint Eastwoods Film über die Notwasserung eines Flugzeugs auf dem Hudson-River hat in den USA schon 114 Millionen Dollar eingespielt und ist wirklich ein gelungener Film, der nicht viel falsch macht. Herausragend ist der Streifen nicht, aber es haben schon andere, viel schlechtere Filme eine Nominierung erhalten *hust* Extremely Loud and Incredibly Close *hust*. Die Chancen stehen gut. Wohl auch weil viele Stimmberechtigte die Filme als Screener nach Hause bekommen und sich so über die Feiertage den einen oder anderen Streifen anschauen. Wieso nicht den neusten Tom-Hanks-Film bei einem gemütlichen Filmabend mit der Familie geniessen? Bei Bridge of Spies und Captain Phillips hat es funktioniert.

Weitere Filme mit guten Chancen auf eine Nomination sind Manchester By the Sea, Lion, A Monster Calls, Hell or High Water und Jackie, wobei bei letzterem Natalie Portman gute Chancen für ihren zweiten Oscar besitzt. Alle genannten Filme könnten jedoch noch zum Opfer von noch nicht veröffentlichten Filmen werden. Es erwarten uns momentan noch neue Filme von Ang Lee (Billy Lynn's Long Halftime Walk), Martin Scorsese (Silence), Ben Affleck (Live by Night), Denzel Washington (Fences) und Morten Tyldum (Passengers).

Die Prognose

Wenn jetzt schon Schluss wäre, würden unserer Meinung nach die Nominierungen in der Kategorie "Bester Film" folgendermassen aussehen:
1. La La Land
2. Sully
3. Moonlight
4. Manchester By the Sea
5. Hell or High Water
6. Jackie
7. A Monster Calls
8. Lion

Wir halten euch mit unserem Goldmännchen-Radar auf dem Laufenden und werden im Verlaufe dieser Award-Season auch die in diesem Beitrag nicht näher eingegangen Filme weiter vorstellen.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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sma

Ich bin für Mad Max: Fury Road in der Kategorie "Bester Film".

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