Das Tiff-Tagebuch, Tag 6: Hölle und Himmel

Auch dieses Jahr erfahren wir wieder am eigenen Leibe, dass ein Festival-Plan nicht in Stein gemeisselt ist. Manchmal muss ein Film gar über die Klinge springen. Der reine Horror. Oder doch nicht?

You can't sit with us!

Das Toronto Film Festival ist bekannt für seine relaxte Atmosphäre und dafür, dass man locker mal nach Lust und Laune in eine Presse-Vorführung stolpern kann, ohne dafür gross anstehen zu müssen, wie das zum Beispiel in Cannes oder auch Venedig der Fall wäre. Es gibt wenige Ausnahmen, wo es ratsam ist, etwa eine halbe Stunde vor Filmbeginn beim Kino zu sein. Das sind dann meist Filme, die entweder schon an anderen Festivals gezeigt wurden und dort hochgehypt wurden, oder Filme, die ohnehin heiss erwartet sind. In die Vorführungen kommt man aber eigentlich immer rein. Bin anhin jedenfalls hatten wir hier noch nie negative Erfahrungen gemacht. Nur Gerüchte hört man ab und zu, zum Beispiel, dass vom Manchester by the Sea Screening über 150 Leute weggeschickt worden seien. Aber so was würde uns doch nie passieren!

Bis auf heute. Wir haben uns spontan dazu entschieden, einen Gugus-Füller-Film zu schauen, mit zehn Minuten Zeit zum nächsten Screening. Dummerweise handelt es sich hierbei um Pablo Larrains Jackie, der kürzlich in Venedig von den Kritikern hochgejubelt wurde. So wollen wir uns noch in die Schlange einreihen - deren Ende wir nach einem (gefühlten) 10-minütigen Fussmarsch erreichen. Fünf Minuten später wird der Rest unserer Hoffnung vernichtet. Das Kino sei voll. Aus. Goodbye. So 'n Mist. Was tun? Hektisch nehmen wir das Festival-Programmheft hervor und versuchen unsere Pläne so zu schieben, dass wir Jackie noch an der zweiten Presse-Vorführung sehen könnten. Unsere Schlussfolgerung: Nur wenn wir Norman: The Moderate Rise and Tragic Fall of a New York Fixer (ja das ist ein echter Filmtitel. Haben wir nicht erfunden.) noch am selben Abend sehen könnten, würde alles aufgehen. Das Problem: Der Film ist eine öffentliche Premiere in der berüchtigten Roy Thompson Hall, zu der wir eigentlich keinen Zugang haben. Ein Kollege meint, man könne ja mal fragen. Zu verlieren hätten wir ja eh nichts. ALLES GAHT SCHIEF!

Im Box Office geben wir uns cool. Ja drei Billet gern. Ja, für die Roy Thompson Hall, gern. Was, da gibt's noch welche? So gut! Die Premiere ist ja in zwei Stunden. Da haben wir ja Glück gehabt. Mit den Tickets und einem grossen "What the fuck just happened" auf unseren Gesichtern machen wir ein Freudentänzchen vor dem Box Office und eine Runde High Fives. Und plötzlich realisierten wir: die Roy Thompson Hall ist ziemlich schick. Ich schaue meine Adidas Superstars und meine löchrigen Jeans an. Haha. Wenigstens ermöglichen es mir meine Superstars schnell zum nächsten Kleiderladen zu sprinten und mich da mit einer angebrachten Garderobe einzudecken. Eine halbe Stunde später und wir sehen alle schick aus und sind bereit, in der Roy Thompson Hall Richard Gere cool zuzunicken. Der Ton in der Oper ist zwar eine Katastrophe, wir sind aber trotzdem überglücklich über unser Happy End. Toronto-Style.

Teilen
Auf Facebook teilen  Auf Twitter teilen 
Datum
Autor
Quelle
OutNow.CH