Das Tiff-Tagebuch, Tag 3 - Pralinébüchs

Dass Filmfestivals ganz schön hart sein können, haben wir schon gestern im Tagebuch minutiös geschildert (weil doch #AllesGahtSchief). Da gibt es für den Festivalsneuling ljm viel zu lernen...

© Toronto International Film Festival

Stimmung: zzzzzzzzzzz (wir brauchen Schlaf.)
Film Count: 15.5
Stunden geschlafen: 6
Anzahl Kaffees: 3

Das diesjährige Tiff ist mein erster richtiger Filmfestivalbesuch (@ZFF: #SorryNotSorry). Und trotz Freude und Enthusiasmus über dieses wunderbare Event muss ich mir eingestehen, dass es doch einiges zu lernen gibt, damit man sich im Kinodschungel nicht verirrt und schlussendlich pudelwohl fühlt. Meine Tipps (die selbstverständlich 100% ernst zu nehmen sind und über alle Zweifel erhaben sind. Logo!):

1) Dein Schedule sind nicht die 10 Gebote
Mit grosser Liebe zum Detail hast du alle Filme, die du sehen möchtest zusammengetragen, hast dich mit deinen Kollegen abgesprochen, welche Filme du rezensieren wirst und hast dir ein wunderbar kompaktes Schedule zusammengestellt. 6 Filme pro Tag. Jede Minute ist verplant. Sogar WC-Pausen und 2-Minuten-Schwätzchen mit den Kollegen sind eingeplant. Das Problem: menschliches Versagen! Leider laufen nicht immer alle Filme pünklich an. Manchmal unterschätzt man die Distanz zwischen den Kinos. Deswegen ist es ratsam, das persönliche Schedule immer ein bisschen flexibel zu halten und nicht wie Moses in steinerne Platten zu meisseln, sondern stets auch Alternativen zu den verschiedenen Screenings aufzulisten. So entdeckt man eventuell sogar mal ein echtes Bijou!

2) Nach der WC-Pause ist vor der WC-Pause
Eher ein Frauenproblem: das supergesunde Kinoessen ist oft sehr salzig. Man trinkt dementsprechend mehr Wasser. Und plötzlich bist du in der Hälfte von Victoria (Dauer: 137 Minuten) und feuerst die Protagonisten insgeheim an, endlich mal vorwärtszumachen, weil du so dringend für kleine Mädchen musst. Deswegen: Auf Nummer sicher gehen und vor jedem Screening kurz das stille Örtchen aufsuchen. Für mehr Kinogenuss...

3) Handys im Kino nerven.. aber zum Glück gibt es sie!
Es gibt kaum was Nervigeres im Kino als das pausenlose Aufblitzen zahlreicher Smartphonescreens. Auch wenn sie noch so klein sind. Jedes Aufleuchten lenkt doch von der Leinwand ab. Also: "Don't be that guy!" Behalte dein Handy in der Tasche. Auch wenn es auf lautlos ist.
Ausnahme: Manchmal, wenn ein Film besonders langweilig ist, kann es sogar recht hilfreich sein, wenn jemand in den vorderen Reihen kurz aufs Handy schaut. Oft kriegt man dann nämlich die Uhrzeit mit und weiss so, wie lange man noch durchhalten muss. Ja, ich meine dich I Saw The Light.

4) Biopics vermeiden
Wenn wir schon beim Thema sind: Biopics sind oftmals todlangweilig und so repetitiv, dass man das eine oder andere mit gutem Gewissen sausen lassen kann. Ja, ich meine dich I Saw The Light.
Ausnahme: Man hat ein Mittagsschläfchen dringend nötig.

5) Unterschätze keinen Film
Bei jedem Film sollte man genug Zeit einräumen und sich in der Schlange einreihen, um einen Platz im Kino zu bekommen. Die Pressevorführungen sind relativ unberechenbar. Da hat man zum Beispiel ein erstes Screening von The Martian und findet sich in einem halbleeren Kino (ok das Princess of Wales Theatre hat 1700 Plätze - aber trotzdem!) oder du gedenkst das eher unbekannte Kriegsdrama Man Down in Imax zu schauen und denkst, locker reinzukommen - stehst aber dann mindestens eine Viertelstunde zusätzlich in der Schlange und sitzt schlussendlich in einem komplett ausgebuchten Kino.

6) Essen nicht vergessen
Es kann schon mal vorkommen, dass man zwischen 3 Screenings nur je 20 Minuten Zeit hat. Das klingt vielleicht vernünftig, man muss aber bedenken, dass man oft auch noch mindestens 10 bis 15 Minuten anstehen muss. Im Eifer des Filmschauens vergisst man da auch mal gerne, sich um sein eigenes leibliches Wohl zu kümmern. Oder stopft sich mit Hot Dogs, Burger, Pommes und Popcorn voll.
Tipp: Ein bisschen planen bringt viel: Am Morgen kurz schauen, wann man genau grössere Pausen hat und dann entweder vorher was kaufen oder dann was Richtiges essen gehen. So geht das.

7) Fragen! Fragen! Fragen!
Kanadier sind ja bekanntlich das hilfreichste Volk der Welt. Und das freundlichste. Im Ernst jetzt. Kanadier sind super! Deswegen nie zögern und immer Fragen stellen. Da werden Sie geholfen. Auf kanadisch. Also richtig. Oh Mann, ich liebe Kanadier.

8) Immer die Ruhe...
Zu guter Letzt: Man sollte sich immer vor Augen führen, dass man hier am grossartigsten Filmfestival der Welt ist. Wenn man halt einen Film verpasst, dann schaut man eben etwas anderes. Es läuft ja immer was. Wenn die Schlange mal wieder besonders lang ist: nicht die Hoffnung verlieren. Reingelassen wird man ja meistens. Zudem sind die Kanadier ja unfähig, andere Menschen zu enttäuschen (true Story!). Hab ich eigentlich schon erwähnt, wie super Kanadier sind? Anyway, zurücklehnen, Film ab und geniessen. Auch wenn das mit den Screenings ein Auf und Ab ist. Nicht alles, was man zu sehen kriegt, ist Oscarware (Ja, ich meine dich I Saw The Light!). Das Festival ist eben wie eine Pralinébüchs. Manchmal findet man auf Anhieb das Praliné mit der Truffesfüllung. Und manchmal nimmt man das am verlockendsten aussende Praliné, und es stellt sich heraus, dass es mit verdammtem Marzipan gefüllt ist. Und dann nimmt man sich eben das nächste. Genug Pralinés gibt's ja in der Schachtel.

PS: Für alle die, die diese Metapher nicht verstanden haben: In diesem Fall ist die Büchse das Festival. Jedes Praliné repräsentiert einen Film. Da gibt es unscheinbare Pralinés, die mit superleckerer Ganache gefüllt sind. Und solche, die Marzipan in der Mitte haben (obwohl sie doch so lecker aussehen). So geht es auch mit den Filmen. Manche sehen auf dem Papier gut aus, sind aber dann langweilig oder doof oder beides (Ja ich meine dich, I Saw The Light, und andere sind völlig unscheinbar und entpuppen sich dann als wahre Meisterwerke (wie zum Beispiel Victoria).

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