"Me and Earl and the Dying Girl": Das Interview mit Regisseur Alfonso Gomez-Rejon

Die Geschichte eines Jungen, der sich mit einem todkranken Mädchen anfreundet, war ein Hit am Sundance-Filmfestival und hat den Regisseur nun sogar nach Locarno gebracht. Wir trafen ihn zum Gespräch.

Alfonso Gomez-Rejon (rechts) am Set mit Hauptdarsteller Thomas Mann © 2015 Twentieth Century Fox

OutNow.CH: Me and Earl and the Dying Girl schafft es mühelos, zwischen Komödie und Tragödie zu wechseln.
Alfonso Gomez-Rejon: Der Film ist meinem Vater gewidmet, der verstarb, bevor ich das Script gelesen habe. Ich fühlte mich sehr verloren und sah den Film als eine Möglichkeit, diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ich sah mich selber als Greg mit seiner Verwirrtheit und seinen Abstraktionen. Wie er wollte ich für jemanden anderen einen Film drehen. Ich wollte auf eine emotionale Reise gehen und Sentimentalitäten vermeiden - nicht dem Publikum irgendwelche Gefühle aufdrücken, z. B. mit dem Einsatz von Musik. Das interessierte mich nicht. Da hätte ich mich selber belogen. Ich war also mein eigener Parameter. Ich weiss nicht, ob es funktioniert, aber vielleicht wird aus etwas Persönlichem gleichzeitig etwas sehr Universelles.

Greg und Earl drehen kleine Kurzfilme. In Be Kind Rewind von Michel Gondry wurden die Filme "geschwedet". War das eher Inspiration oder Ärgernis, dass schon mal jemand eine ähnliche Idee hatte?
Dass die Jungs Filme drehten, war schon in der Buchvorlage. Ich war deshalb sehr nervös wegen Be Kind Rewind. Wir mussten einen Weg finden, es anders zu machen. Ich wollte die Parodien persönlicher machen - Filme, die mich geprägt haben; Hommagen an meine Lehrer und Meister. Sie mussten aber auch realistisch sein, im Bezug darauf, was zwei Jungs zu leisten im Stande wären. Man sieht Filme, die ganz simpel sind, die sie vielleicht mit 11 Jahren gedreht haben. Andere vielleicht mit 17. Be Kind Rewind ist da eher hyperreal. Man denke nur an deren 2001: A Space Odyssey-Hommage. Wir drehten teilweise mit Handpuppen.

Hast du einen Favoriten unter den Hommagen im Film?
Schwierig. My Dinner with Andrew the Giant finde ich sehr lustig. Auch Don't Look Now. Alle von Scorsese. Wir drehten auch die Szene aus Mean Streets mit dem betrunkenen Harvey Keitel mit Handpuppen nach. Wir konnte uns aber das Musikstück nicht leisten. Ohne den Rock'n'Roll-Song war die Referenz aber zu bizarr, und wir mussten es sein lassen.

Der Film hat wenig eigenen Score, benutzt aber viel Musik aus anderen Filmen.
Es gibt ein bisschen Score von Nico Muhly, während den High-School-Szenen am Anfang des Films. Aber in der Tat wollte ich den ganzen Film mit Scores aus anderen Filmen bestücken. Für Gregs eigenen Film an Ende benutzten wir "The Big Ship" von Brian Eno. Wir waren da mit dem Film schon ziemlich weit. Das war so beeindruckend, als wir mehr Eno zu hören begannen. In gewisser Weise wurde Eno so zum Soundtrack. Deshalb besteht der Soundtrack nun aus alten Stücken von Brian Eno, Musik aus anderen Filmen wie The Conversation - als Score - oder Vertigo - was eher eine Hommage darstellt - und eben das Original Score von Nico Muhly, zu Beginn und beim Abspann.

Waren die Musikrechte oft ein Problem?
Ich hatte eine Wunschliste. Gewisse Stücke waren verfügbar, andere haben wir nicht bekommen. Das Thema von Le Mépris war ursprünglich geplant, wenn Mutter und Sohn sich auf der Treppe streiten. Das klappte nicht, und es wurde Vertigo. Für Apocalypse Now sollten es The Doors sein. Dafür fehlte das Geld, und es wurde Wagner. Es gab Kompromisse, auch wenn ich dieses Wort gar nicht mag.

Die Dialoge der Jugendlichen wirken sehr authentisch.
Jesse Andrews, der Autor der gleichnamigen Buchvorlage, hat auch das Drehbuch verfasst. Es gab wenig Improvisation am Set, denn die Dialoge waren sehr spezifisch. Nie zu ironisch oder überspannt. Sehr menschlich, manchmal vielleicht unbeholfen, aber immer ehrlich.

Mit John Greens Romanen für junge Erwachsene sind ähnliche Filme im Kino gerade der Renner. Folgt Me and Earl and the Dying Girl einem Trend?
Es scheint so, aber ich machte den Film nicht, um Teil eines Trends zu werden. The Fault in Our Stars wurde veröffentlicht während unserer Dreharbeiten. Es war also noch kein Hit. Wenn die Leute von unserem Film durch einen anderen Titel erfahren, gibt uns das nur die Chance, entdeckt zu werden.

Was überzeugte dich an Olivia Cooke, Thomas Mann und RJ Cyler?
Sie alle sind unglaublich authentische Menschen - bescheiden und lustig. Ihr schauspielerischer Stil ist sehr natürlich. Und die Chemie war perfekt. Insbesondere bei Thomas und Olivia, wo sie überhaupt nicht sexuell war. Es war eine mühelose Verbindung basierend auf tiefer Freundschaft. RJ ergänzte die zwei als Alphamännchen. Zu dritt hatten sie einfach den richtigen Flow. Und weil sie so talentiert sind, sieht es locker und leicht aus.

Du hattest Martin Scorsese, Nora Ephron oder Alejandro González Iñárritu als Mentoren. Was haben Sie dir mitgegeben?
Sie haben mir so viel gegeben. Soviel, dass es manchmal gar nicht greifbar ist. Wenn man sich im selben Raum mit ihnen befindet, denkt man, man sei bei Jackson Pollock, wenn er gerade malt. Sie sehen die Welt durch ihre Linse. Man kann nicht kopieren, was sie tun. Man sieht aber ihren kreativen Prozess, die kleinen Mysterien, wie auch sie zu kämpfen haben, wenn sie ihre Visionen realisieren wollen. Sie haben mich aber auch Bescheidenheit gelehrt. Und vor allem Scorsese auch viel über Filmgeschichte. Nora Ephron hat mich von Anfang an als Kollegen behandelt. Das gibt Kraft und schmeichelt.

Dein nächstes Projekt ist Collateral Beauty.
Ich hoffe es. ich bin da ein bisschen abergläubisch. Es geht um einen Werbe-Profi, der seine Tochter verloren hat. Aus Verzweiflung schreibt er Briefe an die Zeit, die Liebe und den Tod. Diese erscheinen dann auch.

Warum bist du abergläubisch?
Ich habe immer Angst, diese Projekte fallen in sich zusammen. Aber ich werde wohl im Winter drehen.

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