"Gone Girl": Das grosse Interview mit Regisseur David Fincher

Er drehte Meisterwerke wie "Se7en", "Fight Club" und "Zodiac". Jetzt nahm er sich den Bestseller von Gillian Flynn vor und ging danach auf Pressetour. Wir sprachen mit Fincher in Berlin.

Fincher mit Ben Affleck am Set von "Gone Girl"

Ein Meisterregisseur darf die Journalisten auch mal warten lassen. Mit über einer halben Stunde Verspätung ging das Interview mit David Fincher erst los. Dabei war schon das Selektionsverfahren für die Audienz aussergewöhnlich. Nur wer die Vorlage "Gone Girl - Das perfekte Opfer" gelesen hat, war zugelassen. Man musste auflisten, welche Hollywoodgrössen man bereits interviewte. OutNow.CH gehörte zu denen, welche alle Hürden übersprangen. Und es hat sich gelohnt.

Fincher ist eine fokusierte und eloquente Persönlichkeit, die Filmemachen als mehr als nur das Einfangen von Szenen betrachtet. Von der Finanzierung bis zur Wirkung im Kinosaal steckt Fincher seinen Beruf ganzheitlich ab. Der ausführende Produzent von House of Cards hat auch eine dezidierte Meinung zu Netflix. Wüste Flüche wechseln sich mit gestelzten Vokabeln. Hellwach liefert er immer wieder druckreife Zitate. Und wehe, man kommt ihm schräg. Obwohl umgänglich, wird schnell klar, wenn man ihm gegenübersitzt, dass er seine Ziele mit Vehemenz verfolgt und dabei auch aufbrausen kann.


OutNow.CH: Was ist die wichtigste Eigenschaft eines Thriller-Regisseurs?
David Fincher: Ich würde Gone Girl nicht als Thriller bezeichnen. Teile des Films beinhalten Thriller-Elemente. In Thrillern interpretieren Kommissare die Daten, die ihnen zugespielt werden, um den Antagonisten auszutricksen. Das gibt es auch, aber der Film entwickelt sich schnell zu einer absurden Satire. Ich weiss nicht, was einen guten Thriller-Regisseur ausmacht. Ich liebe Klute. Würde der ein heutiges Publikum noch aus den Socken hauen? Meine Tochter fände ihn wohl langweilig. Vielleicht ist der Film altmodisch. Thriller müssen diszipliniert sein, damit sich die Zuschauer ihnen hingeben.

Was macht den Unterschied von einem Buch zu einem Film aus?
Ein Film kann viel mehr zeigen. Wer im Trailer eine Leiche im Wasser schwimmen sieht und erfährt, dass eine Frau verschwindet, muss sich darauf gefasst machen, dass der Film auch damit Marketing betreibt. Wenn sich das Paar dann das erste Mal trifft, bleiben Zweifel beim Publikum. Man will sich Amy nicht hingeben aus Unsicherheit. Ein Buch hat immer nur das Cover und jemanden, der dir sagt, du müsstest das unbedingt lesen. Sechs Millionen haben als Buch gelesen. Wenn nur die, und vielleicht noch deren beste Freundinnen, ins Kino kommen, haben wir einen massiven Verlust. Der Erfolg des Buches zeigt schlicht, dass die Story windkanalgeprüft ist. Die Leute mögen sie. Eine Bucherfolg ist aber vom Finanziellen etwas ganz anderes als ein erfolgreiches Videogame, weil diese pro verkauftes Stück mehr einspielen.

© Sony Pictures Releasing GmbH

Im Vergleich zur Buchvorlage wird die Mediensatire hervorgehoben. Warum?
Gillian Flynns Roman ist ein kräftiger Baum mit vielen Wurzeln und einiges an Blattwerk. Das muss man trimmen. Die Zuschauer wollen nach etwas mehr als zwei Stunden wieder raus aus dem Kino. Sie haben einen Babysitter zu Hause, und das Auto steht im Parking. Als ich mit Gillian zusammensass, sagte ich ihr, dass es viel interessantes Zeug in diesem Film gebe. Aber wir mussten das Dramatisierbare herausholen. Nicht die internen Denkprozesse, sondern sichtbares Verhalten. Die Boulevardpresse oder die "Tragödien-Vampire" im Buch haben diese Wirkung. Wir haben das nicht aufgeblasen, aber es macht visuell einfach mehr Eindruck, als wenn man nur darüber liest, wenn die Kommissarin innerhalb von vier Sekunden die Pressemeute vom Rasen verscheucht.

Finden die grössten Lügen vor der Kamera statt?
Nein. Gelogen wird überall. Wir haben die Sprache erschaffen, damit wir lügen können. Kameras machen das Lügen einfach peinlicher.

Sowohl Nick als auch Amy lügen zuerst aus eigenem Antrieb. Danach werden sie aber von den Medien angestiftet.
Jemand wirft die Idee in die Runde, Nick könnte doch neben das Poster der lachenden, vermissten Ehefrau stehen. Das ist an und für sich schon hirnverbrannt. Er macht es widerwillig. Als er dann noch gebeten wird, zu lächeln, tut er, was er reflexartig kann: sympathisch und charmant sein. Und dann haut er ab. Zwingen sie ihn? Ist er mitschuldig? Quält es ihn? Hat er es verdient? Wahr ist dies alles. Aber Gillian und ich konnten nicht für eine der beiden sein. Man muss beiden Figuren vergeben können.

Bist du selber ein guter Lügner?
Ich bin kein guter Lügner, eher berüchtigt dafür, die Wahrheit auszusprechen - und dies nicht besonders nett.

© 2014 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.

Ist Gone Girl noch als Reaktion auf soziale Probleme zu deuten wie deine früheren Filme?
Ich kann keinen Film machen, in dem eine Version von Nancy Grace vorkommen muss, ohne dass dies mit der realen Welt gekoppelt ist. Wir müssen uns eine Botschaft überlegen. Worüber mokieren wir uns? Was zeigen wir als auffällig abscheulich, was als lustig und angenehm? Ich bin aber nicht Michael Moore.

Ist Gone Girl ein Film, den sich Paare anschauen gehen, was danach Scheidungen zur Folge hat?
Das war ein Witz, den ich mal gemacht habe. Ich betrachte ihn aber in der Tat als ein Date Movie. Es wird im Kinosaal die Szenen geben, bei denen sich das Publikum halbiert. Die Frauen sind angewidert und die Männer denken, sie könnten denselben Fehler machen. Ab da hat man dann Team Nick und Team Amy. Aber die Scheidungsrate muss nicht von mir unterstützt werden.

Was würde Hitchcock von diesem Film halten?
Ich weiss es nicht. Es gibt im Film einen zentralen Moment, in dem erzählt wird, was davor geschah. Wir dachten dabei auch an Kim Nowaks Brief an Jimmy Stewart in Vertigo. Hitchcock bezeichnete seine Filme als Kuchenstücke und nicht "Teile des Lebens". Ich denke nicht, dass mein Film ein Kuchenstück ist, er ist aber auch keine Scheibe Leben.

Ist es denn ein Kunstfilm? Steven Soderbergh hat es mittlerweile aufgegeben und seinen Ärger auch öffentlich kundgetan.
Ja. Hat er aufgegeben? Mittlerweile arbeitet er ja sieben Tage die Woche an einer Fernsehserie namens The Knick. Ich kenne Steven sehr gut. Besser als mich selber. Er hat den Punkt erreicht, wo er nicht darüber sprechen will, warum er etwas tut, sondern einfach darüber, was er gerne tun möchte. Er war eingeengt von den Studios, und auch wenn ein Regimewechsel stattfand, gab man ihm nicht mehr Raum zum Wachsen. Und dies, obwohl er lange mit ihnen gearbeitet, prestigeträchtige Filme gedreht und Movie-Stars hervorgebracht hat. Schussendlich kam trotzdem die Frage, warum man sich einen Film über einen Stripper ansehen sollte. Magic Mike war halt ein Film für Schwule und Frauen. Er kam zum Punkt, an dem er lieber dahin ging, wo sie ihn machen lassen, was er wollte.

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Warum tust Du dir die Arbeit mit den Studios noch an?
Es ist ein Sumpf. Man muss da bis zur Hüfte reinschreiten und schuften. Ich beklage mich nicht, wie ich behandelt wurde bei Gone Girl. Der Deal dauerte, weil ich auf Umstände, Schauspieler und Zeiträume pochte. Ich wollte hundert Tage drehen, und es wäre absurd zu denken, dass dies für Freudensprünge sorgt bei den Produzenten. Warum musste es Missouri sein? Da gibt's doch gar keine Steuergeschenke für Filmcrews? Bei solchen Fragen muss man reinknien und sich erklären. Das tue ich.

Warum machst Du keine unabhängigen Produktionen mehr?
Das stimmt nicht ganz und entsprang einer Diskussion mit einer anderen Journalistin. Was heisst unabhängig? Filme werden so gemacht, wie die Macher sie gerne machen - ohne um Erlaubnis zu fragen. Ich mache solche Filme - aber mit den Studios. Am Ende des Tages geht es darum, artikulieren zu können, was man vorhat. Die Leute geben dir obszön viel Geld, wenn du ihnen sagen kannst, was sie im Film erleben werden. Es gibt in meiner Filmographie fünf oder sechs Beispiele, wo die Financiers danach gesagt haben, das sei der versprochene Film, egal ob sie ihn nun gut, schlecht oder uninteressant fanden. Das ist mein Job. Man muss in der Lage sein, den Leute die schlechten Nachrichten vorab liefern zu können.

Bedeutet Netflix das Ende des Kinos?
Nein. Netflix bricht althergebrachte Strukturen. Sie sind unterstützenswert, weil sie nicht in Schubladen denken. Viel wichtiger als das Remaken einer richtig guten britischen Serie, indem man sie nach Washington verpflanzt, war, dass ich Ted Sarandos und Cindy Holland (die Content-Chefs beim VoD-Giganten. Anm. d. Red.) davon überzeugen konnte, dass mit nur einer Pilotfolge keine grossen Sprünge gemacht werden können. Das gewünschte Cast würde sich nicht bereiterklären, nur eine Folge zu drehen und wie beim Tontauben-Schiessen darauf zu hoffen, dass sie vielleicht zum Volltreffer wird. Das haben Sarandos und Holland verstanden und nicht nur für eine sondern gleich für zwei Staffeln die Kohle locker gemacht. So hatte ich plötzlich zwei neue beste Freunde...

Ich dachte eher an die technischen Umwälzungen, die Verfügbarkeit von Content auf allen möglichen Bildschirmen und jederzeit?
Ich glaube an den Altar. Ich glaube an die Kirche des Kinos. Ich glaube, dass im Dunkeln sitzen und mit 700 anderen an derselben Stelle zu lachen, eine animalische Verbindung herstellt. Auch wenn man denkt, dass man einzigartig fühlt, gibt es da immer noch diese Momente wo eine Geschichte alle gleichermassen berührt und man sich nicht alleine fühlt. Das hat Relevanz.

© 2014 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.

Du bist also optimistisch?
Technik steht dem Erzählen einer Geschichte nie im Wege. Sie bringt immer mehr Effizienz. Das Kino ist 100 Jahre alt und wir machen immer noch weiter, obwohl die Konventionen sich eingespielt haben. Dies ist die Verantwortung der Geschichtenerzähler und der Leute, die diese finanzieren. Steve Jobs wurde gefragt, welche Marketing-Tests er für den iPad durchgeführt habe. Er antwortete: "Keine!". Es liegt nicht in der Hand des Konsumenten zu bestimmen, was er braucht." Das gilt auch für Filme. Man sollte in Kinos gehen, um etwas zu sehen, das über die Erwartungen hinaus geht. Teil davon ist auch, wie Filme verkauft werden und innerhalb welcher Umgebung sie gezeigt werden. Und heutzutage wird halt gesimst während einer Vorstellung.

Es gibt in Burbank schon Kinos, welche die Tweets der Zuschauer auf die Leinwand projezieren.
Als Ticker? Wie auf dem Poster zu Gone Girl. Das war auch so etwas, was ich unbedingt so haben wollte, und es gab Bedenken. Dabei handelt mein Film auch vom Ticker.

Stört das nicht?
Solange man weiss, worauf man sich einlässt. Wieso nicht? Es gibt gewisse Kinos, in denen das Publikum die Charaktere auf der Leinwand anschreit - die New-York-Innercity-Talk-Back-Audience. Wem's gefällt. Ich habe keine Probleme mit Twilight-Kids, welche auf Handys das Leinwandgeschehen kommentieren. Solange ich vor dem Kinobesuch gewarnt werde, denn ich werde nicht happy damit. Ich sage immer: Wenn du laut denken möchtest, versuche immer der Schlaueste im Raum zu sein.

Warum wurde behauptet, dass die Autorin Gillian Flynn für den Film ein neues Ende geschrieben hat?
Ein Faux-pas eines Journalisten von Entertainment Weekly. Wir haben versucht, das Missverständis, das auf einer Aussage von Ben Affleck basierte, noch zu korrigieren. Es ist uns nicht gelungen.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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Kommentare Total: 3

Leofreak

Besten Dank für die ausführliche Antwort. Ich kann das natürlich verstehen. In diesem Sinne, ein schönes Wochenende!

rm

Lieber Leofreak

Ich verstehe deine Präferenz. Wenn es um Filme im Kino oder auf Blu-ray geht, sind wir bei OutNow.CH auf deiner Seite. Die Redaktion schaut am liebsten Original (mit oder ohne Untertitel).

Unsere Interviews hatten wir früher in der Tat jeweils auf Deutsch und auf Englisch veröffentlicht. 2005 z.B. das mit Eva Mendes. Wir sind davon abgekommen, weil es doppelte Arbeit bedeutet. Alles muss zweimal abgetippt, verlinkt, lektoriert und hochgeladen werden.

Die englischen Fassungen haben zwar auch Klicks generiert, aber wurden dann auch von nicht-Schweizer Usern gelesen, was dann wiederum die Werbetreibenden bei uns weniger interessiert hat.

Bei OutNow.CH sind Fanboys und etliche Selbstausbeuterinnen am Werke (wie das Michael Sennhauser einmal so schön ausdrückte). Unsere Freizeit ist kostbar und deshalb muss Deutsch reichen. Alle grossen Medien wie Spiegel, NZZ oder Watson bieten diesen Service ja auch nicht.

(Die englischen Interviews, gingen übrigens bei der letzten Generalüberholung der Site off-line, Damals stand auch zur Debatte, sie alle zu löschen. Die Schreiberlinge haben sich gegen die Programmierer durchgesetzt und man kann sie heute noch in der News-Sektion alle finden.)

Danke fürs Lob. Alles Gute, rm

Leofreak

Sehr interessantes Interview eines sehr interessanten Mannes. Seine Filme haben mich bisher immer überraschen können und ich bin schon sehr gespannt auf Gone Girl.
Ich habe nur eine kleine Frage, bezüglich meiner Präferenz der englischen Sprache. Wäre es möglich zukünftige Interviews auch in ihrer Origignalsprache (zumindest Englisch) ebenfalls zu posten? Wäre jetzt kein Riesending, wenn das nicht möglich sein sollte, aber schön wäre es trotzdem.

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