Das Cannes-Tagebuch von OutNow.CH - Tag 5: Waiting for Gosling

Bereits ist mehr als die Hälfte des Festivals vorüber, und wiedermal ist Schlangestehen angesagt. Da hat man Zeit, über Gott, die Welt und bisher geschaute Filme nachzudenken.

Dies ist mal wieder ein mit Handy geschriebener Warteschlangentagebucheintrag. Heute wird angestanden für Lost River, das mit Spannung erwartete Regiedebüt von Ryan Gosling. Satte 1.5 Stunden - also eine ganze Filmlänge! - vor Beginn reiht sich der wackere OutNow-Journalist in die Warteschlange ein, und das keinesfalls als erster. Im Vergleich zum letztjährigen Vierstunden-Marathon für die Coen-Brüder ist das zwar ein Klacks, doch für dieses Jahr ist dies der bisherige Rekordwert - knapp vor Cronenberg. Wehe, wenn Goslings Film nicht mindestens so gut ist wie Drive!

Immerhin geben die 1.5 Stunden Gelegenheit, das bisherige Festival Revue passieren zu lassen - bereits ist ja die Hälfte vorbei. Nun, was den Wettbewerb betrifft, so stehen bisher Mr. Turner und Winter Sleep am höchsten in der Kritikergunst. Bei Letzterem können wir das nachvollziehen, bei Ersterem nicht. Und sonst? Business as usual. Heisst beispielsweise: Interviews mit Robert Pattinson, Channing Tatum, Guy Pearce und Steve Carell. Mit diesem in famoser Beiläufigkeit hingeworfenen Namedropping ist dann hoffentlich auch die tägliche Glamour-Dosis erfüllt. Das tröstet den wartenden Journi dann doch etwas über das ausgesprochen unglamouröse In-der-Sonne-Stehen hinweg.

Immerhin: Wir Journis sind nicht die ärmsten Kreaturen unter der - haha - Sonne. Dies sind zweifellos die "Cannes Cinéphiles", die bei Vorstellungen der Nebensektion "Un Certain Regard" jeweils ihr Glück versuchen. Sie sind zuunterst in der Nahrungskette, waren lange vor mir da und werden - geschieht nicht ein Wunder - aller Voraussicht nach draussen bleiben müssen. Ihnen möchte ich an dieser Stelle meine aufrichtige Bewunderung für ihre stoische Geduld und Gelassenheit aussprechen. Davon könnte sich noch mancher hibbelige Journalist eine Scheibe abschneiden.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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