"3 Zimmer/Küche/Bad" - Regisseur Dietrich Brüggemann im OutNow-Interview

OutNow traf Dietrich Brüggemann, den talentierten Regisseur der neuen deutschen Komödie "3 Zimmer/Küche/Bad" in Zürich zum Interview, und quetschte ihn über seinen Film aus.

Nach der Teilnahme am Zürich Film Festival ist Dietrich Brüggemanns WG-Komödie 3 Zimmer/Küche/Bad endlich im regulären Programm zu sehen. OutNow traf den Regisseur, um mit ihm über den Film zu sprechen.

OutNow:
Hallo! Dein Film ist bereits vor einem halben Jahr in Deutschland angelaufen. Wie fühlt es sich an, nach dieser Zeit den Film immer noch zu promoten?

Dietrich Brüggemann:
Ja, es ist ja alles schon lang vorbei, aber ich mag den Film ja, ich mag ihn wirklich herzlich gerne, und es freut mich, wenn er auch mal in andere Länder geht, und dann erzähl ich auch gern nochmal dieselben Sachen. Es fällt einem auch immer noch irgend etwas anderes ein.

ON:
Wie war denn deine Wohnsituation, als du das Drehbuch geschrieben hast?

DB:
(Lacht) Ich wohn' ja seit über fünf Jahren in derselben Wohnung, insofern ist meine Wohnsituation stabil. Der Berliner Markt ist auch in den letzten drei, vier Jahren so irre teuer geworden, dass jetzt jeder da bleibt, wo er ist. Also, man zieht jetzt nicht mehr um

ON:
Das Drehbuch hast du ja zusammen mit deiner Schwester geschrieben, die auch im Film mitspielt. Wie muss man sich da die Arbeitsaufteilung vorstellen?

DB:
Ach, das ist keine Aufteilung, das ist eher eine Zusammenarbeit. Wir denken uns Handlung und Figuren gemeinsam aus, da wir beide einen ziemlich ähnlichen Blick auf Menschen haben und man sich zu zweit auch ergänzt. Im Dialog ist das eine ganz andere Sache, ein Drehbuch zu entwickeln. Die eigentliche Schreiberei, also das in einen Text zu giessen, was wir uns zusammen ausgedacht haben auf tausenden Notizzetteln, mach dann meistens ich alleine. Auch die Dialoge sind jetzt bei diesem Film komplett von mir, aber trotzdem ist es dann eigentlich ein Gemeinschaftswerk. Bei dem Film, den wir jetzt gerade schreiben, da ist jetzt Anna an einer Version. So ist es eigentlich immer gemeinsame Denkarbeit, aber einer schreibt es dann schlussendlich.

ON:
Acht Hauptfiguren sind relativ viel für einen Film. Man springt immer wieder hin und her. Waren es von Anfang an immer diese Acht oder waren da sogar noch mehr?

DB:
Die waren relativ ganz klar. Es gab in einer ganz, ganz frühen Fassung noch eine Person, die ganz schnell wieder rausgeflogen ist, weil es schnell klar wurde, dass es da nicht viel zu erzählen gab, und dann war sie weg. Die restlichen Figuren standen so klar und greifbar im Raum vor uns und sie sind auch alle ein bisschen basiert auf Leuten, die wir persönlich kennen, und so war es überhaupt kein Problem, die alle auseinander zu halten. Das Beste, was man beim Film machen kann ist ja, von der Realität abzuschreiben und sich einfach ungeniert bedienen, bei Leuten die man kennt. So muss man sich nichts mehr ausdenken...

ON:
Bestand nie die Gefahr, diese aus dem Leben gegriffenen Figuren zu sehr zu karikieren?

DB:
Nein, wenn man versucht, die Leute wirklich von innen aus zu erzählen, dass man denkt "Okay, ich verstehe, warum der jetzt so handelt, ich kann mir das erschliessen, warum der jetzt so ist". Es gibt ja dieses komische Wort, welches beim Film immer in ablehnender Form gebraucht wird, nämlich "Psychologie". Das ist eine seltsame Verzerrung, dass man sagt, man macht einen Film psychologisch, oder man macht den Film nicht psychologisch. Psychologie ist eine Wissenschaft, die es schon seit Ewigkeiten gibt. Ich weiss nicht genau, was Leute meinen, wenn sie sagen, sie psychologisieren nicht, oder sie psychologisieren doch. Ich versuche einfach immer die Leute zu verstehen, so wie ich versuche mich selbst zu verstehen. Da kann man dann doch meistens sagen: "Ich habe gerade diesen Impuls und diesen widerstreitenden Impuls, und das führt dann zu so einer Handlung". Man kann ja Leute auch auf so eine Art verstehen, und man freut sich, wenn die keine völlig nackten Wände sind, sondern wenn man irgend etwas nachvollziehen kann und denken kann "die verhalten sich jetzt wie echte Menschen, die ich auch kenne, wo ich mich auch oft frage, warum die so handeln, aber sie existieren und machen es tatsächlich". Dieses Gefühl versuche ich halt in diesem Film herzustellen...

ON:
Wie sah das Casting aus?

DB:
Viele der Rollen sind für die Schauspieler geschrieben worden. Lustigerweise waren die beiden Jungs, die schon in meinem letzten Film gespielt haben, gar nicht mal von Anfang an vorgesehen. Es war nicht für sie geschrieben, obwohl es dann doch irgendwann klar war, als das Drehbuch dann da war. Aber die Rollen von Alexander Khuon, Amelie Kiefer, Alice Dwyer und Anna sind auf alle Fälle für die Schauspieler geschrieben. Katharina Spiering war auch sehr schnell klar. Aylin Tetzel kam in bisschen später dazu, aber wir haben für den Film kein einziges Casting gemacht. Für acht Figuren mich da wochenlang in so ein Castingbüro einzuschliessen... Horror! Da hatte ich keine Lust drauf. Wir haben einfach diesen Vertrauensvorschuss diesen Schauspielern entgegengebracht und gesagt: "Hier ist das Drehbuch, wenn du Bock hast, dann spiel das". Das hat bei allen Beteiligten grosse Freude hervorgerufen, und dieses Vertrauen zahlt sich auch aus. Die Schauspieler fühlen sich dem Projekt auf eine ganz spezielle Art verbunden, und die merken auch, dass sie von Anfang an gemeint sind, was zu einer wahnsinnigen Identifikation und Solidarität mit dem Film führt.

ON:
Die Chemie war dann auch sehr gut...

DB:
Ja, ich habe mich aus dem Fenster gelehnt, und es kam alles gut. Ich finde, Robert Gwisdek und Alice Dwyer haben eine Wahnsinnsmagie auf der Leinwand als Paar. Die funktionieren toll zu zweit im Film und irgendwie wusste ich das zum Beispiel.

ON:
Wurde die Gewichtung der verschiedenen Figuren beim Schnitt noch verändert?

DB:
Weniger. Das Drehbuch ist eigentlich so stark strukturiert, dass alles, was man im Film sieht, eigentlich schon drin war, auch von den Abläufen her. Es gab einen Strang, der so ein bisschen reduziert wurde im Schnitt, weil der Film dann doch unter zwei Stunden lang werden sollte. Und zwar war das der Typ, der ein Smiley auf der Brust hat, der ja so eine Nebenfigur ist. Der fängt mal was mit Wiebke an, und das gab's noch deutlich ausführlicher. Auch wurde die Reihenfolge der Szenen teilweise getauscht innerhalb der "Blöcke". Die Jahreszeiten wurden nicht angetastet, aber innerhalb der Jahreszeiten wurde so ein bisschen herumgeschoben, dass man so Stränge immer blockweise erzählt und nicht zu sehr verhakt. Wir haben schon recht lange geschnitten, weil wir halt nach den vier Jahresblöcken immer eine Schnittphase eingelegt haben, was natürlich zu verlockend war, um's nicht zu machen. Die richtige Entscheidung, die triffst du dann trotzdem erst am Ende.

ON:
Es gab sechs solche Montagen, Waren die ganz klar geschrieben?

DB:
Die sind so geschrieben, so geplant, so gedreht. Das sind ja immer so kurze Momente. Die dreht man wie ein Musikvideo, wo man keinen Dialog hat, und oft auch gar keinen Ton aufnimmt. So eine kurze, symbolisch charakteristische Geste, oder eine Sache, die in einem Bild erzählt ist. Zum Beispiel: "Zwei Leute schliessen eine Waschmaschine an". Da brauchst du im Film eigentlich keine Szene zu führen, aber es passt wunderbar in so ein Montagebild.

ON:
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Musiker Fyfe Dangerfield, der die Songs zum Soundtrack beisteuerte?

DB:
Ich habe ihn mal 2006 auf einem kleinen Festival gesehen, da hat er mit seiner Band gespielt. Ich fand die grossartig. Ich dachte: "ein Ohrwurm jagt den nächsten, die werden ja wohl die Welt erobern!". Haben sie dann irgendwie nicht, aber die sind in England schon recht bekannt, im Rest der Welt nicht so. Es war relativ bald die Idee da, dass man dem Film so eine eigene musikalische Ebene gibt, dass die Songs halt möglichst alle aus einer Feder sind. Dann gab es einen glücklichen Zufall mit einer Berliner Radiojournalistin, die auch Musikberatung für Filme macht: Sie hat ihn interviewt, und wir kannten uns, und ich hatte ihr mal erzählt, dass ich den so toll finde, und dann hat er ihr erzählt, dass er Lust hätte auf Filmmusik! So kam der Kontakt zustande, und so konnten wir die Musik also zum bezahlbaren Preis kriegen.

ON:
Du wirst immer wieder mit dem "Jungen Deutschen Kino" in Verbindung gebracht. Was bedeutet dies für dich?

DB:
Schwer zu sagen. Ist natürlich ganz nett, wenn man da irgendwie als Teil von so einer Bewegung wahrgenommen wird, Das ist ja auch nicht falsch, denn ich suche auch bewusst den Kontakt - die Politiker nennen dies "Schulterschluss" - mit Leuten, deren Filme ich mag und die ich auch als Menschen mag, und wo ich so eine Erzählhaltung sehe, die ich toll finde und ich im Deutschen Film einfach zu selten sehe. Leute, die irgendwie eine eigene, individuelle Stimme haben und nicht so dem komischen Kommerz-Fata-Morgana-Ding hinterher rennen, die sich aber auch nicht so auf ein Kunstparadigma geeinigt haben, wie die sogenannte Berliner Schule. Es gibt genug Leute, die eine eigene Stimme haben, die alle gerade durchbrechen. Ich denke da an Leute wie Axel Ranisch und Aron Lehmann. Namen, die man vielleicht hier noch nicht so kennt, aber das sind die Leute, von den man in den nächsten Jahren noch hören wird. Wir kennen uns, wir mögen uns, wir verstehen uns gut miteinander, und wir haben eine ähnliche Idee davon, was Kino in der Welt zu suchen hat.

ON:
Hatte dein Film in Deutschland einen erfolgreichen Start?

DB:
Es war ein kleiner Start mit wenigen Kopien, aber er ist gut gelaufen. Es waren nämlich 80'000 Zuschauer, das ist nicht überbombastisch, aber es ist schon so, dass einem alle auf die Schulter klopfen und sagen: "Ist ja toll!".

ON:
Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg!

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