Das Venedig-Tagebuch 2012

Aufregendes, Witziges, Absurdes, Spannendes aus dem Festivalleben. Beobachtungen aus dem Festivalgeschehen von in und ausserhalb der Kinosäle. Handlich nach Tagen geordnet.

Mittwoch, 29. August 2012 - We will survive

Same old shit am Lido, aber wen kümmert's - wenn Haifischfilme laufen?

Wir könnten unser Tagebuch nun wieder mit dem Themenklassiker schlechthin beginnen, nämlich indem wir uns darüber mokieren, dass es die Festivalverantwortlichen auch dieses Jahr (das wievielte ist es nun?) nicht geschafft haben, das baufällige Casinò mit Anstand zu renovieren und dass die Journalisten noch immer verschämt durch die Hintertür einschleichen müssen. Che casino! Doch halt: Darüber haben wir uns schon in den Tagebucheinträgen vergangener Jahre zur Genüge ausgelassen, daher soll hier nicht weiter darauf eingegangen werden.

Statt dessen freuen wir uns lieber über einen Festivalauftakt der etwas anderen Art. Bait 3D heisst dieser - ein 3D-Haifischfilm, der in einem überfluteten Supermarkt spielt. Na, das ist doch mal was. Klar, lässt sich die OutNow-Crew ein solches Schmankerl nicht entgehen - und findet sich prompt in dreiköpfiger Mannschaft als vorderste in der (recht bescheidenen) Warteschlange. Review folgt!

Natürlich ist uns aber bewusst, dass während der nächsten zehn Tage nicht nur 3D-Haifischfilme auf uns warten. Der eine oder andere zähe Brocken wird wohl auch dabei sein. In dieser Hinsicht wollen wir uns einen Song als Motto nehmen, der uns während unseres Spazierganges zum Lido gleich zweimal entgegengeschallt ist, einmal im Original und einmal in lüpfiger Salsa-Version: We will survive! Damit haben wir es immerhin noch besser als einige der Protagonisten in unserem Haifischgemetzel.

Donnerstag, 30. August 2012 - Unser Date mit Briez Taylor

Gute Nachrichten: Die OutNow-Delegation muss in den kommenden Tagen nun doch nicht verhungern.

Der erste Tag brachte verpflegungstechnisch gleich auch den ersten Schock: Unser Lieblingssandwichstand der vergangenen Jahre war verschwunden! Wie um alles in der Welt sollen nun hungrige Journalistenmäuler in der Pause zwischen zwei Filmen gestopft werden? Etwa mit den trockenen Dingern aus der offiziellen Lido-Fressbude, die die Bezeichnung "Sandwich" nicht wirklich verdient haben? Nein, glücklicherweise nicht. Denn heute konnten wir den begehrten Stand an anderem Ort wieder aufspüren: gut versteckt bei der Pala Biennale, wo wir uns wiederum durch den Hintereingang zu unseren begehrten Brötchen durchmogeln mussten. Aber egal, wir müssen nicht verhungern und dürfen stattdessen wieder apettitliche Dates mit klingenden Namen wie Bread Pitt, Briez Taylor oder Gregory Speck feiern.

Fehlt nur noch das krönende Dessert, ein schmackhaftes Gelato. Davon gibt's auf dem Lido glücklicherweise genug, und passenderweise stand es heute auch gleich auf unserer Film-Speisekarte: Ob The Iceman was taugt? Unsere Review folgt in Bälde.

Freitag, 31. August 2012 - Double-Feature der mühsamen Art

Gegen eine geballte Ladung Depro-Kino hilft nur noch ein Gin-Tonic.

Es gibt Filme, die eignen sich einfach nicht so richtig als Double-Feature. At any Price und Paradies: Glaube unmittelbar hintereinander zu programmieren, kann so durchaus als leicht sadisitischer Scherz der Programmverantwortlichen interpretiert werden, mit dem sie uns sagen: Ha, ihr verwöhnten Journalisten - ihr sollt ruhig auch mal etwas leiden und nicht immer nur an Pressekonferenzen, Partys und Interviews rumhängen! Um diese Depro-Doppelladung zu überstehen, musste sich die OutNow-Crew in der Pause einen Gin Tonic genehmigen - ausgeschenkt übrigens von einem Barkeeper aus Züri. Man spricht Schwyzerdütsch!

So richtig schwach war dann übrigens glücklicherweise nur einer der beiden Filme. Welcher, wird bald in der offiziellen OutNow-Review nachzulesen sein. Trotz alledem wird zumindest der weibliche Teil unserer Delegation heute an der Pressekonferenz zugegen sein und vielleicht auch etwas kreischen, wenn Mädchenschwarm Zac Efron den Raum betritt. Der spricht zwar wohl kein Schwyzerdütsch - aber wer hat denn da was von Sprechen gesagt?

Samstag, 1. September 2012 - The Italian Way of Writing

Die OutNow-Crew macht auf der offiziellen Festival-Website eine interessante Erkenntnis.

Erstes Wochenende in Venedig. Und es warten Grosskaliber wie Paul Thomas Anderson und Terrence Malick auf uns. Da heisst's also volle Konzentration und nix Gin Tonic - zumal die beiden Filme jeweils morgens um 9 gezeigt werden. Dafür gönnen wir uns dann vielleicht nach dem Film von - Achtung, akuter Kalaueralarm! - Susanne Bier ein ebensolches.

Wenn's um die Kritiken geht, sind wir jeweils aber völlig nüchtern und unbestechlich. Natürlich - wir geben's freimütig zu - schnuppern wir bei der Recherche auch immer gerne mal im Presseheft, das jeweils von den Produzenten zur Verfügung gestellt wird. Und hierbei haben wir auch eine interessante Entdeckung gemacht: das Online-Casellario, in dem wir Journalisten jeweils die entsprechenden Dokumente herunterladen können, gibt's auf der offiziellen Seite nur in der englischen, nicht aber in der italienischen Sprachversion. Was soll uns das also sagen? Klar: Die italienischen Filmjournalisten brauchen keine Pressehefte, die schreiben sowieso, was sie wollen. Prost!

Sonntag, 2. September 2012 - Ein bisschen Amore für Malick

Heute standen zwei unterschiedliche Filme auf dem Programm, die zu kreuzen vielleicht interessant gewesen wäre.

Terrence-Malick-Tag in Venedig! Der medienscheue Wenigfilmer präsentierte heute sein neues Epos To the Wonder. Die ausführliche Besprechung folgt wie üblich in Kürze in unserer Review, nur soviel vorneweg: Die Kritikerreaktion war - gelinde gesagt - mässig enthusiastisch. Und: Pressehefte wissen manchmal erstaunlich viel über einen Film - selbst Dinge, die darin gar nicht gezeigt werden.

Unmittelbar darauf folgte dann Susanne Biers leichte Romcom Love is all you need, die schuld ist, dass ganz Venedig heute Dean Martins "That's amore" summt. Wobei es Spass macht, sich vorzustellen, was herausgekommen wäre, hätte man den alten Gassenhauer als musikalische Untermalung für das Malick-Werk verwendet.

Montag, 3. September 2012 - Eine Zahl sagt mehr als tausend Worte

Festivalmitte! Wir ziehen eine kleine Zwischenbilanz.

  • 15 - Anzahl der (bisher reviewten) Festival-Filme
  • 1647 - Totale Laufdauer der obigen Filme in Minuten
  • 47.5 - Totale Anzahl verteilter Review-Sterne für die obigen Filme
  • 3,17 - Durchschnittliche Anzahl von Sternen pro Film
  • 3 - Anzahl Sonnentage in Venedig
  • 3 - Anzahl Regentage in Venedig
  • 1 - Anzahl der von der OutNow-Delegation verdrückten Tiramisù
  • 2 - Anzahl der Filme, die von mindestens 3 der 4 OutNow-Delegationsmitglieder für gut befunden worden ist
  • 3 - Anzahl der von Joaquin Phoenix gerauchten Zigaretten an der Pressekonferenz zu The Master
  • 1 - Anzahl der Haifischfilme im offiziellen Programm
  • 5 - (Bekannte) Anzahl der Stars, die in To the Wonder von Terrence Malick rausgeschnitten wurden
  • 4 - Anzahl der Stars, die in To the Wonder von Terrence Malick NICHT rausgeschnitten wurden
  • 1 - Anzahl der Stars, die an der Pressekonferenz zu To the Wonder anwesend waren
  • 5 (Tendenz sinkend) - Durchschnittliche Anzahl Stunden Schlaf pro Delegationsmitglied und Nacht

Dienstag, 4. September 2012 - Schlaf statt Film

Mit fortlaufender Festivaldauer droht die Disziplin der OutNow-Delegation etwas nachzulassen - nicht ohne Folgen.

Das Gefühl, nicht in einen Film reinzukommen, ist dem Festival-Habitué eigentlich vor allem aus Cannes bekannt. In Venedig ist dies normalerweise - wenn überhaupt - den bedauernswerten Green Batches vorbehalten. Gestern durfte die OutNow-Crew diese zweifelhafte Erfahrung aber auch machen. "Tutto esaurito" hiess es da. Und zwar nicht etwa bei einem Anderson, Malick oder DePalma, sondern bei Pieta von Kim Ki-duk. Wobei man kleinlaut zugegeben muss, dass man sich für den um 19:30 startenden Film erst so gegen 19:29 zum Kinosaal bequemte, weil man sich zuerst noch den Bauch hat vollschlagen müssen. Dass eine solch lasche Disziplin bestraft werden muss, ist nur folgerichtig. Wir geloben Besserung!

Immerhin bot uns der unerwartete Filmausfall die Gelegenheit, mal wieder etwas früher ins Bett zu gehen und so das Schlafmanko ein wenig wettzumachen - so dass wir jetzt die noch kommenden Filme voller Elan in Angriff nehmen können - und uns natürlich wieder immer brav eine halbe Stunde vor Filmstart in die Warteschlange einreihen. Der gestern verpasste Film wird dabei selbstverständlich auch nachgeholt, so dass der geneigte Leser in den Genuss unserer Review kommen darf.

Mittwoch, 5. September 2012- Sorglosigkeit unter Badgeholdern

Einige Impressionen vom Presseraum-Verhalten unserer verehrten Berufskollegen.

Disconnect - einer der raren von der Mehrheit der OutNow-Delegation für gut befundenen Filme an diesem Festival - zeigte eindrücklich die Gefahren auf, die im Internet so lauern können. Die Journalisten, die das Privileg hatten, den Film als erstes zu sehen, sind sicherlich besonders sensibilisiert auf dieses Thema. Zumal man von ihnen doch nur schon Berufs wegen eine gewisse Vorsicht erwarten darf. Müsste man eigentlich denken. Die Realität sieht allerdings anders aus, wirft man mal einen Blick auf die fix installierten Arbeits-PCs im Presseraum - beziehungsweise auf den Browserverlauf und die Dokumente, die da so abgelegt werden. Hier herrscht, so scheint es, eine allgemeine Sorglosigkeit bezüglich Privacy oder Datendiebstahl. Denn schliesslich haben die anderen, die an diesem Computer arbeiten ja alle einen Badge, und wer einen solchen hat, kann kein schlechter Mensch sein. Oder?

Naja. Ein solch positives Menschenbild in Ehren, aber die OutNow-Delegation ist hier dennoch etwas vorsichtiger. Daher löschen wir immer säuberlich unsere Spuren, ehe wir unseren Leih-PC dem nächsten überlassen. Denn schliesslich sollen unsere einzigartigen Reviews (und natürlich auch die vorliegenden Zeilen) nicht plötzlich auf anderen Websites zu finden sein!

Donnerstag, 6. September 2012 - Zwei haben wir noch...

Ganz abgehakt ist das Festival noch nicht - nicht bevor Rachel McAdams und Noomi Rapace miteinander rumgemacht haben.

Mit dem Festival geht's langsam zu Ende, und so auch mit der Kreativität des OutNow-Tagebuchschreibers. In den einschlägigen Souvenirläden gibt's bereits einen Festival-Ende-Ausverkauf, die Journalisten-Karawane ist im Kopf (oder sogar auch schon physisch) bereits in Toronto. Doch halt - es stehen ja noch zwei grössere Hollywoodkisten auf dem Programm! Robert Redfords The Company you Keep und Brian DePalmas Passion gibt's noch zu sehen. Na, für Rachel McAdams, Noomi Rapace und Karoline Herfurth in einem gepflegten Erotik-Thriller stehen wir doch nur zu gerne nochmals um halb acht morgens auf!

Freitag, 7. September 2012 - Heimreise und Spekulationen

Die OutNow-Crew ist auf der Heimreise.

Heute ist Reisetag, daher gibt's leider nur einen Rumpf-Tagebucheintrag. Mit Passion und Un giorno speciale haben wir die letzten beiden Wettbewerbsfilme gesehen und befinden uns nun auf der Reise. Die Löwen-Gewinner gibt's morgen, spekuliert werden darf freilich schon heute. Wir enthalten uns mit den Prognosen, werden dafür dann nach Bekanntgabe der Gewinner alles schon vorher gewusst haben...

Sonntag, 9. September 2012 - Finito

Die OutNow-Crew ist wieder in Schweizer Landen und zieht Bilanz.

Tja, das war's also. Pieta heisst der Sieger - also just der Film - wir erinnern uns -, für den die OutNow-Crew im ersten Versuch vergebens angestanden hat. Ein Omen? Wobei: Wenn man Gerüchten Glauben schenken will, hätte eigentlich The Master gewinnen sollen, dem allerdings die Silbernen Löwen für Regie und Darsteller in die Quere gekommen sind. Tja, das ist der Preis des Erfolgs! Beziehungsweise die Konsequenz einer doch eher seltsam anmutenden Regel, die offenbar dem Motto The Winner takes it all entgegenwirken soll.

Die OutNow-Crew kann jedenfalls mit den Preisträgern leben. Denn bei den beiden Gewinnern in den Hauptkategorien handelt es sich zweifellos um Höhepunkte eines an Höhepunkte eher armen Wettbewerbes. Der beste Film des Festivals war allerdings in der Nebensektion Orizzonti zu sehen: A Hijacking hiess der - und wird in Kürze am Zurich Film Festival zu sehen sein. In dem Sinne: See you there!

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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Datum
Quelle
OutNow.CH