CARGO: Das Interview mit Martin Rapold

Martin Rapold spielt den Sicherheitsbeamten Decker. Welche Filme er sich zur Vorbereitung angeschaut hat, und wie es sich anfühlt, in eines dieser Kälteschlafbetten zu tauchen, erzählte er OutNow.CH.

Der gebürtige Schaffhauser Martin Rapold spielt in CARGO den etwas wortfaulen Sicherheitsbeamten Samuel Decker. Selbst steht Rapold der bemannten Raumfahrt äusserst kritisch gegenüber. Welche Science-Fiction Filme er sich zur Rollenvorbereitung angeschaut hat, und wie es sich anfühlt, in eines dieser Kälteschlafbetten zu tauchen, erzählte er OutNow.CH.


OutNow.CH (ON): Martin, hast du als Bub einen Traumberuf gehabt?

Martin Rapold (MR): Der Astronaut und der Pilot ist sicher im Wunschkatalog eines jeden Teenager drin. So auch bei mir. Ich bin lange geflogen, zuerst Segelflieger, dann kleinmotorige Flugzeuge. Bei der Militärpilotenausbildung kam ich unter die letzten 20. Mir wurde dort aber klar: Wenn man bei diesen Dingern auf den falschen Knopf drückt, dann kommt das ganz ganz schlimm. Da wusste ich, das ist nix für mich.

ON: Jetzt bist du Schauspieler, auch so ein Bubentraumberuf...

MR: Lustigerweise hatte ich als Kind nie davon geträumt, Schauspieler zu werden. Das ist entstanden, weil ich so viele andere Sachen angefangen habe. Ich dachte: Gibt es einen Beruf, in den man das alles reinpacken kann?

ON: Du kannst dich jetzt also im Schauspielerberuf voll ausleben.

MR: Nun, das ist natürlich auch eine Illusion, aber man braucht ja immer träumerische Illusionen, um etwas zu starten. Das war eben mein Traum. Und man kommt bis zu einem gewissen Grad wirklich in die verschiedenen Berufe rein.

ON: Jetzt wirst du wohl einer der wenigen Schweizer Schauspieler bleiben, die je in einem Schweizer Science-Fiction Film mitgespielt haben...

MR: Stimmt, es kommt nicht gerade jeden Tag einer raus.

ON: Erfüllt dich das mit Stolz? Hat dich das als Schauspieler auf eine neue Ebene gebracht?

MR: Nein, das ist einfach eine weitere Aufgabe. Sicherlich eine spannende und auch eine Pionierarbeit. Es ging bei diesem Projekt immer wieder um die technische Machbarkeit. Wie kann diese Geschichte erzählt werden, ohne dass man das Geld zur Verfügung hat, um alles zu zeigen? Es durfte ja auch kein Hörspiel werden. Eine grosse Herausforderung war sicherlich, Atmosphäre zu schaffen. Beim Dreh stehst du dann in einem Spaceship aus Sperrholz und Papier, und nicht etwa aus Metall. Vorne ist ein Greenscreen und hinter dir sind fünf Meter Studio, und dann ist nichts mehr. Dann vertraust du darauf, dass das Ergebnis gut aussieht. Vom Endprodukt war ich positiv überrascht. Ich finde, der Film ist ein Postproduktions-Kunstwerk.

ON: Die visuelle Opulenz des Films ist wahrlich beeindruckend.

MR: Absolut, und darum müsstest du jetzt eigentlich die Computer-Nerds interviewen, denn die sind die eigentlichen Hauptdarsteller.

ON: Rund 30 Leute haben den Film digital ausgearbeitet.

MR: Ja. Und das sind sehr wenige. In Hollywood sind es meistens ein paar Hundert Leute.

ON: Verspürtest du auch Druck? Schliesslich gibt es keine nationalen Referenzwerke. Überdies müssen euch doch viele Leute nicht für voll genommen haben.

MR: Stimmt, nach Schweizer Sci-Fi-Vorbildern zu forschen hätte nicht viel gebracht. Ich habe mir auch nicht sämtliche amerikanische Science-Fiction Filme reingezogen um zum Schluss zu kommen: Ah, genau, so mache ich es! Druck fühlte ich keinen. Ich dachte lediglich, dass es nicht einfach wird, diese Geschichte zu erzählen, wie sie auf dem Papier steht.

ON: Ein paar Science-Fiction Filme hast du dir aber schon angeguckt.

MR: Klar. Ich schaute mir Filme an, um die Stimmung zu erahnen, um mir vorzustellen, wie es am Schluss aussehen könnte. Ich schaute mir Filme wie Event Horizon, Solaris und Sunshine an. Dort gibt es auch ein paar Parallelen zu unserem Film. Meine Favoriten sind aber schon die Klassiker 2001: A Space Odyssey von Kubrick oder eben Solaris von Tarkowski.

ON: Zog es dich beim Dreh in die Materie rein?

MR: Ich wurde reingezogen von der Ästhetik. Als ich am Computer sah, wie es aussehen könnte. Das hat mich sehr überzeugt. All die Wahnsinnigen von Setdesign und Bau setzten die Visionen dann 1:1 um. Sehr faszinierend, wie eine leere Halle zur kompletten Illusion verwandelt wurde.

ON: Das ganze CARGO-Team kommt mir vor wie ein grosses idealistisches Kollektiv. Ivan schleppte teilweise selber Requisiten. Übernahmst du auch andere Aufgaben als das Spielen deiner Rolle?

MR: Auf jeden Fall. Ich habe mich eingebracht bei den Szenen. Es gab Momente, da meinte ich: Man könnte ja jetzt dies so und so machen.

ON: Konntest du auch beim Drehbuch Inputs geben?

MR: Ja, in der letzten Version. Es hatte noch viel mehr Dialoge, aber ich hatte das Gefühl, dass man wesentlicher auf die Atmosphäre setzen sollte. Das Problem war ja, dass wir wegen dem Budget nicht alles zeigen können. Wenn wir dann noch alles erzählen, dann wird es schwierig. Dann sind wir beim deutschen Fernsehfilm angelangt.

ON: Wann bist du bei CARGO an Bord gekommen?

MR: Erst ein paar Monate vor dem Dreh.

ON: Durch ein Casting?

MR: Nein. Ivan hatte mich irgendwie im Kopf bei dieser Rolle. Und dann hat er mich konfrontiert.

ON: Eine Woche der Dreharbeiten war für die Schwebeszenen vorgesehen. Die seien anscheinend ziemlich anstrengend gewesen.

MR: Das war fast schon sportlich. Diese Anzüge vor allem. Mit dem bisschen Geld hat unsere Kostümabteilung Unmögliches geleistet. Aber einen Anzug zu machen, der nicht nur gut aussieht, sondern auch sitzt, konnten wir uns nicht leisten. In den Helmen wurde es 40-45 Grad warm. Immer wieder beschlug die Scheibe, man bekam keine Luft wegen dem Plexiglas, es musste mit einem Staubsauger Luft reingepumpt werden, und weil das dann sehr laut wird, braucht man ein Mikrophon. Dann hängen sie dich an die Decke.

ON: Die Ausgangslage des Films ist ein Öko-Kollaps der Erde. Wie steht es um das Öko-Bewusstsein des Martin Rapold?

MR: Benzintechnisch bin ich eher unter den Sündern, oder besser: Geniessern. Ich mag alte Autos, fahre Motorrad, bin aber kein täglicher Autobenutzer. Was ich im Alltag tatsächlich mache ist lokal einkaufen. Ich sehe nicht ein, warum man Produkte, die es hier auch gibt, um den halben Globus schippert. Ausserdem finde ich es wahnsinnig, wie die grossen Konzerne agieren. Der Otto-Normalverbraucher hat ein schlechtes Gewissen, wenn er mit dem Auto um die Ecke fährt, aber der nächste Exxon-Tanker säuft ab und es ist in der Zeitung gerade eine Linie wert. Das ist einfach kein Verhältnis. Und solange keine existenzielle Verbundenheit mit dem was wir Umwelt nennen entsteht, wird sich daran nichts ändern. Die Leute haben noch nicht wirklich verstanden, das sie die Welt sind und die Welt sie.

ON: CARGO zeigt aber auf, was uns schlussendlich drohen könnte.

MR: Im Sci-Fi Genre ist es fast immer so, dass ein ganz aktuelles Szenario überhöht wird. Das ist auch die Chance von Science-Fiction. In unserem Film fragt man sich: Hey, ihr wollt auf einem anderen Planeten Tomaten pflanzen? Schaut doch zuerst mal, dass das Raumschiff Erde wieder auf Vordermann kommt!

ON: Nun handelt es sich bei CARGO um einen Genrefilm. Denkst du, dass auch Leute angesprochen werden, die mit Sci-Fi nicht so viel am Hut haben?

MR: Aufgrund der erwähnten Problematik wäre das wünschenswert. Aus Produzentensicht war dieses Projekt natürlich ein extremes Wagnis. Man setzt doch relativ viel Geld in den Sand wenn nur ein paar Sci-Fi-Freaks den Film schauen gehen. Ich denke aber, dass die Leute neugierig sind, weil es eben der erste Schweizer Film dieses Genres ist.

ON: Auch thematisiert werden Terrorismus und technischer Fortschritt, der sich gegen die Menschen wendet. Ist es nicht beängstigend, wie Computerleistungen explodieren und Roboter wohl bald unsere Füsse massieren?

MR: Füsse massieren wäre ja kein Problem. Es ist eben wie immer bei den lustigen Menschentierchen. Wenn sie Macht über sich entstehen lassen, also die Verantwortung den Maschinen abgeben, wird es gefährlich. Wenn man sich auf die Digitalisierung so sehr abstützt, dass man nur noch wissen muss, welchen Knopf drücken, dann gibt es Abhängigkeit, die auch in eine Gefahr führt.

ON: Wird es je künstliche Intelligenz geben?

MR: Das ist wirklich ein Science-Fiction Begriff. Dass ein Rechner Lernprozesse initialisiert, ja. Aber sie werden nie Bewusstsein entwickeln. Und Bewusstsein ist der wichtigste Teil von Intelligenz. Darum wird es künstliche Intelligenz nie geben. Und auch kein künstliches Leben. Das ist alles Blödsinn.

ON: Glaubst du daran, dass wir irgendwann zum Mars fliegen werden?

MR: Ich hoffe es nicht, weil es einfach die völlig falsche Ausrichtung ist. Eher sollte sich die bemannte Raumfahrt auf den fiktionalen Filmbereich beschränken. Die postpubertären Macho-Rennen im All zwischen Russen und Amis sind hoffentlich auch durch. Soll man sich doch Filme anschauen, wenn man von anderen Planeten träumt! Aber Raketen für x Milliarden zu bauen, ist doch Unsinn. Und der immer wieder erwähnte wissenschaftliche Nutzen ist sehr fraglich.

ON: Die Ausstattung des Films gefiel mir, weil sie so ambivalent wirkt. Einerseits hochmoderne Technik, andererseits Anzüge, die aus dem Sowjetraumfahrts-Programm der 60er stammen könnten.

MR: Alles, was Design und Ästhetik anbelangt von dem Schiff - die CARGO-Idee, dass es aussieht wie auf einen Ölfrachtschiff - hat mir sehr gut gefallen. Dazu knarzt und stöhnt es überall. Die Kostüme passen perfekt da rein.

ON: Was wir noch wissen müssen: Wie war es, in dieses Kälteschlafbett einzutauchen?


MR: Es fühlt sich an, wie wenn man in ein Mövenpick-Eis-Joghurt oder so Gallertmasse reinsitzt. Oder diese Slimeys, die es früher gab. Mit diesem Rüssel runtertauchen, Augen zu und rein, dass war schon etwas ungemütlich. Nichts für Menschen mit Platzangst.

ON: Weltwoche Kolumnist Mark van Huisseling hat mal über dich geschrieben: "Martin Rapold mag vielleicht nicht der beste Schweizer Schauspieler sein, aber sicherlich einer der bestaussehendsten". War CARGO ein Schritt, das erstgenannte zu korrigieren?

MR: Hat er? Das ist natürlich Marks Arbeit, solche Sätze zu schreiben. Und er macht das ja auch gut und fleissig. Aber es ist überhaupt nicht mein Job, meine Leistung zu beurteilen. Ausserdem ist CARGO kein Schauspieler- sondern eher ein Eventfilm.

ON: Aber deine markante Präsenz ist offensichtlich wichtig.

MR: Ja klar. Aber andere müssen beurteilen, ob das funktioniert oder nicht. Auf jeden Fall ist es kein Anlass, um auf irgendwelche boulevardesken Weltwoche-Provokationen zu reagieren.

ON: Was werden wir weiter noch von dir dieses Jahr sehen? Anscheinend steht ein Tatort mit dir an.

MR: Genau. Der wird im Winter ausgestrahlt werden. Und ich habe noch mit Bruno Ganz in einem Film gedreht. Er spielt einen Bundespräsidenten, und ich den Chauffeur. Was ganz witzig war.

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