Das FIFF öffnet sich dem Genrekino

Neuerungen am Freiburger Filmfestival nach Wechsel im Präsidium.

Für seine 22. Ausgabe vom 1. bis 8. März 2008 hat sich das Internationale Freiburger Filmfestival FIFF zahlreiche Neuerungen auf den Banner geschrieben: neue Leinwände (die Stadt Freiburg beherbergt seit einigen Monaten ein Multiplex), ein neues Festivalzentrum (der frisch renovierte Alte Bahnhof), eine neue Präsidentin (Ruth Lüthi), ein neuer künstlerischer Leiter (der Libération-Filmjournalist Edouard Waintrop) sowie eine leichte Anpassung der künstlerischen Ausrichtung.

Insbesondere mit den letzten beiden Punkten reagiert das FIFF auf Kritik von aussen. Dem Festival, das sich seit jeher dem Filmschaffen aus Asien, Lateinamerika und Afrika verschreibt, wurde zunehmend vorgeworfen, den Geschmack des breiteren Publikums nicht mehr zu treffen. Zuviele schwer verdauliche, schwer zugängliche und schwer verständliche Werke hatten zeitweise den Blick auf die wahren Perlen des Festivals verbarrikadiert.
Zudem wurde das FIFF von Aussenstehenden noch bis vor kurzem als ein "Drittweltfilmfestival" missinterpretiert, an dem sich mehr Entwicklungshelfer, Volkskundler und Ethnokünstler tummeln würden als tatsächliche Filmfans - eine gravierende Fehleinschätzung. Dabei half es auch nicht, dass die am FIFF gezeigten Filme, auf wenn sie künstlerisch herausragend waren und Preise gewannen, meist schnell wieder von der Bildfläche verschwanden, sofern sich nicht der Filmverleih Trigon um die Restauswertung kümmerte.

Das FIFF strebt nun aber eine stärkere Öffnung gegenüber der Schweizer Filmszene an. Diese Bemühungen ziehen Veränderungen auf der strukturellen, aber auch auf der inhaltlichen Ebene nach sich: Das FIFF hat beschlossen, insgesamt etwas stärker auf bekannte Namen zu setzen (unter anderem neue oder alte Werke von Wayne Wang, Ulrich Seidl, Nagisa Oshima, Kinji Fukasaku, Pier Paolo Pasolini, Ricardo Darín, Akira Kurosawa, Johnnie To, Satyajit Ray, Park Chan-wook) und das Wort Populärkino - bei aller politischen Korrektheit - von der Tabuliste zu streichen.

Dieser Entscheid wurde nicht nur gefällt, um ein breiteres und jüngeres Publikum anzuziehen, sondern vor allem, weil er schlicht eine Angleichung an die derzeitige Weltlage darstellt: die Globalisierung schreitet voran, in vielen Entwicklungsländern wächst der Mittelstand, und quasi in allen Ländern, deren Filmschaffen sich das FIFF zur Brust nimmt, werden nicht nur schwer zugängliche Filme über Konflikte und Notlagen gedreht, sondern auch einfacher konsumierbare Werke, die vordergründig dem Unterhaltungszweck dienen.

Das diesjährige FIFF möchte diesbezüglich vor allem eines beweisen: auch Filme aus Populärgattungen sagen enorm viel darüber aus, wo sie herkommen. Thriller und Krimis zum Beispiel sind ideale Instrumente für die Ausleuchtung von korrupten Machenschaften, sozialen Missständen oder ungerechten Machtverhältnissen. Romantische Filme geben derweil - etwa wenn die Liebenden aus verschiedenen Gesellschaftsklassen oder Ethnien stammen - einen nicht minder präzisen Einblick in die Problemzonen der Länder, in denen sie entstanden sind.
Mit solchen und ähnlichen Hintergedanken hat das FIFF neben seinem offiziellen Wettbewerb zwei Panoramen gestaltet, die sich spezifisch dem Thriller und dem Liebesfilm widmen: "Noir total" und "Die Liebe, weltweit".

Ein drittes Panorama namens "Film und Revolution" widmet sich derweil dem Mai 68 und seinen Folgen, bezwiehungsweise den Hoffnungen und dem Aufbegehren von Jugendlichen in aller Welt in den Sechzigern und Siebzigern. Da sich der Pariser Studentenprotest heuer zum 40sten Mal jährt und die Träume von einer besseren, gerechteren Welt bis heute ihre unbedingte Wichtigkeit haben, ist dieses Panorama von zentraler Bedeutung. Gleichzeitig darf sich das FIFF in diesem Zusammenhang die Frage stellen, inwieweit es sich selbst auf der politischen Skala als "links" verstanden haben will.

Wer genau hinschaut, erkennt zwei vermeintlich widersprüchliche Tendenzen in der Entwicklung des FIFF: Einerseits wird der Film nun nicht mehr ausschliesslich als ein enthüllendes, aufklärendes, ästhetisches und informierendes Medium verstanden, sondern verstärkt auch als ein unterhaltendes, vermarktbares, wirtschaftliches Gut, das auch in einem industriellen Erzeugnis wie einem Multiplex verwertet werden kann. Auf der anderen Seite war aber noch nie an einem FIFF derart deutlich die Rede vom Aufstand der Unterdrückten, vom Kampf gegen Diktaturen und vom Protest gegen die Machthabenden. Zu beweisen, dass sich diese beiden Komponenten vertragen und womöglich ergänzen, könnte eine der Aufgaben des diesjährigen FIFF sein.

Im Idealfall zeigt das FIFF natürlich engagierte, unbequeme, aber unterhaltsame Filme, die aufgrund ihrer universellen und emotionalen Qualitäten weltweit vertrieben, gesehen und verstanden werden können. In diese Kategorie gehören eindeutig die Filme des renommierten südkoreanischen Filmemachers Lee Chang-dong, dem das FIFF eine Hommage widmet, und der persönlich am Festival anwesend sein wird. Seine Werke stehen wie ein Sinnbild für die selbstgewählte Aufgabe des FIFF - sie zeigen Missststände auf, indem sie berühren - und umgekehrt.

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