Das Venedig-Tagebuch 2007

Grösse der Delegation: 2 OutNow.CH-Nasen. Dauer des Aufenthalts in Venedig: 10 Tage. Aufgewendete Zeit für die Anreise: 9 Stunden. Zuhause gebliebene Freundinnen: 0. Soll pro Tag: 3 Filme.

Mittwoch, 29. August - Alles wird besser

Wie die Delegation aus der Vergangenheit lernte

Alles wird besser: Sass man vor einem Jahr eingepfercht in der berühmt-berüchtigten carrozza 9 des Cisalpino, die mit den reservationspflichtigen Sitzen, in welcher alle unschuldig nichtsahnenden Italienreisenden sardinenbüchsenartig eingepfercht wurden; verpasste man mangels rechtzeitig gekaufter Zugbillete in Mailand den Anschluss; begann nach der Ankunft im Venezianer Bahnhof aufgrund gesperrten Schiffsverkehrs in der Innenstadt eine rund dreistündige Odyssee zum Hotel; verpasste man rund die Hälfte des offiziellen Programmes, unter anderem auch den Siegerfilm, da dieser den nichtsahnenden OutNow-Korrespondenten durch die Lappen ging - nichts von alledem soll heuer passieren!

Die carrozza 9 wird in weiser Voraussicht links liegen gelassen, die Tickets sind gekauft, die Unterkunft ist mitten in der Altstadt und ein verkehrsbehinderndes Gondelrennen nicht in Sicht, der Überraschungsfilm wird dick in der Agenda angestrichen. Nichts soll mehr schiefgehen. Schliesslich ist man jetzt habitué am ältesten Filmfestival der Welt, quasi auf Du und Du mit glitzernden Stars wie George Clooney, Cate Blanchett, Brad Pitt, Scarlett Johannson, Woody Allen oder Charlize Theron. Zumindest auf der Leinwand.

Donnerstag, 30. August - WLAN vor Clooney

Wie der Weg ins Internet trotz steinigen Weges gefunden wurde

Trotz aller Voraussicht ist es der OutNow-Crew auch dieses Jahr nicht gelungen, am Tag der Ankunft den ersten Film zu schauen. Dafür dringt sie am zweiten Tag um 7:45 voller ungeduldiger Vorfreude durch den Hintereingang in den Casino-Palast ein, um als Erste in den Genuss der begehrten Internet-Arbeitsplätze zu kommen. Leider vergebens: Anwesend sind einzig Putzfrauen, und die haben das Password grad nicht parat. Dafür dann endlich der erste Film - während dessen Sichtung erstmals Bekanntschaft mit dem charmanten Security-Personal gemacht wird. Dieses erkennt ein durch die Hose schimmerndes rotes Handy-Licht als potenzielle Gefahr, die es sofort auszumerzen gilt. Big Brother hat also auch in Venedig eine Unterkunft gefunden (gar nicht so einfach übrigens - die OutNow-Bleibe ist aber spitze). Nur: Wo war der Grosse Bruder eigentlich am Morgen bei der glooreichen Enterung des Casino-Palastes...? Eingangskontrolle scheint also passé zu sein, Hauptsache, niemand dreht Raubkopien.

Heute soll unter anderem George Clooney in Venedig eingetroffen sein. Leider keine Zeit für ihn, da endlich Kontakt zur grossen weiten Welt dank Internet Wireless Connection, samt entsprechender Dächlikappe. Freude herrscht!

Freitag, 31. August - Venedig sehen und sterben

Wie die magischen Momente eingefangen werden

Um all denjenigen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die daran zu zweifeln wagen, dass man wirklich in Venedig ist, wurde heute eine Runde konventionelle Venedig-Urlaubsbilder geknipst. Interessantes Detail: obwohl mit professioneller Kameraausrüstung unterwegs, fotografierten die wackeren Outnower bisher ausschliesslich mit einer 100-fränkigen No-Name-Digicam von Interdiscount. Grund: Die Profi-Kamera ist zu schwer zu tragen. Tja. Um so fleissiger ist man dafür, wenn es ums Schreiben geht und lässt sich auch nicht von George Clooney davon ablenken, der gleich im Nebenzimmer ihre Pressekonferenz abhält. Ob's wohl morgen bei Charlize Theron auch so aussehen wird...? Man wird sehen. Anyway: Die Ausbeute an gesichteten Stars ist bislang äusserst mager. Bisheriges Highlight: Franco Nero. Doch was genau hat der seit Django eigentlich gemacht? Jaa klar, die Forsetzung, aber sonst? Eben.

Das Wetter ist dafür prächtig. Abgesehen von ungefähr 5 Gewittern in den letzten 48 Stunden. Und der damit verbundenen Erkenntnis: Venedig im Blitzlicht ist zauberhaft. Vedi Venezia e puoi muori, gewissermassen.

Samstag, 1. September - Prosecco, please

Wie eine Schauspielakademie für das Znacht aufkam

Erste Schlafmängel machen sich bemerkbar. Vier bis fünf Stunden pro Nacht sind halt auf Dauer doch etwas wenig. Der Anblick von Charlize Theron in der Pressekonferenz von In the Valley of Elah entschädigte dafür. Schön ist sie, die Frau. Und der erste Hot Shot in der OutNow-Starsichtungs-Mission.

Zudem abends die erste Party. Die zwei OutNower, die sich als alte Guetzli zwischen aufgebrezelten Damen und Herren, umgeben von noblem Servierpersonal, edel gedeckten Tischen und vier Videoleinwänden den Bauch mit Köstlichkeiten von Roastbeef bis Risotto vollschlagen und das ganze mit Prosecco spülen - ein vermutlich bizarrer Anblick. Zu verdanken ist das Ganze einer persönlichen, exklusiven Einladung der Milaneser "Actor's Academy". Die Pressekonferenz wurde leider verpasst, und weder Actors noch Akademiker waren auszumachen. Dafür kommen wir pflichtbewusst unserer Aufgabe nach, als Dankeschön einen kurzen Werbespot für unseren heutigen Znacht- und Sekt-Sponsor zu schalten: Also, die Actor's Academy in Mailand (www.actorsacademymilano.com, check it out!) ist die wahrscheinlich beste Actor's Academy der Welt. Damit wäre dem Zweck der Einladung Genüge getan und dem nagenden schlechten Gewissen Einhalt geboten - und man darf friedlich in den wohlverdienten Schönheitsschlaf sinken.

Sonntag. 2. September - Security, Stars, Schafhirten

Wie Brangelina beinahe gesichtet und der Hungertod vermieden wurde

Auch am Sonntagmorgen wird nicht ausgeschlafen, sondern um 7 Uhr aufgestanden, um rechtzeitig für die Sichtung der neuesten Filme in den unbequemen Sitzen der Pala Lido zu sitzen. Davor gab's noch ein zweites Rencontre mit dem Security-Personal, das keine Freude zeigte am "italienischen" Verhalten der OutNower während des Anstehens. Dabei wollte man sich doch nur an die Landessitten anpassen und der offiziellen Schlange dank einem offen gelassenen Hintertörchen ausweichen. Badgeentzug wurde angedroht und es herrschte allgemeines Erstaunen, dass sich die ordnungsliebenden Schweizer so etwa überhaupt erlauben.

Später kreisten die zwei bedauernswerten, ausgehungerten OutNow-Journalisten wie hungrige Geier um ein im Pressesaal aufgebautes VIP-Buffet, in der Hoffnung auf essbare Überreste. Einige Häppchen konnten schliesslich ergattert und der Hungertod knapp vermieden werden. Gekreische und Ohnmachtsanfälle dann schliesslich am Abend Punkt 21:30, als Brad und Angelina auf dem roten Teppich wandelten. Die Outnow-Crew verfolgte das Ganze aus sicherer Distanz aus dem Fenster des Pressesaals, wo die Stars zumindest erahnt werden konnten. Angelinas zahlreiche Tattoos zählten wird später via die Grossaufnahmen der Liveübertragungen der RAI.

Irritation des Tages: Les Amours d'Astrée et de Céladon ist der von einer italienischen Kritikerauswahl bisher am besten bewertete Film. Ausgerechnet! Fehlt bloss noch, dass dieser Schafhirten-Softporno den goldenen Löwen erhält.

Montag, 3. September - Italien liebt Frankreich

Wie der fehlende Schlaf auch aufgeholt werden kann

Montagmorgen-Blues? Iwo. Die OutNow-Crew ist auch in der Mitte des Festivals voller Tatendrang und freut sich auf weitere spannende Filme. Naja, nicht auf alle. Der Reviewer für den morgens um 8:15 laufenden, über 150 dauernden La Graine et le mulet musste so mittels Schwarzepeterspiel ausgelost werden. Doch siehe da: der Film war richtig gut. Meint übrigens auch die italienische Kritikerauswahl, die, wir erinnern uns, auch die Love Story zwischen Asterix und Obelix, pardon, Astrée und Céladon, so geliebt hat. Ein leicht frankophiler Touch in der italienischen Filmkritikerlandschaft kann also ausgemacht werden. Ob das auch am Samstag noch der Fall sein wird, wenn die Squadra Azzurra in Mailand den Nachbarn zum grossen Fussballduell empfängt? Man wird sehen.

Heute noch eine innovative neue Art ausprobiert, Reviews zu schreiben: am Strand liegend die Reviews im Kopf vorbereiten. Eine zwar nicht ultra-effiziente, aber umso angenehmere Methode, zumindest bis man vom in den letzten Tagen fehlenden Schlaf übermannt wird.

Dienstag, 4. September - Vom Winde verweht

Wie man sich auf Bob Dylan vorbereitet

Sturmwarnung heute morgen auf dem Lido. Nach einem frühmorgendlichen Megagewitter lässt der orkanartige Wind den Outnow-Korrespondenten förmlich ins Kino schweben. Dort wurde - im Mafiafilm Il dolce e l'amaro dann wiedermal festgestellt, dass Italienisch und Sizilianisch zwei vollkommen verschiedene Sprachen sind. Zum Glück gab's englische Untertitel.

Am späten Abend dann das erste Mal während dieses Festivals einen Film vor dem Ende verlassen. Getroffen hat's Sukiyaki Western Django. Das japanische Pistolero-Kampfsport-Chrüsimüsi war einfach zu viel des Zumutbaren für die späte Stunde und den akuten Schlafmangel. Zudem muss man am nächsten Morgen fit sein für das Rendez-Vous mit Bob Dylan, respektive dessen Biopic I'm not there, das um 08:30 gezeigt wird. Wie hat doch Mr. Dylan schon ganz passend zum heutigen Wetter gesungen: "The answer, my friend, is blowing in the wind...". Wie wahr, wie wahr.

Donnerstag, 6. September - Keine bösen Überraschungen

Wie OutNow.CH zu einer Präsenz im chinesischen Fernsehen kam

Das Mittwochs-Tagebuch musste mangels Zeit leider ausfallen. Deshalb direkt weiter zum Donnerstag. Das Geheimnis um den diesjährigen Überraschungsfilm hat sich gelüftet: Es war der Honkong-Krimi Mad Detective. Ob er den selben erfolgreichen Weg einschlagen wird wie der letztjährige Überraschungsfilm, der gleich den goldenen Löwen abräumte, ist eher fraglich. Dafür war an der Pressevorführung die gesamte Filmdelegation aus Honkong anwesend, die nach der Vorstellung von diversen hektisch herumrennenden asiatischen TV-VJ's im "Tele Züri"-Stil bestürmt wurden. Die OutNow-Crew ist unmittelbar hinter deren Kameras vorbeigeschlichen - gut möglich, dass irgendwo in Asien jetzt unsere Gesichter über den Fernsehschirm flimmern.

Heute noch Bekanntschaft gemacht mit einem neuen Herrn am Gepäckaufbewahrungsschalter, optisch eine Mischung aus Wolfgang Joop und Rocco Siffredi. Den Schlafzimmerblick des letzteren kann er schon wunderbar imitieren, mit der richtigen Zuordnung der Gepäcksstücke haperts noch ein bisschen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Bald ist das Festival zu Ende. Bald geht das Rätselraten um die Gewinner los. OutNow.CH wird morgen vor der Preisverleihung ein kleines persönliches Best of präsentieren. So long.

Samstag, 08. September - Die Preisverleihung

Wie die OutNow.CH-Crew ihre Sternchen verteilt

That's it - 23 Wettbewerbsfilme wurden gesichtet. Heute Abend ist die Preisverleihung des Goldenen Löwen. Die unbestechliche OutNow-Delegation greift der Jury bei der Entscheidungsfindung unter die Arme - und vergibt bereits jetzt ihre begehrten "goldenen Sternchen". Bei Entscheidungsschwierigkeiten darf die Jury gerne bei uns klauen, bis sich die Balken biegen.

Bester Film:

rm: The Darjeeling Limited, weil niemand so schnell einen Sari anziehen kann wie Amara Karan als Rita.

ebe: I'm not there, weil trotz geballter Hollywood-Starpower die Suppe nicht versalzen wurde. Und weil die bezaubernde Charlotte Gainsburg mit von der Partie ist.

Bester Schauspieler:

rm: Habib Boufares (La Graine et le mulet), weil er auch dann noch seine stoische Ruhe beibehalten kann, wenn er von Heulsusen und Hypochondern umgeben ist.

ebe: James McAvoy in Atonement, weil er als romantischer Held auch gestandene Männer zu Tränen rührt.

Beste Schauspielerin:

rm: Kierston Wareing (It's a free World) sowie alle Frauen aus La Graine et le Mulet, weil sie die pralle Lebenslust innerhalb der Unterschicht perfekt verkörpern.

ebe: Tilda Swinton (Michael Clayton), weil sie als gestresste Grosskonzern-Bösewichtin George Clooney die Show stiehlt.

Grösster Flop, filmbezogen:

rm: Dass die Altmeister (Woody Allen, Claude Chabrol, Takeshi Miike) auf hohem Niveau stagnieren.

ebe: Die wichtigtuerisch melancholische Miene des Schönlings Xavier Laffitte in En la ciudad de Sylvia.

Grösster Flop, nicht filmbezogen:

rm: Kein Pressefach erhalten.

ebe: Dass die Toiletten im Casinopalast noch immer nicht renoviert wurden.

Spezielle Erwähnung:

Les Amours d'Astrée et de Céladon für den innovativen Gebrauch neuer Kommunikationsmittel: einer Baumrinde.

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Quelle
OutNow.CH