The Lord of the Rings: Interview mit Howard Shore

Der Dirigent und Filmmusik-Komponist wurde 1946 in Toronto geboren. Seine Filmographie umfasst mittlerweilen mehr als 40 Filme. Für die LotR-Trilogie wurde er mit drei Oscars ausgezeichnet.

Anlässlich seines 60. Geburtstages hat das 21st Century Symphony Orchestra den dreifachen Oscar-Gewinner Howard Shore auf ein exklusives Konzert in die Schweiz eingeladen. Das Orchester wird unter der Leitung von Ludwig Wicki am Freitag und Samstag den 16.3. bzw. 17.3.2007 in Luzern und Lausanne Konzertsuiten seiner bedeutendsten Werke aufführen. Dabei wird Howard Shore nicht nur anwesend sein, sondern auch noch eine ca. halbstündige Konzerteinführung halten. OutNow.CH liess sich die Chance nicht nehmen, anlässlich dieser Konzerte ein Interview mit Shore zu führen.

OutNow.CH (ON): Wie bist du eigentlich ins Filmmusikgeschäft gekommen? Was interessierte dich an der Filmmusik?

Howard Shore (HS): Ich habe im Alter von zehn Jahren angefangen Musik zu komponieren, und ich studierte Komposition. Bevor ich meine Arbeit mit der Filmmusik begann, habe ich Jahre mit Albumaufnahmen und Tourneen mit der Band Lighthouse verbracht, und auch Arbeiten fürs Fernsehen entgegengenommen. Meine Arbeit beim Film nahm in den späten 70er Jahren ihren Anfang, als ich David Cronenberg kennenlernte. Filme waren für mich ein guter Weg, verschiedenste musikalische Ideen auszuprobieren. Auf diese Weise konnte ich mit Orchestern arbeiten und mit sehr talentierten Musikern in Kontakt kommen.

© Studio / Produzent

ON: Was bedeutet dir die Filmmusik?

HS: Filmmusik ist für mich eine Art der Zusammenarbeit. Bevor ich zum Film kam, war ich unter anderem im Theater tätig. Ich sehe mich als guten Teamworker, Das Erschaffen von Filmmusik heisst für mich Zusammenarbeit auf verschiedensten Ebenen der Filmentstehung: Mit Drehbuchautoren, Regisseuren, Schauspielern und Schnitttechnikern, besonders in der Phase der Postproduktion. Mit der Filmmusik kann ich ein wichtiges Element zum Film beisteuern. Ich habe die Chance, den Tiefgang der Produktion weiter auszuweiten.

ON: David Cronenberg bezeichnete dich einmal als einen Geschichtenerzähler.

HS: Ja. Ich lese sehr gerne und ich mag Geschichten. Insofern ist diese Aussage zu gewissen Teilen sicherlich wahr. Mit der Filmmusik kann ich meine dramatischen Ideen zu einem Projekt, einer Geschichte ausdrücken.

ON: Wie arbeitest du? Mit was beginnt deine Arbeit an einem neuen Filmprojekt nachdem du einen ersten groben Schnitt des Films gesehen hast?

HS: Sehr oft träume ich vom geschichtlichen Stoff meiner nächsten Arbeit. Zu Beginn schreibe ich am liebsten sehr intuitiv. Normalerweise schreibe ich sehr viel Musik und musikalische Ideen noch losgelöst vom Film und dessen Rhythmus - einfach basierend auf ersten Eindrücken. Diese Ideen verwende ich dann manchmal für die Vertonung des Films. Ich kreiere also sehr viel Musik, um dann anschliessend aus diesem Ideenpool musikalische Einfälle heraus zu nehmen, und ganz gezielt im Film platzieren zu können.

ON: Wo siehst du die Zukunft der Filmmusik?

HS: Natürlich hängt dies stark zusammen mit der Art des Films, der Geschichte und wie die Musik darin vorkommen soll. Es gibt etliche Varianten, wie man Musik im Film verwenden kann. Von meinen frühen Werken in den 70er Jahren bis hin zur Herr der Ringe-Musik habe ich wahrscheinlich schon so ziemlich jede mögliche Verwendung von Musik mit Film zusammen ausprobiert. Ich denke, es wird so weitergehen im Filmmusikgeschäft. Die Möglichkeit, ein Orchester zu verwenden, ist fantastisch und die Idee, ein Soloinstrument zu verwenden, kann ebenfalls sehr effektiv sein. Eben ganz, was der Filmstoff zulässt und was ihm dient.

ON: Mit deiner Komposition zum Herr der Ringe-Epos konntest du gleich drei Oscars gewinnen. Hat sich mit diesem Erfolg die Arbeit im Filmmusikgeschäft stark verändert?

HS: Ich denke nicht, dass es sich stark verändert hat. Aber es hat mir sicherlich ein paar neue Wege und Türen geöffnet. Eine davon sehe ich in der Gelegenheit, eine Oper zu "The Fly" zu schreiben. Ich arbeite zur Zeit in Paris an dieser Oper. Damit erfülle ich mir einen Wunsch, welchen ich schon seit Jahren hatte. Ich kann also, nebst meinen Filmprojekten an denen ich arbeite, auch wieder vermehrt für das Theater und die Konzertbühne schreiben. Das ist fantastisch.

ON: Wie verhält es sich mit der Arbeit in Hollywood bezüglich den Beziehungen zu anderen Filmmusikkomponisten? Ich denke dabei an andere sehr gefragte Namen in Hollywood wie John Williams oder James Horner. Regiert unter euch ein ständiger Wettbewerb um die besten Filmvertonungen?

HS: Nein, gar nicht. Es gibt keinen Wettbewerb! Ich habe viele Freunde im Bereich der Musik, aber auch im Filmgeschäft. Wir respektieren und bewundern die Arbeiten untereinander.

ON: Dann bleibt es also trotz des harten Geschäfts auf einem recht persönlichen Level?

HS: Ja. Wir versuchen, einander gegenseitig zu unterstützen, wenn es darum geht, gute Arbeit zu leisten, gute Aufträge entgegenzunehmen und wunderbare Musik zu komponieren.

ON: Du hast deine Kompositionen zum Herrn der Ringe zu einer Symphonie zusammengestellt, welche in den vergangenen zwei Jahren in zahlreichen Ländern aufgeführt wurde. Vom 4. bis 6. Mai 2007 wird sie auch hier in Luzern drei Mal aufgeführt. Wie war diese Weltreise?

HS: Ich glaube, ich habe während dieser Zeit zwischen 30 und 40 Konzerte in Ländern wie Russland, Australien, Amerika, Kanada, Belgien und Spanien aufgeführt. Es war faszinierend, all die verschiedenen Interpretationen der Musik zu hören. Tolkiens Sprachgebrauch und wie sie für die unterschiedlichen Chöre angepasst wurde, war besonders interessant. Die Symphonie beinhaltet Kompositionen für einen Knabenchor, welcher manchmal zu einem Kinderchor beziehungsweise gemischten Chor wurde. Es war wunderbar zu sehen, wie die Kinder diese Sprache von Tolkien erlernten, zu vergleichen, wie die japanischen Kinder mit ihr arbeiteten, und wie es die russischen Kinder taten. Das war einer der faszinierenden und auch lustigen Aspekte dieses Projektes.

ON: Am 15. Oktober 2005 machten sich überraschende Neuigkeiten im Internet breit: Ihre Musik zu Peter Jacksons King Kong wurde aus dem Projekt gestrichen und James Newton Howard hat für Sie übernommen und neue Musik komponiert. Kannst du uns erklären, was passiert ist?

HS: Nun, der ursprüngliche King Kong ist ein fantastischer Film. Die Musik, welche ich für Peters Film geschrieben habe... Nun, ich möchte sie eines Tages mal veröffentlichen.

ON: Da können wir ja mal gespannt sein. Basierend auf den Post-Produktions-Videos, welche damals auf der Fansite kongisking.net veröffentlicht wurden, können wir sehen, dass du bereits einiges an Musik zu King Kong aufgenommen hast.

HS: Ich habe gewisses Material meiner Komposition mit Orchester eingespielt. Und manches davon passte noch nicht. Ich wünsche mir wirklich, dass ich dieses Material mal in einer regulären Veröffentlichung herausbringen kann.

ON: Hast du dir James Newton Howards Komposition angehört?

HS: Oh nein, das habe ich nicht.

ON: 2006 hast du das Computerspiel "SUN: Soul of the Ultimate Nation" vertont. Wie bist du zu diesem Projekt gekommen?

HS: Wir arbeiteten an einer Aufführung der Herr der Ringe-Symphonie im Moskauer Kreml und danach nahm ich das russische Orchester zusammen mit dem Chor nach Tokio, wo wir zwei oder drei Konzerte gaben. Während dieser Zeit schrieb ich ein Stück, basierend auf meinen Eindrücken von Russland und dieser Ost-West Beziehung. In Russland habe ich auch Lydia Kavina einen Besuch abgestattet. Sie ist eine grossartige Künstlerin, welche die Spielkunst auf einem der ersten elektronischen Instrumente, dem Theremin, perfektionierte. Sie lebt und arbeitet in Moskau. Ich wollte ein Stück komponieren für das russische Orchester und Lydia. Die Idee mit dem Computerspiel kam in etwa zu jener Zeit. Mich interessierte die Story des Games und ich wollte unbedingt wieder mit den Russischen Philharmonikern zusammenarbeiten. Also habe ich ein Stück für das Videospiel geschrieben, welches sich dem Orchester und des Chors bedient. Der Chor singt dazu in antikem Koreanisch und in die Komposition habe ich eine Orgel integriert, welche ich zusammen mit dem Orchester aufgenommen habe. Alles in allem war das eine kleine musikalische Reise, welche ich zu der Zeit machte und welche dann auch dazu führte, dass ich die Musik zu SUN komponierte.

ON: Die Orgel ist ein Instrument, welches man in der heutigen Filmmusik eher selten antrifft.

HS: Nun, die Orgel war in die neue Konzerthalle eingebaut worden und das brachte mich dazu, diese in meine Komposition miteinzubeziehen, weil sie wirklich ein Teil vom Aufnahmestudio war. Ich tendiere zu solchen Entscheidungen, da ich meine Musik selbst orchestriere und ich gerne auch die Gelegenheit packe, mögliche Orchestrierungen zu verwenden, welche ich in einer bestimmten Aufnahmesituation habe. In diesem Falle hatte ich diese wunderbare und ganz neue deutsche Orgel

ON: Deine zwei neuesten Scores sind die zu The Deperated und The Last Mimzy. Diese unterscheiden sich stark bezüglich ihres musikalischen Stils. Eigentlich unterscheiden sich alle deine Werke sehr. Mal abgesehen von SUN - welches von der orchestralen Grösse her dem Effort für The Lord of the Rings am nächsten kommt. Wie wichtig ist es für dich, Musik zu verschiedenen Genres und verschiedenen Filmen zu komponieren?

HS: Aus der Möglichkeit in verschiedenen Genres zu arbeiten besteht ein grosser Teil meines Interesses an der Filmmusik. Zuerst arbeitete ich mit Cronenberg und dann, 1986, vertonte ich Scoreseses Film After Hours und Penny Marshalls Big. Im selben Jahr wurde Cronenbergs Film The Fly veröffentlicht. Nachdem ich in dieser breiten Palette tätig war, versuchte ich mich für die kommenden fünfzehn Jahre an verschiedenen Projekten und Genres, nur um Erfahrungen und Wissen zu sammeln und Wege zu finden, wie ich Musik in verschiedensten Filmen unterschiedlich verwenden kann Für mich bietet ein Genrewechsel immer auch die Gelegenheit eine neue musikalische Idee auszudrücken.

ON: Gerüchten zufolge ist das Hollywood-Studio MGM im Besitz der Rechte für J.R.R. Tolkiens "Der kleine Hobbit". Würdest du gerne in die Welt von Mittelerde zurückkehren und dem "kleinen Hobbit" deine ganz persönliche Note verleihen?

HS: Ich würde liebend gerne nach Mittelerde zurückkehren. Ich habe dort drei Jahre und neun Monate verbracht. Während meiner gesamten Arbeit an der Herr der Ringe-Trilogie, waren die Hobbits immer ein entscheidender Teil davon. Ich würde sehr gerne an diesem Projekt arbeiten!

ON: An was wirst in naher Zukunft arbeiten? Gibt es ein Genre, zu welchem du gerne (wieder) Musik schreiben möchtest?

HS: Nun, zur Zeit arbeite ich an David Cronenbergs Eastern Promises. Es handelt sich dabei um eine russische Geschichte, welche in London stattfindet. Und ich habe Workshops zu "The Fly: The Opera", in welchen ich die Stücke orchestriere und versuche für die Premiere fertig zu werden. Die Weltpremiere soll am 2. Juli 2008 in Paris erfolgen und anschliessend, am 7. September 2008, sind Aufführungen in der LA Opera geplant. Cronenberg selbst hat die Regie für die Oper übernommen.

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