Kurzfilmtage 2006: México - cortos sin límites

Kuratorin Seraina Rohrer präsentierte dem Publikum 23 kurze Filme des Gastlandes Mexiko aus einer Zeitspanne von über 100 Jahren. Thematischer Schwerpunkt des Spezialprogramms: "Grenzen".

Physische Grenzen

Die Grenze zwischen Mexiko und Amerika ist zentrales Thema in El Oltro Sueno Americano. Der Film erzählt von einer jungen Mexikanerin, welche in der Hoffnung auf ein besseres Leben in God's Own Country zu einem ominösen Fremden ins Auto steigt. Mit verhängnisvollen Folgen. Enrique Arroyos Film ist hart, schockierend, unverblümt und demonstriert eine grausame Realität. Dass dem Zuschauer am Schluss des Filmes die Botschaft nochmals zum Mitschreiben diktiert wird, ist menschlich verständlich, aus Sicht des Cineasten aber unnötig: die Bilder hätten für sich alleine gesprochen. So wirkt das ganze etwas wie einer der aus dem TV bekannten Werbespots, welche dem Zuschauer zum Spenden zu animieren versuchen, indem sie ihm ein schlechtes Gewissen einreden. Die amerikanisch-mexikanische Grenze von der anderen Seite beleuchtet Natives, ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1991. Wie unverhohlen rassistisch einige Protagonisten des "San Diego Anti Immigration Movement" auf die mexikanischen Einwanderer reagieren, ist erschreckend: da rät ein älterer Herr der Regierung schon mal, an der Grenze den einen oder anderen Einwanderer zu erschiessen - der abschreckenden Wirkung wegen. Der Film greift zum einfachen Mittel, die Protagonisten frei und ungefiltert von der Leber weg sprechen zu lassen - und erzielt damit eine um so stärkere Wirkung.

grenzen zwischen Leben und Tod

Ein besonders beliebtes Sujet waren die Grenzen zwischen Leben und Tod. Gleich sieben der präsentierten Filme nehmen sich dieses Themas in der einen oder anderen Form an. Die zwei besten davon sind Animationen, die sich beide mit Suizid beschäftigen: El Heroe von Luis Carlos Carrera, einer der herausragenden Filme der Reihe, erzählt in schön gezeichneten Bildern die Geschichte einer Liebe, die tragisch endet - noch bevor sie beginnt. Sin sostén geht das Thema etwas humorvoller an: ein Selbstmörder, der sich von einem Hochhaus stürzen will, wird von seinem Vorhaben aufgehalten - und landet zufrieden in den Brüsten einer drallen Schönheit auf einem Werbeplakat. Zumindest in seiner Fantasie.

Moralische Grenzen

Jenseits jeglicher moralischen Grenzen bewegt sich Entre dos von Michel Franco: Ein junges Paar sucht verzweifelt für einen Organspender für seinen kranken Sohn. Da sich ein solcher nicht finden lässt, greift es zu drastischen Methoden... Die Organspende ist ja kein neues Filmthema - man denke beispielsweise an Dirty Pretty Things. Doch die Bestimmtheit, mit welcher Entre dos auf sein grausames Ende zusteuert, ist gleichwohl erschreckend. Ebenfalls ohne moralische Grenzen kommt Para vestir santos aus: Ein junges Geschwisterpaar, scheinbar harmlos, hat es faustdick hinter den Ohren und täuscht dabei die gutmeinenden Nachbarn. Der Film wendet dabei einen hübschen Trick an, um auch den Zuschauer auf eine falsche Fährte zu locken.

Stilistische Grenzen

Stilistische Grenzen werden ausgelotet in Magueyes aus dem Jahr 1962. In schnellen Schnitten ziehen Agavenblätter in einen blutigen Krieg - und lassen vielerlei Interpretationsmöglichkeiten offen. Auch The Silence of Sadhill von Héctor "Gáva" Davila - ein weiterer Höhepunkt der Reihe - lehnt unverkenntlich an die legendären Italo-Western von Sergio Leone an, fügt mit seiner Animation dem Genre aber einen eigenständigen neuen Meilenstein hinzu.

Keine Grenzen

Einige Filme passten hingegen weniger in das Konzept "Grenzen" und wurden so den Verdacht nie ganz los, als Füllfilme herhalten zu müssen: Noche de Bodas, Sr. X, Adiós Mamá oder Pata de Gallo sind allesamt leidlich witzige Kurzsketches - der Bezug zum Thema Grenzen ist allerdings eher weit hergeholt. Wenigstens sorgten sie aber für einige entspannte Momente zwischen teilweise doch recht schwer verdaulichen Brocken.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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