Bobby: Interview mit Emilio Estevez

Bobby ist bereits der vierte Film des zum Regisseur avancierten Schauspielers Emilio Estevez. Der Star aus The Breakfast Club und The Mighty Ducks drehte seinen ersten Film vor zwanzig Jahren mit seiner damaligen Verlobten, Demi Moore. Er hiess Wisdom und machte ihn zur jüngsten Person, die gleichzeitig für einen Kinofilm das Drehbuch geschrieben, Regie führte und selber als Schauspieler mitwirkte. Demi Moore kann nun in Bobby zusammen mit weiteren berühmten Personen wie Anthony Hopkins, Harry Belafonte, Sharon Stone, Lindsay Lohan, Helen Hunt und Elijah Wood bestaunt werden. Der Film zeigt die letzten Stunden vor der Ermordung des US-Politikers Bobby Kennedy. OutNow.CH hat Estevez am Venedig Filmfestival getroffen, wo der Film als "unvollendetes Werk" vorgestellt wurde. So kann man davon ausgehen, dass bis zum offiziellen Starttermin in unseren Kinos noch ein paar Veränderungen vorgenommen werden.

OutNow.CH (ON): Ist Bobby ein Film über die Vergangenheit oder die Gegenwart?

© Studio / Produzent

Emilio Estevez (EE): Ich begann mit dem Schreiben des Drehbuchs anno 2000. Vor dem 11. September. Vor dem Krieg in Afghanistan und Irak. Doch leider hat es sich als unglaublich und traurigerweise relevant entpuppt. Es bricht einem wirklich das Herz. Wir haben kein bisschen von der Vergangenheit gelernt. Im Gegenteil, wir machen regelrechte Rückschritte. Wir werden zu Zynikern, apathisch und entrechtet auf einem so tiefen Level, wie es zuvor noch nicht erreicht wurde. Und die Regierungen der Welt zählen auf diese - unsere - Apathie.

ON: Kann nur eine Person uns aus diesem Zustand der Apathie reissen?

EE: Bobby Kennedy hat es getan. Er war unterwegs, bei den Leuten. Bedenke die Message, die mit seiner Ermordung an alle zukünftigen Führern ausgesandt wurde. Ghandi wurde erschossen, weil er Frieden und Gerechtigkeit predigte und sich gegen Gewalt stellte. Martin Luther King wurde wegen derselben Bestrebungen erschossen. John Lennon. Jeder, der Frieden predigt und sich gegen Gewalttätigkeiten einsetzt, steht irgendwann auf der falschen Seite des Gewehres. Was für eine Message kommt dabei rüber?

© Studio / Produzent

ON: Du bist während des Vietnam Krieges aufgewachsen.

EE: Mehr oder weniger. Die Tagesschauen waren voll davon. Wir waren richtige News-Junkies. Die Öffentlichmachungen und Aufdeckungen waren enorm und ich bin dafür dankbar. Sich den Vietnam Krieg jeden Abend im Fernsehen anzusehen während du sechs oder sieben Jahre alt bist, hinterlässt einen unglaublichen Eindruck. Wir sind eine Kultur voller Gewalttätigkeiten und wir zelebrieren diese förmlich.

ON: Was hältst du von der Bush Regierung?

EE: Die Revolution wird von den Künstlern begonnen. Den Schriftstellern und den Journalisten. Wir müssen anfangen, die wichtigeren, grösseren Fragen zu stellen. Wir müssen uns weg von unserer Fixierung auf Berühmtheiten bewegen. Ich habe dies vor Lindsay Lohan gesagt. Wir müssen uns davon wegbewegen was für Kleider sie trägt und mit welchem Typen sie gerade in den Ausgang geht. Schliesslich müssen wir die Jungen mit in diesen Prozess einbeziehen.

ON: Warum hast du dann so viele Stars für deinen Film zusammengerufen?

EE: Nun, keiner der Namen ist grösser als derjenige von Bobby Kennedy. Bobby ist der wirkliche Star des Films. Dies war schon immer so. Während des Castings habe ich stets an The Towering Inferno, The Poseidon Adventure oder andere Katastrophenfilme als Rahmengebung für ein solches Werk gedacht. Der Film ist ein Katastrophenfilm - ein Film mit emotional brutalem Inhalt. Ein emotionales Disaster. Am Ende bricht das Gebäude zusammen und ich hoffe, dass ich das gut einfangen habe.

ON: Wie hast du ein derart bemerkenswertes Ensemble für den Film zusammengebracht?

EE: Das grösste Problem waren die jeweiligen Terminpläne, die ich zu berücksichtigen und miteinander koordinieren hatte. Da ist jeder nur für sechs bis zehn Tage für das Shooting verfügbar. Und unser Schauplatz, das Ambassador Hotel, wurde während des Drehs abgerissen. Die Wände um uns herum stürzten förmlich in sich zusammen und man konnte manchmal sogar das Biip-Biip der Bulldozer hören, wenn diese rückwärts fuhren. Es war eine echt verrückte Angelegenheit. Wir hatten keine Zeit für Proben.

ON: Inwiefern ist das Werk noch "unvollendet"?

© Studio / Produzent

EE: Wenn man mit Harvey Weinstein zusammen arbeitet, ist der Film stets "noch in Arbeit" - bis zum offiziellen Starttermin. Er stellt mich in Frage und ich ihn und wir streiten uns. Zu Beginn wollte er eine zweieinhalbstündige Version machen. Nun wurde sie von einer dreistündigen Version gekürzt mit jeder einzelnen Szene intakt. Es ist etwas Fortlaufendes. Bryan Adams schrieb einen Song für den Film. Er wurde vom Film regelrecht inspiriert. Es ist eine Hymne, doch nun fragen wir uns, wo wir diese platzieren sollen. Das Ende, zum Beispiel, ist sehr nüchtern und ich möchte die Hymne dort nicht einfügen, weil dies zu kitschig würde. Es wäre, als würden wir damit aussagen, dass wir dem Film nicht genügend Vertrauen entgegenbrächten.

ON: Siehst du irgendwelche neuen "Bobby Kennedys" am Horizont?

EE: Das kann ich noch nicht sagen. Wir können nur hoffen, dass es irgendwen gibt, der sich inspirieren lassen wird. Ich habe den Film einem jungen State Senator in Californien gezeigt. Er war sehr berührt, stand danach auf und sagte, dass dieser Film dazu aufrufe zu handeln. Der Film erinnerte ihn daran, weshalb er Politiker wurde. Amerika wurde während der letzten zwanzig Jahre berühmt dafür, politischen Kandidaten hervorzubringen - keine waschechten Führer. Wir müssen aufhören über Klatsch und Tratsch zu sinieren und darüber nachdenken, wer die nächste Generation von Leadern auf dieser Welt sein wird.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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