Hui Buh - Das Schlossgespenst: Interview mit Christoph Maria Herbst

Christoph Maria Herbst ist schauspielender Autodidakt. Lange war er der Nebenmann, der auch noch mitspielte. Kleine aber feine Rollen in Der Wixxer, Aus der Tiefe des Raumes, Der Fischer und seine Frau. Für zwei Jahre auch neben Anke Engelke in der erfolgreich laufenden Comedy-Serie Ladykracher. Die erste richtige Hauptrolle wurde dann auch sein bisher grösster Erfolg. Die Figur des fiesen Versicherungskaufmanns Bernd Stromberg scheint wie gemacht für Herbst. Trotz wenig berauschender Zuschauerzahlen konnte sich das Format, das sich am BBC-Hit The Office anlehnt, 2005 bei den Grimme-Preisen gut behaupten. Notabene als Sendung eine Privatsenders. Herbst selber erhielt den Bayerischen Fernsehpreis 2005 für "die überzeugende Darstellung eines Vorgesetzten, dem man seinem schlimmsten Feind nicht wünscht".

Im Gespräch mit OutNow.CH fröhnte er seiner Leidenschaft, dem Milchkaffee, und nahm ausführlich Stellung zum Erfolg von Stromberg. Ein paar Fragen zu Hui Buh wurden natürlich auch noch gestellt.

OutNow.CH (ON): Die Originalstimme von Hui Buh, Hans Clarin, wird die Premiere des Films nicht mehr erleben können. Du hattest mit ihm fast am meisten Szenen. Wie war die Zusammenarbeit?

Christoph Maria Herbst (CMH): Ich bin Hans Clarin am ersten Drehtag fast mit einem übertrieben grossen Respekt entgegen getreten. Er hat es einem aber sehr leicht gemacht und ist einem wirklich auf Augenhöhe begegnet. Er schien schon recht gebrechlich zu sein, und man sah, dass die Krankeit an ihm gezerrt hatte. Er hatte aber nach wie vor einen hellwachen Geist, der sich hinter grossen, blauen, unglaublich juvenilen Augen verbarg. Er war auch total auf der Höhe der Zeit. Er hat mich auch auf Stromberg angesprochen, was mich wirklich überrascht hat, weil Strombergs Zielgruppe sind nun wirklich nicht die Siebzig- bis Achtzigjährigen. Ich denke, dass Hui Buh eigentlich sein Vermächtnis ist. Es ist wunderbar vom lieben Gott, oder wem auch immer, dass sich hier auf ganz wundersame Weise ein Lebenskreis geschlossen hat. Dass er den im Medium Hörspiel von ihm geprägten Hui Buh noch zu einem richtig fetten Kinofilm hat werden lassen und selber dabei war. Ohne Hans wäre der Film nicht das geworden, was er jetzt ist.

ON: Wie ist es, einen König zu spielen?

CMH: Ich musste mir keine Überlegungen machen, wie spiele ich nun diese Figur. Ich habe einfach mich selbst gespielt. ;-) Das Schöne am König spielen ist, dass immer die anderen etwas tun müssen. Sie treten mit einer gewissen Ehrfurcht und einem übertriebenen Respekt an dich heran und du denkst plötzlich: "Stimmt, ich bin ja König. Habe ich ganz vergessen." Und schon geht man in eine gewisse Haltung. Ich musste mich endlich auch einmal nicht verkleiden, und konnte mit meinem normalen Haar und meinem normalen Bartwuchs spielen, und musste nicht so albern rumlaufen, wie ich es im Moment tue.

ON: Das waren deine Haare im Film?

CMH: Gut, da muss ich nun ein bisschen weiter ausholen. Du kennst sicher Strassberg und Stanislawski. Die anderen Leute im Film sind ja alles Comedynasen. Ich komme eher aus der klassischen Schauspielerei und bin wohl der einzige Method Actor in Hui Buh. Da gibt es diese Technik, mit der man sich dieses tot geglaubte Material namens Haar regelrecht aus der Epidermis schwitzen kann. Zur Vorbereitung habe ich diese Technik nochmals aufgefrischt. Ich bin rüber in die Staaten und hab da meine alten Schauspiellehrer getroffen, Paul Newman, Rod Steiger und wie sie alle heissen. Es war eine schöne Zeit, ich will sie nicht missen. Ich war aber auch froh, die Haare für Stromberg wieder abrasieren zu können.

ON: Stichwort Stromberg. Dachtest du wirklich, dass die BBC euch da nie auf die Pelle rücken würde mit Plagiatsvorwürfen?

CMH: Man müsste schon mit Blindheit geschlagen sein, um die Nähe zum genialen BBC-Format The Office nicht zu bemerken. Da ist kommunikativ einfach anfangs viel falsch gelaufen. Ich finde es sehr gut, dass nun im Abspann endlich steht "inspired by..." und kann selber eigentlich gar nicht viel dazu sagen. Bei den Dreharbeiten zur ersten Staffel kannte ich The Office gar nicht. Mir hat dann ein Kollege während dem Dreh diese DVD mal in die Hand gedrückt und gesagt, das habe sehr viel mit uns zu tun. Holla die Waldfee, dachte ich, und habe mir das Teil nach einem Drehtag mal in den Player gelegt. Ich war begeistert wie fast von allem, was ich von den Kollegen der BBC sehe. Ich habe mir aber auch nur eine Folge angesehen, um mich nicht befangen zu machen. Aber ich sah natürlich Parallelen in der formal-ästhetischen Behauptung, es sei eine Doku in einem real existierenden Versicherungsalltag. Jede weitere Frage muss man dann dem Produzenten, der in Personalunion auch den Hauptautoren stellt, richten Inzwischen muss man feststellen, dass verfolge ich dann schon in dem einen oder anderen Thread, sind selbst die Hardcore-The Office-Fans der Meinung, dass es zwar eine Frechheit ist, was wir da machen, aber sie ziehen doch den Hut, weil sie mit Stromberg mehr als nur leben können. Sie stellen auch fest, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

ON: Ich glaube, diese Art von Show, ist kulturell unterschiedlich anzupacken. Wie es auch bei "Deutschland sucht den Superstar" weltweit regionale Anpassungen geben muss, so auch bei The Office. Die amerikanische Fassung ist dann nochmals anders.

CMH: Ja. Ich habe mir erzählen lassen, dass der dortige Hauptdarsteller Comedian ist, und dass man sich zuerst einmal daran gewöhnen muss, weil man das angeblich zu sehr merkt. Das Schöne an Stromberg ist ja, dass wir in Deutschland auch im komödiantischen Bereich Dinge unterspielen, dass man den Leuten nicht die Knute auf den Kopf hauen muss. Man muss es nicht belachen. Es wird nicht mit Jingles gearbeitet. Das liebe ich sehr. Das ist so der Brite in mir.

ON: Die dritte Staffel ist bereits angekündigt. Weiss man schon, wohin es Stromberg verschlagen wird?

CMH: Irgendjemand wird es wissen. Ich gehöre nicht zu denjenigen. Verschlagen hat es ihn nun erstmals ins Archiv am Ende der zweiten Staffel. Ich bin am gespanntesten von allen, wie er da wieder rauskommt. Ob er sich hochschläft, vielleicht. Es stellt sich aber die Frage, wen beschläft er da. Ich glaube, der Autor Ralf Husmann weiss es selber noch nicht, weil er momentan in einem Projekt mit Christian Ulmen steckt. In seiner Haut möchte ich nicht stecken, denn er hat die Latte ja selber sehr hoch angesetzt und völlig zurecht mit seinen Autoren den Grimme-Preis gewonnen. Ralf Husmann wäre aber nicht Ralf Husmann, wenn er nicht schon Ideen im Kopf hätte. Und ich finde es in Ordnung, dass wir Schauspieler die letzten sind, mit denen er die kommuniziert. Er gehört zu den Autoren, wo ich komplett loslassen kann. Wenn mir der Kurier einen Stappel Bücher liefert, lasse ich mir immer das Badewasser ein, stelle ein paar Kerzen auf und lasse Vivaldi laufen und freue mich, in den nächsten zwei Stunden, diese Bücher zu lesen. So geil ist das mit den Jungs zu arbeiten. Die erste Staffel war ja noch so ein bisschen Exposition. Die zweite Staffel war für Stromberg ein bisschen Midlife-Crisis. Da bricht vieles auseinander, was eh schon brüchig war. Bei der dritten Staffel könnte ich mir vorstellen, nach "Hitler und die Frauen" nun "Stromberg und die Frauen" nachzugehen, weil die zwischenmenschlichen Beziehungen sind ja doch eine Neverending Story. Ich denke mir, dass Husmann da schon aus eigener Erfahrung einiges dazu schreiben kann.

ON: Wie wichtig war die Online-Petition für die dritte Staffel Stromberg?

CMH: Das ist nicht zu unterschätzen. Ich habe keine Zahlen, keine harten Fakten. Ich kann nicht in die Köpfe der ProSieben-Entscheider gucken. Es ist als psychologischer Effekt aber nicht zu unterschätzen. Neben den ganzen Preisen und dem irrsinigen DVD-Verkauf war es sicher ein wesentlicher Faktor. Ich fand das rührend. Man kann dem Stromberg-Fanclub.de gar nicht dankbar genug sein - "We love Stromberg", das muss man sich zuerst mal auf der Zunge zergehen lassen.

ON: Nun zu den Stichworten.

CMH: Gerne.

ON: Grimme-Preis

CMH: Ja. Sollte man haben.

ON: Neues vom Wixxer

CMH: Freue ich mich sehr drauf. Die Kollegen sind schon seid drei Wochen in Prag dabei. Wird auch ein Wiedersehen unter Freunden. Ich darf wieder den den Hatler spielen. Der ist aber nicht mehr den Butler. Mehr darf ich nicht sagen.

ON: Anke Engelke

CMH: Grossartige Künstlerin, welche die Herausforderung einer Late Show nicht gescheut hat. Ich selber habe sie da nicht richtig aufgehoben gefühlt. Sie geht nun aber "back to the roots" zu dem, was sie noch besser kann, nämlich in verschiedene andere Leute schlüpfen. Ich bin mir sicher, dass man von ihr vollkommen zurecht noch sehr viel hören und sehen wird.

ON: Der Schweizer Markt

CMH: Ein immer neu zu erforschender und zu bedenkender, aber auch sehr wesentlicher. Wenn ich daran erinnere, dass Bully hier mit (T)Raumschiff Surprise eine wunderbare Premiere feiern konnte, dann freue ich mich sehr auf die Hui Buh-Premiere in der Schweiz.

ON: Hui Buh

CMH: Siehe oben. Für mich, der mit den Hörspielen gross geworden ist, aufs schönste ein Kreis, der sich schliesst. So einen Good Guy, einen Womanizer wie den Julius den 111. angeboten zu bekommen, erlebst du als Schauspieler nicht allzu häufig. Zumal wenn du mit einem Arschloch wie Stromberg ein bisschen mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerutscht bist. Dass sich dann da ein Regisseur wie Sebastian Niemann und Christian Becker sagen, der spielt den Stromberg ja nur, der ist es ja nicht, ich seh den auch als diesen Julius. Da kann ich nur tausend Hüte ziehen, weil die Branche funktioniert eigentlich anders. Weil, wenn du einmal den Sack gespielt hast, bleibst du den auch für eine ganze Weile.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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