The New World: Das Interview mit Sarah Green

Die Sage um Pocahontas und ihre Männer, welche die Neue Welt erobern wollten, zum ersten Mal als Realfilm. In der Hauptrolle: die erst 16-Jährige Q'Orianka Kilcher mit Schweizer Vorfahren.

Zwar war Terrence Malick, der Regisseur von The New World für die Berlinale anwesend, aber er erschien trotzdem nicht zur Pressekonferenz. Das übliche halt, für den sehr medienscheuen Mann. Nicht einmal ein aktuelles Bild existiert von ihm. Das am nahe liegendste, um mehr über ihn herauszufinden, wäre wohl über die Produzentin seines neuesten Epos, Sarah Green. Green produzierte Filme wie Frida und Havana Nights: Dirty Dancing 2, und für sie war The New World die erste Zusammenarbeit mit dem enigmatischen Filmemacher Malick.

Trotzden versuchte OutNow.CH, mehr über Malick herauszufinden, von einer Frau, die ihn zumindest erst vor kurzem gesehen hat. Dabei hörten wir auch die fast schon märchenhafte Geschichte von der Suche des richtigen Mädchens für die Rolle der Pocahontas.

OutNow.CH (ON): Wie kam deine Zusammenarbeit mit Terrence Malick zu Stande?

Sarah Green (SG): Er rief mich an. Es war einer der spannendsten Anrufe, die ich je bekommen habe. Malick und ich verbrachten ein bisschen Zeit miteinander, um uns besser kennen zu lernen. Dann arbeiteten wir gemeinsam an The New World.

ON: Er rief dich aus heiterem Himmel an?

SG: Ja, wirklich - total unerwartet. Ich war in jenem Moment gerade am Auto fahren.

ON: Kannst du uns ein wenig über seine Persönlichkeit erzählen? Bei dem, was man über ihn lesen kann, hat man das Gefühl, er werde mehr und mehr zu einem Stanley Kubrick.

SG: (Sie lacht) Er ist ein ganz gewöhnlicher, sehr höflicher und witziger Typ, mit dem man sehr gut zusammenarbeiten kann. Er sucht halt einfach das Licht der Öffentlichkeit nicht, im Gegenteil. Jedenfalls ist er keineswegs seltsam, sondern steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen.

ON: Was ist der Grund, dass er Publicity möglichst zu meiden versucht?

SG: Wahrscheinlich deshalb, weil ihm seine Privatsphäre wichtig ist. Niemand mag es, wenn die Leute versuchen, dich zu analysieren und zu verstehen.

ON: Er ist bekannt für seine sehr wundervollen Filme, die jedoch beim Durchschnittspublikum nicht immer Anklang finden. Hattest du diesbezüglich, als Produzentin, bedenken?

SG: Nicht einen einzigen Moment. Ich war schlichtweg begeistert, mit ihm arbeiten zu können. Ich fand schnell heraus, dass er ein sehr verantwortungsvoller Regisseur ist. Er hält sich an die Abmachungen das Budget und den Zeitplan betreffend. Mein Job ist es, herauszufinden, wie ich die Vorstellungen des Regisseurs unterstützen, und wie ich sie am besten fördern kann. Terry benötigt nicht Unmengen von Sachen. Alles, was er braucht, ist viel gemeinsame Zeit mit den Schauspielern. Er mag schnelllebige Sets, so setzten wir wenig Beleuchtung und unkomplizierte Kamerabauten ein. Dafür wurden viele Szenen mit der Steady-Cam oder einer Hand-Held Kamera gedreht.

ON: Hattest du je das Gefühl, du müsstest bei seiner Arbeit eingreifen? Wäre das überhaupt möglich?

SG: Möglich wäre es. Malick ist gegenüber Inputs und Vorschlägen sehr offen. Aber etwas, das ich als Produzentin gelernt habe ist, das Publikum und seine Reaktionen nicht vorausahnen zu wollen. Denn ich bin das Publikum. Alles was ich tun muss, ist mich selber zu fragen, ob ich den Film - als Ganzes oder in seinen Teilen - verstehe und ob er mich gefühlsmässig anspricht. Wenn ich die einzelnen Szenen nicht verstanden hätte, dann hätte ich ihm dies gesagt. Ich versuchte jedoch nie, zu ihm zu sagen: "Oh nein, das Publikum wird dieses und jenes nicht verstehen..." Es gab diese gegenseitige Kontrolle. Das Gleiche machte er mit jedem anderen, der mit ihm zusammenarbeitete - den Cutters, den Assistenten. Terry ist wirklich offen für Inputs, und das während der gesamten Film-Herstellung.

ON: Wie würdest du ihn mit Regisseuren wie John Sayles und David Mamet vergleichen, mit denen du ebenfalls gearbeitet hast?

SG: Jeder ist wieder anders. Jeder Regisseur muss seine Prioritäten finden. John ist ein sehr präziser Regisseur, da er gleichzeitig Cutter ist. Er weiss bereits im Voraus genau, was er im Schnittraum brauchen wird. Deshalb kann er die Dinge sehr verdichten. David ähnelt Terry eher. Er hat einfach Spass mit den Schauspielern und lässt ihnen freie Hand. Für ihn sind seine Texte wichtiger. So ist es nicht einfach, seine Dialoge zu ändern. Terry hingegen ist auch da sehr offen. Er liebt es, wenn die Schauspieler ihre Dialoge verändern, und sie dadurch besser werden.

ON: Wie fandest du Q'Orianka Kilcher? Und hast du dir Gedanken über ihr junges Alter und ihr Newbie-Dasein gemacht?

SG: Wir hatten wirklich grosse Angst. Und wir wussten, dass es die grösste Herausforderung bei diesem Film werden würde, da wir keine Schauspielerin kannten, die für die Rolle geeignet war. Monate bevor wir für The New World grünes Licht bekamen, fingen wir an "sie" zu suchen. Dabei engagierten wir eine Frau, die darauf spezialisiert ist, Castings mit amerikanischen Ureinwohnern durchzuführen. Sie durchforstete jede derer Gemeinden. Wir sahen tausende von jungen Frauen. Nach sechs Monaten wurden wir langsam nervös. Wir fanden zwar "Teile" von ihr, aber niemand vereinte alle Voraussetzungen auf sich. Ich musste somit die Suche ausweiten. Dreizehn Casting-Verantwortliche suchten auf der ganzen Welt nach ihr. Jedes Land mit Ureinwohnern und überall dort, wohin amerikanische Ureinwohner ausgewandert waren. Wir fanden eine Cherokee Prinzessin in Australien. Ich hätte mich für die Maori entschieden, wenn wir dort jemanden gefunden hätten. Schliesslich grenzten wir drei Frauen ein, als Q'Orianka auftauchte. Sie war für Steven Spielbergs Serie Into the West vorgeschlagen worden, die gerade mit dem Casting startete. Glücklicherweise hatten wir dieselben Casting-Leute. Also brachten sie Q'Orianka zu uns, damit wir sie treffen konnten. Unser erste Eindruck war, dass sie zu jung für die Rolle sei. Die Casting-Verantwortliche beharrte jedoch auf Q'Orianka und kam am nächsten Tag wieder. Zu Beginn nahmen wir sie nicht wirklich ernst, doch sie war sehr keck und flexibel und hatte zudem viel Disziplin. Damit verflogen unsere Zweifel allmählich und wir entschlossen uns, das Risiko einzugehen. Unsere definitive Wahl trafen wir jedoch erst bei den Testaufnahmen. Die jungen Frauen waren mit dabei und so testeten wir ihr Erscheinen durch die Kamera. Vielleicht sah ja die Älteste mit den vielen schauspielerischen Fähigkeiten durch die Kamera viel jünger aus. Q'Orianka jedoch war perfekt. Das wurde uns sofort klar und danach gab es keine Zweifel mehr.

ON: Die Version von The New World, die in Berlin gezeigt wurde, ist eine andere als jene, die man in den USA vorführte.

SG: Letztere Version diente während einer Woche nur als Quali-Version für die Academy Awards. Es gab eine Deadline, und wir fertigten den Film gerade noch rechtzeitig an. Zu jener Zeit waren wir mit dem Ergebnis zufrieden. Danach gingen wir dazu über, eine erweiterte Version für die DVD zu schneiden. Während dieses Prozesses entwickelte sich auch die Idee der definitiven Kinoversion. Da wir viele Dinge für die erweiterte Version bearbeiteten, um ein längeres Abenteuer zu kriegen, realisierten wir, dass nicht alles in der Kinofassung nötig war. Uns wurde klar, dass mit etwas mehr Geld die Kinoversion aufgewertet werden und sie sich trotzdem von der DVD Version unterscheiden könne.

ON: Was sind die Hauptunterschiede zwischen den zwei Versionen?

SG: Das Tempo. In der früheren Version hatte jeder Moment seine visuellen und akustischen Komponenten. Eine Off-Stimme war über drei Szenen hinweg zu hören anstelle nur einer. Die verkürzte Fassung ermöglichte es uns, am Anfang einige Dinge hinzuzufügen, damit man sich im Camp zurechtfindet. Während der früheren Version war es schwieriger, richtig in den Film hinein zu kommen.

ON: Was hältst du von Disneys Pocahontas?

SG: Leider sahen weder Terry noch ich je die Disney Version. Deshalb haben wir auch nicht wirklich eine Meinung dazu. Ich bin nicht sicher, ob dies der Film war, der den Leuten als erster Pocahontas ins Bewusstsein brachte. Immerhin wird die Geschichte in der High School gelehrt. Es geht um den Mythos ihrer Liebesgeschichte. Moderne Historiker würden sagen, dass sie keine Geschichte haben konnten.

ON: Hast du alle Bücher von John Smith gelesen? Schrieb er über seine Liebe zu ihr?

SG: Nein. Er schrieb über die Liebe, die sie ihm gegenüber hatte. Er spricht mit grosser Bewunderung über sie. Man kann sich vorstellen, dass er sie geliebt hatte, aber er äussert sich nie genau dazu. Einige Historiker sagen, dass dies nie geschehen konnte, da sie eine Hoheit war. Einige Theorien besagen, dass ihr Vater sie gehen liess, damit sie eine Art Spionin in der Siedlergemeinde sein konnte. Wir wissen es wirklich nicht. Die Metapher der Liebe ist für sich alleine wichtig. Sie hielt über 400 Jahre lang an, in ihr steckt eine ungemeine Kraft. Darum finde ich es gerechtfertigt, sie zu verfilmen - egal ob sie ein Liebespaar waren oder nicht.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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