Joyeux Noël: Interview mit Benno Fürmann

Die Trams, die den Stadelhofer Platz durchqueren, quietschen ziemlich laut. Man hört sie auch bei geschlossenem Fenster noch im ersten Stock des Restaurants, in dem der Berliner Schauspieler Benno Fürmann OutNow.CH zu Besuch erwartet. "Ich fühl mich hier wie im Wartsaal", sind seine ersten Worte. Es stimmt. Die Aura des Raumes hat etwas muffiges - wie in den alten Bahnhöfen, bevor sie zu Rail Cities umgebaut wurden. Seltsamerweise passte Fürmanns Kopfbedeckung zu seiner Stimmung. Es ist einer dieser Hüte, die Lokomotivführer gerne trugen, als noch Kohle geschaufelt wurde, um die Loks in Gang zu bringen. Seine ist von einer coolen Skaterfirma genäht und ganz in schwarz - wie auch der Rest seiner Kleidung. Nur auf dem Jacket prangt ein weisser Ansteckbutton. "War is an Asshole" steht drauf. Ein Statement, dass einer der schottischen Soldaten in seinem neuesten Film schreien könnte. Merry Christmas heisst der - oder wie die Franzosen sagen. Joyeux Noël. Nur "Fröhliche Weihnachten" nennt in mal wieder kein Mensch, nicht einmal der deutsche Verleih. Dabei spielen in dieser Geschichte um eine weihnächtliche Verbrüderung unter Soldaten aus den Schützengräben des ersten Weltkriegs auch die Deutschen eine tragende Rolle. Fürmann spielt darin einen Kriegsdienst leistenden Tenor. Der Zufall will es, dass am selben Tag wie Joyeux Noël gleich noch ein Film mit Benno Fürmann in die Schweizer Kinos kommt. Gespenster, Christian Petzolds schauriges Grossstadtmärchen, das an der Berlinale 2005 hoch gelobt wurde.

Der Tag war schon lang und Fürmann wird zu allem übel noch von einer Nackenstarre gequält. "Zu viel Sport", sagt die Presseverantwortliche vom Verleih. OutNow.CH darf als letztes den Notizblock mit den Fragen zücken.

OutNow.CH (ON): Was hat dich dazu inspiriert, in Joyeux Noël mitzuspielen?

Benno Fürmann (BF): Das war eher der Film als ganzes als meine Rolle. Es war zuerst von einer anderen Figur die Rede, und dann hat mich der Regisseur Christian Carion gefragt, ob ich den Tenor spielen möchte. Da musste ich erst mal leer schlucken, denn mit dem Weihnachtsbaum in der Hand aus dem Schützengraben zu singen, da hatte ich schon Manschetten vor. Das kann ja unter Umständen auch peinlich werden. Ich habe aber auch Lust auf Angst vor der Peinlichkeit, wenn ich den Film als ganzes wichtig finde. Insofern habe ich Gesangsunterricht genommen, damit ich mich beim Dreh nicht in einer komplett ungewohnten Situation befinden würde. Der Hauptgrund für den Film war aber dieses unglaubliche Ereignis, über das ich auch nicht richtig Bescheid wusste, von den Menschen, die sich über 700 Meter in die Augen gucken, alle mit der gleichen Sehnsucht verbunden sind und Weihnachten feiern miteinander. Dieser Event hat eine Kraft, die auch auf den Film abfärbt. Joyeux Noël zeigt auf ganz einfach Weise, was zu Kriegszeiten eben auch möglich ist; wie es auch sein könnte. Das finde ich wichtig.

ON: Hat es dich nicht gereizt, die Rolle selber zu singen? ((Anm. d. Red: Die Operneinlagen wurden vom mexikanischen Startenor Rolando Villazon gesungen.)

BF: Wenn man eine Komödie machen würde, dann gerne. Aber ich bin wie die meisten von uns ein "unter der Dusche"-Sänger und habe nicht viele Berührungspunkte mit dem Gesang. Wenn ich in Deutschland eine Gesangskarriere einschlagen würde, würden wohl schlagartig weniger Leute von mir ein Autogramm wollen. (Er lacht.) Das sollen Leute machen, die das können.

ON: In Nackt hast du ja noch selber gesungen. Doris Dörrie sagte, du hast dir zuerst einen antrinken müssen, um die Szene zu schaffen.

BF: Mein Gesang ist besser geworden, nicht? Das musst du zugeben. Aber das ist schon eine wahre Geschichte. Wenn ich jetzt schon einen Schlagersänger mime für einen Moment, dann trink vorher auch einen. So dachte ich damals. Da standen in der Wohnung als Dekoration ein paar Flaschen und in einer war tatsächlich was drin. Schnaps und Schlagersänger - das passte ganz gut zusammen.

ON: Was ist deiner Meinung nach die Botschaft von Joyeux Noël?

BF: Make Love not war. Ganz einfach! Oder schalte deinen Verstand nicht aus, wenn du eine Uniform anziehst. Übernimm Eigenverantwortung! Frage dich, ob es dein Krieg ist und ob du dazu stehen kannst. Sowas verlange ich auch von jedem Menschen.

ON: Wie war es für dich, auf einem mehrsprachigen Filmset zu arbeiten?

BF: Wir hatten natürlich nicht diese Barrieren zwischen uns, wie sie die Menschen damals hatten. Wie an deutschen Schulen England als der Todfeind eingeimpft wurde, sieht man ja zu Beginn des Films. Die anderen Kinder habe das gleiche in Grün gelernt. Insofern waren wir da ziemlich wertefrei. Wir als moderne Europäer haben uns schon als Touristen kennen gelernt, oder sind selber schon einmal gereist. Wir wussten alle, was wir für einen Film erzählen. Das Team war bunt zusammengewürfelt aus allen Herren Ländern. Das alles hat einen internationalen Geist kreiert. Es wäre vielleicht schöner gewesen, wenn wir länger separiert gewesen wären. Da hat der Regisseur wohl aber auch die Schotten und ihren Whisky unterschätzt. Denn der hat irre schnell zur Verbrüderung geführt.

ON: Die Franzosen haben den Film als ihren Beitrag für den Oscar zum besten ausländischen Film gemeldet. Denkst du heute schon an den Oscargewinn?

BF: Ich laufe im Leben auch eher kleinere Etappen und geh dann zur nächsten. Ich bin soeben aus Belgien zurückgekommen, war davor in Frankreich und bin jetzt in der Schweiz. Davor hatten wir die Premiere in Deutschland. Der Film muss jetzt erstmal in Europa laufen. Ich rede gerne über den Film, weil es ein wichtiger Film ist. Der Oscar wäre natürlich noch das I-Tüpfelchen. Soweit möchte ich aber gar noch nicht denken. Ich habe gar keine Zeit zwischendurch, um für den Oscar zu beten.

ON: Am gleichen Tag wie Joyeux Noël kommt auch Gespenster in die Schweizer Kinos. Was fasziniert dich an der Arbeit mit Christian Petzold, mit dem du schon zum zweiten Mal zusammengearbeitet hast?

BF: Seine Intelligenz und seine Klarheit.

ON: Wie kam es zu deinem Kurzauftritt in Gespenster?

BF: Wir haben uns durch die Zusammenarbeit an Wolfsburg angefreundet und Christian sass bei mir zuhause auf der Couch und hat mir von seinem neuen Drehbuch erzählt. Ich hab dann einfach so in den Raum geworfen, dass er mir einen schönen Cameoauftritt reinschreiben solle, damit wir unsere Zusammenarbeit fortsetzten können. So kam es dann. Er hat mir von der Geschichte erzählt und gesagt, da sei nicht wirklich was für dich dabei. Er hat dann aber trotzdem was Kleines geschrieben für mich und gesagt, dass er sich freuen würde, wenn ich es machen würde.

ON: Gespenster ist ja ein ganz anderer Film als Joyeux Noël. Spürt man als Schauspieler schon am Set Unterschiede in der Arbeitsweise bei einem eher schwer zugänglichen Film im Vergleich zu Komödien, wie ...und tschüss für RTL und oder einer internationalen Ko-Produktion?

BF: Nein. Das Perverse am Film ist, dass du ein Team, einen Regisseur und die Schauspieler an einem Ort zusammenwirfst, und die dort drei Monate ihres Lebens zusammen verbringen. Das kreiert dann immer so eine Eigendynamik. Du merkst von der Energie her, in welche Richtung du gehst. Ich habe aber auch Filme gehabt, wo es während der Zusammenarbeit in eine Richtung gegangen ist, wo ich dachte, wir haben uns falsch verstanden. Das ist überhaupt nicht der Film, den ich spannend fand, oder die Interpretation des Drehbuchs, die mir vorgeschwebt hat. Das ist nun aber Gott sei dank schon lange nicht mehr passiert. Letztendlich ist das fertig geschnittene und gemischte Gesamtergebnis immer wieder eine Überraschung, weil du als Schauspieler zu sehr mit deiner speziellen Rolle beschäftigt bist und so das Gesamte nicht mitkriegst. Das ist für mich immer wieder eine überwältigende Angelegenheit. Deshalb bestehe ich auch darauf, mir Filme vor der Premiere zu Hause anzugucken zu können. Weil ich keine Lust habe, bei der Premiere dazusitzen und nur auf mich zu achten und zu gucken, ob das alles so geworden ist, wie ich das versucht habe.

ON: Gibt es einen Film auf den du besonders stolz bist?

BF: Stolz ist ein Wort, das ich selten benutze. Klar gibt es Filme, die eher meine Filme sind, von der Art und Weise, was ich gerne gucke. Filme sind aber auch Zeitzeugen. Das heisst ein Film, den ich vor zehn Jahren gemacht habe, markiert auch eine Wegstrecke, die für mich damals genauso wichtig war. Ab und zu hast du eine Zusammenarbeit, wo es total klickt, wo man sich blindlings vertraut und so natürlich ein Gefühl entwickelt, näher da dran zu arbeiten, was einem selbst als Menschen bewegt. Krieger und Kaiserin ist sicher einer von diesen Filmen. Und natürlich der aktuelle, über den wir schon gesprochen haben.

ON: Die Wilden Hühner, Sturmflut und Crusade in Jeans sind alle schon in der Post-Production. Was steht als nächstes bei dir an?

BF: Es sind einige Sachen in Planung. Aber ich bin da ein bisschen abergläubisch. Solange ich keinen Vertrag unterschrieben habe und weiss, dass die Förderung steht (Er klopft auf den Tisch) und dass ich dann auch im nächsten Mai mit den und den Leuten, an der und der Stelle stehen werde und die erste Klappe geschlagen ist, rede ich ungern darüber.

ON: Was hat es mit der Tätowierung auf deinem Arm auf sich?

BF: Ich war neunzehn und habe sie mir in New York stechen lassen. Es ist ein Donnervogel von den Haidah-Indianern, die im nordamerikanischen Kontinent an der Westküste leben. Es ist ein Schutzsymbol als Totem über ihren Hütten. Mittlerweile ist es ein Vogel, den ich gerne bei mir hab, der ein bisschen auf mich aufpasst. Es ist aber auch eine Erinnerung an eine bestimmte Zeit.

ON: Hast du eine Meinung zum Schweizer Film?

BF: Ich habe lange keinen gesehen, muss ich ehrlich sagen.

ON: Hast du einen speziellen Weihnachtswunsch, um wieder auf Joyeux Noël zurückzukommen?

BF: Ja, einen ganz kleinen, dass ist einfach... (er hält inne und sagt ein Weilchen nichts) Das ist mir aber zu privat, was mir gerade auf der Zunge liegt.

ON: Dafür habe ich natürlich Verständnis. Besten Dank fürs Gespräch.

BF: Peinlich, dass ich da keinen Schweizer Film nennen kann, aber es gab doch da einen, der zuletzt viel Erfolg hatte... Ich bekomme aber vom Verleih vier DVDs mit den neuesten schweizerischen Werken und beim nächsten Mal kann ich dann wieder mitreden. Eugen war einer, über den wir geredet haben. Und dann dieser andere, von dem mir der Titel was gesagt hat. Aber auf den komm ich jetzt einfach nicht. Der muss aber in den letzten zwei Jahren rausgekommen sein.

ON: Ich kann dir auch nicht sagen, welcher.

BF: Egal, aber das nächste Mal reden wir über Inhalte!

ON: Das machen wir. Nun aber viel Erfolg mit Joyeux Noël und Gespenster in den Schweizer Kinos.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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OutNow.CH