The Constant Gardener: Interview mit Ralph Fiennes

Ralph Fiennes - ein Schauspieler, der auf Bühnen genauso so zu Hause ist wie vor der Kamera. Immer wieder gibt er den Bösewicht: die Zahnfee in Red Dragon, Lord Voldemort oder Amon Göth in Schindler's List. Aber er synchronisierte auch Zeichentrick (The Prince of Egypt) und wurde für Romantische Komödien engagiert (Maid in Manhattan). OutNow.CH traf sich mit Fiennes am Filmfestival von Venedig und sprach mit ihm über die britische Oberschicht, seine politischen Ansichten und wie er als Kind in Audrey Hepburn verknallt war.

OutNow.CH (ON): Fernando Meirelles ist ein ziemlich ungewöhnlicher Regisseur und hat nicht eben viel mit britischer Kultur am Hut, warum war er dennoch geeignet für The Constant Gardener?

Ralph Fiennes (RF): Als ich hörte, dass Fernando interessiert war, war ich sehr erfreut, weil es da immer ein paar Tücken gibt mit Adaptationen von Le Carré. Seine Bücher eignen sich eigentlich besser für das Fernsehen, da sie sich kaum die Zeit nehmen, Charaktere zu entwickeln und einzuführen. Ich glaube, dass Fernandos filmisches Gespür, gerade weil es so unenglisch ist, ein wahrer Glücksfall war, und der Geschichte eine andere Energie verlieh, als man vielleicht erwartet hätte. Ein weiterer Grund für mich an diesem Projekt teilzunehmen war, dass er unbedingt eine Situation in Afrika zeigen wollte. Als ich den Film dann zum ersten Mal sah, hatte ich das Gefühl, dass Kenia mit seiner ganzen Bildgewalt fast wie ein zusätzlicher Charakter funktionierte. Man bekommt sowohl Nairobi und seine Slums in Kibera, als auch den nördlichen Landesteil zu sehen.

© Studio / Produzent

ON: Aber Meirelles hat überhaupt keinen britischen Background und die Gesellschaft im Buch ist äusserst typisch. Ist es nicht erstaunlich, dass eher ausländische als englische Regisseure britische Filme drehen, wie zum Beispiel Ang Lees Sense and Sensibility?

RF: Wenn man Engländer ist, wuchs man wahrscheinlich mit so vielen vorgegebenen Verhaltensweisen auf, dass es schwieriger ist die eigene Gesellschaft von aussen zu betrachten und einen Film darüber zu machen. Wenn man dagegen von einem anderen Ort kommt, hat man keinerlei Vorurteile. Für Fernando war es ziemlich schwierig all die Nuancen der englischen Klassengesellschaft zu verstehen. Die Hierarchie, wer was ist in der High Commission, ja sogar was eine High Commission überhaupt ist. Wir versuchten ihm zu erklären, dass man, wenn man diesen Schulabschluss hat, nachher wohl jenen Job machen wird usw. Aber er meinte bloss, dass er diese verrückte englische Gesellschaft wohl nie begreifen werde. (lacht) Das war vielleicht gar nicht so schlecht, weil er sich so nicht auf Details konzentrieren musste. Ich meine Le Carré zeigt brilliant all die kleinen Feinheiten der britischen Gesellschaft auf, aber Fernando überliess es uns, das herauszustreichen. Ich selbst musste also wissen, wer Justin genau war, was er für einen Hintergrund hatte und was seine gesellschaftliche Position war. Fernando dagegen musste alle Charaktere zusammenführen, immer den Film als Ganzes im Kopf, und hatte nicht so viel Zeit sich um Details zu kümmern. Wenn der Film funktioniert, und es scheint, als ob er es täte, dann ist das wohl vor allem wegen seiner emotionalen Seite, wegen der Liebesgeschichte, und das ist grösstenteils Fernandos Verdienst.

© Studio / Produzent

ON: Würden Sie von sich selbst behaupten ein typischer Engländer zu sein?

RF: Also, es gibt ja all die Klischees über Länder und Nationen, aber ich glaube, damit sollte man aufhören. Man hört ja oft, Engländer seien emotionslos, aber ich denke, dass Briten sehr gefühlvolle Menschen sind. Eigentlich sind sie sogar so emotional, dass sie eine Art Mauer um sich herum bauen, um sich zu schützen. Wir haben zum Beispiel eine grosse Theatertradition und wo, wenn nicht im Theater gibt es Gefühle in Hülle und Fülle. Meiner Meinung nach sind Engländer wirklich sehr sensible und gefühlvolle Menschen, und ich muss sagen, dass ich Leuten, die ihre Emotionen bei jeder Gelegenheit rauslassen ein bisschen misstraue. Ich frage mich dann manchmal, ob das nun wirklich echt ist, oder doch nur gespielt.

ON: Forschen Sie im vornherein ein bisschen, wenn Sie eine Person von einem anderen Land spielen?

RF: Nein, ich mag nicht, wenn man so plump über Nationalitäten spricht. Man sollte Klischees vermeiden, denn im Endeffekt muss jeder ein Individuum sein, sonst wird die ganze Sache lächerlich.

ON: Sie haben schon für Sunshine mit Rachel Weisz zusammengearbeitet. Vereinfachte dies die Arbeit für diesen Film?

© Studio / Produzent

RF: Natürlich ist es immer einfacher, wenn man schon einmal mit jemandem zusammengespielt hat, aber ich muss sagen, die Arbeit für The Constant Gardener war viel intensiver.

ON: Was bedeutet Gärtnen für Justin, wie interpretieren Sie das?

RF: Mein Vater war ein fantastischer Gärtner, was ich von mir leider überhaupt nicht behaupten kann. (er lacht) Es kann vieles heissen. Es kann zum Beispiel für die Liebe zur Natur stehen, man sieht wie alles wächst und sich verändert, eine Leidenschaft für's Leben. Es bedeutet auch, dass man am Zyklus des Lebens teilnimmt, man bekommt einen Einblick in's Leben. Ausserdem sind Gärtner häufig ziemlich weise Leute. Sie sind beständig, geduldig und ruhig, genau diese Qualitäten braucht Justin um herauszufinden warum Tessa gestorben ist.

ON: Sehen Sie sich selbst gerne in einem Film?

RF: Es ist komisch, eigentlich ähnlich wie mit dem Spiegel: manchmal mag man was man sieht und manchmal überhaupt nicht. Normalerweise ist es ein gutes Zeichen für den Film, wenn ich mich selbst gerne spielen sehe und bei diesem Film ist es der Fall. Aber irgendwie ist das ein Grund Theater zu spielen, dort hat man dieses Problem nicht. (er lacht) Man fühlt sich viel freier, wenn man weiss, dass keine Kamera auf einen gerichtet ist. Dies ist etwas vom schwersten für mich, wenn ich einen Film drehe, so zu tun, als existierte die Kamera nicht.

ON: Wenn Sie gerade in London am filmen gewesen wären, als die Bomben im Juli hochgingen, hätten Sie dann weitergemacht?

RF: Nun ja, ich filmte damals in Toronto, als die Flugzeuge in das World Trade Center krachten, und ich hatte das Gefühl, dass wir weitermachen sollten, weil aufhören sowieso nichts geändert hätte. Es war eine Attacke auf unsere Lebensweise und Film ist eine Art von Meinungsfreiheit. Natürlich hatte es Leute, die nach Hause wollten, doch ich wollte weiterarbeiten. Mit ihrer Attacke wollten die Terroristen alles zum Stillstand bringen, doch ich denke, dass man das nicht zulassen sollte. Ich glaube schon, dass wir in London weitergefilmt hätten.

ON: Sie haben überall auf der Welt gedreht, was haben Sie alles mitgenommen davon?

© Studio / Produzent

RF: Wenn man reist, sieht man allerlei neue Sachen, und ich glaube eine Person öffnet sich in der Fremde. Man muss sich schliesslich irgendwie zurechtfinden und verständigen können und wenn man die Sprache nicht kann, muss man das halt mit Gesten machen. (er lacht) Ich meine, es ist fantastisch, in Afrika zum Beispiel haben wir mit vielen Kenianern gearbeitet und trotz ihrer Armut legten sie eine grosse Liebe zum Leben und einen Sinn zum Feiern an den Tag, was mir am meisten Eindruck gemacht hat. Und was mich überrascht hat, war der Wille zu teilen, obwohl sie fast nichts besassen.

ON: The Constant Gardener ist nicht nur eine Liebesgeschichte sondern auch ein politischer Thriller. Fernando Meireilles ist jemand, der häufig politische Themen aufgreift, so zum Beispiel in Cidade de Deus. Sind Sie auch ein politischer Mensch?

RF: Ja, das bin ich. Ich denke, dass Firmen, die zuviel Macht erlangen, eine Gefahr sein können. Im Falle des Films handelt es sich um einen Pharmakonzern. Meiner Meinung nach sind die grossen Unternehmen nicht transparent und kontrolliert genug, egal ob es sich jetzt um Medien-, Öl- oder sonstige Firmen handelt. Jegliche Chance Firmenpolitik durchsichtiger zu machen, sollte genutzt werden.

ON: Erwarten Sie irgendwelche Reaktionen auf den Film von Seiten der Pharmaindustrie?

© Studio / Produzent

RF: Ich vermute, die werden etwas in der Art von "in Wirklichkeit ist es aber nicht so" sagen, oder sich mit Artikeln verteidigen, die besagen, dass es absurd ist, dass irgendeine Firma so etwas machen würde. Aber man darf nicht vergessen, dass das Buch auf einer wahren Begebenheit beruht. Sogar in meinem Land war eine Pille auf dem Markt, die dann aber negative Nebenwirkungen hatte und vom Markt genommen werden musste.

ON: Es gibt im Film eine Szene, in der eine Horde bewaffneter Reiter ein Dorf im Sudan überfällt, ohne dass irgendwer eingreift. Wie stehen Sie zu militärischen Interventionen, wie z.B. im Irak, aber auch in Ruanda, wo dringend eine nötig gewesen wäre, die Bevölkerung aber im Stich gelassen wurde.

RF: Als Idealist hätte ich natürlich gerne, dass die UNO funktionierte. Das Ideal der vereinten Nationen, als friedenserhaltende Kraft, wäre dasjenige, das ich unterstützen würde, aber anscheinend klappt es nie so wirklich. Die Invasion im Irak geschah zum Beispiel ohne Einwilligung der UNO, die USA liess sich an ihrem Alleingang nicht hindern. Ich denke, dass jeder einzelne Fall und jedes einzelne Argument für eine Intervention für sich genau abgewägt werden muss. Darum möchte ich hier nicht einfach ein allgemeingültiges Statement zu diesem Thema abgeben.

ON: Könnten Sie sich vorstellen in der kenianischen High Commission zu arbeiten?

© Studio / Produzent

RF: Ich wäre wohl nicht sehr gut. (er lacht)

ON: Warum nicht?

RF: Ich bringe einfach nicht die richtigen Qualitäten mit für diesen Job. Man muss äusserst intelligent sein, ich meine nur die Crème de la Crème der Universitäten, die klugsten Köpfe schaffen es in den diplomatischen Dienst. Ich weiss nicht, ob ich das geschafft hätte.

ON: Haben Sie irgendwann einmal für eine berühmte Persönlichkeit geschwärmt?

RF: (er lacht) Das war Audrey Hepurn in My Fair Lady. Als ich sie sah, war ich zwölf und sie hatte diese Aura, die Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit, aber sie war auch wunderschön. Nachdem ich den Film in meiner Stadt gesehen hatte, dachte ich, "ach, würde sie mich doch bloss kennen!".

ON: Besten Dank.

Teilen
Auf Facebook teilen  Auf Twitter teilen 
Datum
Autor
Quelle
OutNow.CH
Thema