Das Venedig-Tagebuch 2005

Ein Blick hinter die Kulissen des ältesten Filmfestivals der Welt: Die persönlichen Erlebnisse unserer beiden Korrespondenten Mazemaster und Andri in Venedig. Live und unzensiert.

Sonntag, 4. September - Lost in Venezia

Live aus Venedig, 3:00 Uhr morgens, Korrespondenten Mazemaster und Andri berichten: Doch noch geschafft! Fünf Tage nach dem offiziellen Beginn der 62. Biennale di Venezia hat auch OutNow.CH endlich am Lido angelegt - gewapnet für eine geballte Ladung Starpower, hitzige Pressescreenings und dreitausend drängelnde Journalisten.

Venedig, bereits zweimal quer durchwandert, ist zwar eng und rappelvoll, trotzdem sind die ersten Eindrücke durchwegs positiv. Ging es am ersten Abend vor allem ums Staunen und darum, sich nicht in schummrigen Gässchen zu verirren, erhoffen wir uns vom morgigen Tag aber einiges mehr. In vier Stunden fährt das Boot zum Lido, dann heisst es Pressebadge schnappen, Kinostuhl aufklappen und kräftig los zappen: Das Angebot ist riesig. Doch jetzt ist erstmal Zeit die Augen schliessen und zu träumen. Morgen heisst es dann Film ab!

Montag, 5. September - Venedig, - jetzt erst recht?

"Ah, Venedig!" Welch zauberhafte Stadt! Voller exotischer Düfte - toter Fisch, gebratene Krabben, Urin, abgestandenes Wasser - ein wahres Erlebnis. Ausserdem die abenteuerliche Dusche in unserem glamourösen Hotelzimmer. Ein echtes Highlight! Dreht man den Hahn voll auf, spritzen grad mal fünf Strahlen auf die haarige Brust. Und noch schlimmer, egal ob nach rechts oder links gedreht, immer ist das elende Chlorwasser kochendheiss. Doch was solls? Ein wahrer Journalist kennt keinen Schmerz, trotz verbrühter Haut und gegartem Kopf ist's nämlich Zeit, uns endlich auf den Weg zu machen, das Boot zu erwischen und einen ersten Film zu sehen!

Der Auftakt war gleich mal eine Portion Hollywood. Für Elizabethtown musste man elend lange anstehen, die Schlange zog sich die ganze Strasse entlang und setzte sich an der nächsten Ecke noch etliche Meter fort. Der Film fing infolgedessen auch eine halbe Stunde verspätet an. Zur gleichen Zeit konnte OutNow.CH einen kleinen Schwatz, unter anderem mit Terry Gilliam und Monica Bellucci von Brothers Grimm halten. Nach einer kleinen Erhohlrunde am Meer ging es dann mit Everything is Illuminated, Elijah Woods neuestem Streich, weiter.

Auf dem Rückweg ins Hotel dann der Schock: Andri findet sein Handy nicht mehr! Hilfsbereit ruft ihn Mazemaster an, doch statt dass irgendwo etwas vibriert, meldet sich eine junge Italienerin und fragt, was es denn gibt. Verdammt, also wurde es doch tatsächlich geklaut. Die junge Dame behauptet aber steif und fest, sie sei Sardin und ganz sicher nicht in Venedig. Das Rätsel löst sich, als Andri sein Natel plötzlich in seiner Jackentasche findet. Da bleibt uns nur zu sagen "Scusi Signorina, für die falschen Anschuldigungen" und zu merken, dass man das nächste Mal auch die Vorwahl eingeben sollte.

Dienstag, 6. September - Much ado about nothing?

Mazemaster und ich fühlen uns bereits wie daheim und könnten - zumindest wenn's nach mir ginge - ewig auf Festivals rumhängen. Krabbensandwichs verspeisen, interessante Schwätzchen haben und stets das Neueste aus Hollywood geniessen: Was will man mehr?

Bloss das vollkommen überhitze Pressecenter nervt: Wo man hinsieht unrasierte und gestresste Journalisten, dann die nicht existente Klimaanlage und der unbequeme Parkettboden. Und dabei könnt ich jetzt mit Mazemaster O Fatalista geniessen. "Welch grausam Schicksal! Doch will ja meinen Chefredakteur nicht enttäuschen.

Heute standen Maddens neuer Streich Proof und der fantastische Corpse Bride an. Wahrhaftig grosses Kino. Ausserdem Texas, ein Film auf Italienisch, angesiedelt in Mexiko und trotzdem voller Schnee. Irgendwie komisch und - zumindest in Anbetracht der Prioriäten - im Moment noch keine müde Zeile wert.

Schliesslich noch ein Wort zur Sicherheit am Lido. Seit dem 11. September sei ja alles so schrecklich gefährlich geworden, hört man auch hier an allen Ecken sagen und auf der anderen Seite regen sich alle über die ach so harten Massnahmen auf. Auch Abel Ferrara, Regisseur von Mary, liess an der Pressekonferenz zwischen ca. dreissig "You know"s verlauten, er wäre nach Ground Zero in eine tiefe Depression gestürzt und hätte Mühe gehabt, weiterhin Filme zu drehen. Doch lasst mich eines sagen: Die Sicherheitsvorkehrungen hier sind durchaus moderat. Die Polizisten - und alle anderen übrigens auch - sind immer freundlich und zuvorkommend, man darf die gleichen Klos benutzen wie die Stars und könnte ausserdem locker eine Bombe reintragen. Was will man mehr?

Mittwoch, 7. September - Der längste Tag

Wie das nervt! Jeden Tag schunkeln wir mit einer kleinen, völlig überfüllten Barke an den Lido, vierzig Minuten lang. Und immer wenn die beiden Korrespondenten wieder dem wohlverdienten Schlaf der Gerechten verfallen, manövriert Captain Blaubart seinen Kreuzer dermassen unglücklich an die nächste Anlegestelle, dass es kräftig rumpelt. Dreimal hab ich mir heute wegen dem verdammten Scheppern den Kopf gestossen! Wenn ich den in die Finger krieg, diesen elenden Seebär! Daher musste der Kinosaal für meine Träumereien herhalten. Eigentlich hätte ich echt gerne bis zum Schluss des durchzogenen Romance & Cigarettes gewartet, doch die Müdigkeit hat mich übermannt. Mitten in Christopher Walkens fröhlichem Singsang; einfach weggetreten. Dasselbe beim russischen Schnarcher Garpastum. Nachdem auch nach eineinhalb Stunden noch immer nicht mehr als ein Mal pro fünf Minuten geschnitten wurde, hat mein, von der Popkultur über Jahre hinweg gebeutelter Geist schlichtweg ausgesetzt. Doch, egal: Reviews gibt's trotzdem, einer muss es ja machen.

Mazemaster schaute sich währenddessen Vers le Sud an, ein Plädoyer für interkulturellen Zärtlichkeitsaustausch. Morgen folgen Interviews dazu, weshalb die Ideenmaschine bereits auf Hochtouren läuft. Ständig ist sie auf der Suche nach den ultimativen Fragen. Das Highlight schliesslich war Constant Gardener, der neue Film von Fernando Meirelles, Regisseur von Cidade de Deus. Geniale Bildsprache, wunderbar verbunden mit einer harten und äusserst politischen Story. Bisher der klare Favorit - auch wenn die Konkurenz nicht ohne ist.

Zu guter Letzt ausspannen am Beach. Möwen füttern, Bikinimode studieren und braun werden. Und Chips essen, die Sturmtruppen heissen. Sturmtruppen! So richtig in Nazischrift und einem grinsenden Männlein in Militärmontur. Die spinnen, die Italiener.

Donnerstag, 8. September - Der Grosse Diktator

Ein Unglück kommt selten allein: Gestern noch harmlose Chips, heute bereits vom Nazivirus befallenes Bier, Führerbier. Doch wie sagt man doch so gerne: Andere Länder, andere Sitten. Wir leben ja schliesslich in einem Zeitalter der Toleranz. Wenn auf OutNow.CH in Zukunft jedenfalls vermehrt Hakenkreuze auftauchen, dann gebt nicht uns die Schuld. Der Propaganda hier in Venedig kann man einfach nicht entrinnen. Prost!

Getreu ihren grossen "Vorbildern" haben auch unsere beiden Festival-Generäle heute dann alles falsch gemacht. Während sie am Morgen in Blitzkriegmanier noch locker Ralph Fiennes und Manga-Altmeister Myazaki mit ihren Fragen durchlöchert haben, scheiterten sie am russischen Winter Charlotte Rampling kläglich. Ohne grosses Interesse schlug diese mit brutaler Kälte zurück. Und dann die Reichsrüstungsindustrie: Auf der ganzen Linie versagt und Tonbandaufnahme gleich null. Wir kapitulieren und retten was es noch zu retten gibt. An der Westfront kämpfte unser Ipod und sein Mikro tapfer um die Gunst von Rachel Weisz. Doch kam hier der Energienachschub zu spät und die Niederlage war unvermeidbar. Welche Schande für unsere Rasse.

Freitag, 9. September - Insomnia

Von der Führerkrankheit dank erholsamem Schlaf kuriert, machte sich das Venezia-Duo daran, den letzten richtigen Festivaltag in Angriff zu nehmen. Und dies bedeutete fürs erste, dass man sich aufteilen musste. Während Andri eine ganze Kurzfilm-Serie genoss, bekam Mazemaster mit La bestia nel cuore immerhin noch einen der prämierten Filme zu Gesicht. Am späteren Nachmittag sollte dann das Highlight folgen: die Verleihung des Ehrenlöwen für das Lebenswerk von Hayao Miyazaki, gefolgt von einer Aufführung von Nausicaa of the Valley of the Wind. Doch wie schon bei Mary, wurde unseren Berichterstattern der Eintritt verwehrt, so dass sie in der ganzen Festivalwoche die Sala Grande kein einziges Mal von innen zu sehen bekamen. Danke, liebes Publikum, dass ihr so zahlreich auftaucht und uns armen Journalisten den Platz wegnehmt. Aber, pah, in diesen elend sündigen Kommerztempel hätten wir uns sowieso nur widerwillig hineinbegeben. Nun sind wir also, etwas unfreiwillig, rein geblieben und begnügten uns mit dem Alternativprogramm Yolda. Ein kleines türkisches Schmuckstück um das Venedigabenteuer würdig abzuschliessen. Denkste, der Film war mit Abstand das schlechteste und langweiligste, was wir gesehen haben. Manch einer verliess das Kino, was für uns natürlich nicht in Frage kam, durchhalten hiess die Devise. Die Versuche zu schlafen, scheiterten aber leider an den unbequemen Stühlen. Immerhin liess der Film all die anderen, schon gesehenen, in neuem Licht erstrahlen.

Der spätere Abend wurde dann zum ersten Mal für eine kleine Bartour ganz dem privaten Vergnügen geopfert, man konnte am Samstag ja ausschlafen.

Samstag, 10. September - The Empire Strikes Back

Schön war's an der Biennale. Aber genug ist genug. Ausgelaugt und erschöpft, und dennoch zufrieden betreten wir den Zug nach Zürich und lassen Venedig hinter uns. Zeit also, Bilanz zu ziehen.

Wie alles an der Biennale hinterlässt auch der ganze Event an sich ein widersprüchliches Bild. Die ewige Warterei, das Bootsfahren, die kaputte Dusche und all die grottenschlechten Filme etwa hätten wahrlich nicht sein müssen. Doch wurden wir belohnt mit allerlei Perlen, Begegnungen und einer nicht mehr auslöschbaren Erinnerung. Eindrücklich vor allem, man darf es fast nicht sagen, wie unglaublich gross die Schere zwischen Hollywood und dem ganzen Rest war. Während uns die amerikanische Filmindustrie einen Knaller nach dem anderen gezeigt hat, so wusste zumindest mich kein einziger der sonstigen Filme wirklich zu überzeugen. Anders als etwa in Locarno, wo sich Juwelen aus aller Welt entdecken lassen, schien sich Venedig absolut auf die Filme aus Mainstream-Produktionen zu konzentrieren. Der Rest war Füllmaterial: Filme wie Yolda oder Texas, aber auch die Werke aus dem Corto Cortissimo blieben Kilometer hinter ihren Vorbildern zurück. Und auch die Verteilung der Preise spricht für den Fakt, dass Hollywood erneut auf dem Vormarsch ist: Nur ein Film ohne amerikanischen Einfluss bekam eine der begehrten Auszeichnungen.

Dennoch war die Biennale äusserst international: Interviews mit Japanern, Franzosen und Brasilianern, aber auch neue Adressen von Journalisten aus Russland, China und Polen sprechen für sich. Das Klima unter den Kollegen aus aller Herren Ländern war äusserst angenehm: Kein Gedränge und Geschubse, über all wo man hin schaut freundliche Gesichter und Hilfe von allen Seiten für uns junge Korrespondenten. Alles in allem war die Biennale also ein echtes Highlight und wir können es kaum erwarten, an den Lido zurück zu kehren. Auf ein weiteres.

Noch ist nicht aller Tage Abend - bald kommt mehr!

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OutNow.CH