Snow White: Das Interview mit Samir

OutNow.CH traf auf einen müden Samir in der Hotellobby in Muralto. Müde von der Party am Abend vorher, aber auch der dummen Journalistenfragen überdrüssig, die ihm in den letzten Tagen am Filmfestival von Locarno gestellt wurden. Wie immer halbbatzig rasiert, bezeichnete er uns als Halbwahnsinnige, als er hörte, dass unsere kleine aber feine Website komplett in der Freizeit entsteht. Der irakstämmige Regisseur wurde dann beim Frühstück aber immer wacher, nicht zuletzt weil ihm "endlich mal gute Fragen" gestellt wurden. Am Ende des Interviews wollte uns "der Erzähler", seinen Nachnamen "Jamal Aldin" braucht er seit Beginn der 90er Jahre nicht mehr, sogar bei den anderen Journalisten vorbeischicken, "damit die was lernen können." Das folgende Interview sollte deshalb ziemlich gut sein...


OutNow.CH (ON): Snow White läuft im internationalen Wettbewerb hier in Locarno. Was hat ein Russe oder ein Japaner von dem Film?

Samir (SA): Ich lebe in Zürich. Ich bewege mich in der Schweiz und die Schweiz ist mitten in Europa. Ich probiere, mich radebrechend mit meinem Kauderwelsch zu verständigen. Wenn du so willst, ist meine Lebensart eigentlich vollständig im Film drin. Deshalb ist es für mich so schwierig zu sagen, es sei ein Schweizer Film. Ich bin tief verwurzelt in diesem Land, aber ich bin auch ein Kosmopolit. Das ist auch, was die Schweiz stark gemacht hat im letzten Jahrhundert. Die Schweizer sind ja im Gegensatz zu ihrem Eigenbild auch immer Leute gewesen, die sich sehr stark nach aussen orientiert haben. Nur so hat es internationale Verbindungen, Industrie und ein Bankenwesen gegeben. Deshalb ist mein Film spezifisch schweizerisch, weil er international ist.

ON: Du wolltest also eine Schweiz zeigen, wie sie sein könnte oder wie sie ist?

SA: Nein. Ich wollte keinen Film für die Japaner oder die Amerikaner, Norweger oder die Saudis machen. Ich wollte aber, dass jeder mehr über unser Land erfährt und gleichzeitig sich darin wieder erkennt. Die Probleme, die wir im Film ansprechen, sind universell.

ON: Ich frage deshalb, weil jemand, der Zürich kennt, im Film Bezüge machen kann zum Kaufleuten, zur Kehrichtverbrennungsanlage usw. Ein Japaner kann das nicht.

SA: Aber solche namenslose Betonanlagen, die auch eine moderne industrielle Poesie in sich haben, gibt es überall. Deshalb ist es egal, ob irgendein Zuschauer aus Tokyo diese erkennt oder nicht. Er muss einfach sagen, so ist es auch bei uns. Diese Kids, die sich die Nase pudern haben wir auch. Weil das Thema universell ist, können sich auch Leute aus dem Ausland darin wieder erkennen. Für die Local Heroes ist es natürlich auch lässig, weil du selber noch nie auf die Kehrichtverbrennungsanlage geklettert bist.

ON: Ist dein Bild von Zürich ein geschöntes oder gäbe es noch schlimmere Schicksale?

SA: Die Figuren in meinem Film sind überhöht. Alles schlechte, das ihnen widerfährt, ist etwas schlechter dargestellt. Es geht alles ein bisschen schneller. Aber auch das Schöne ist geschönt. Aber so verstehe ich das Wesen des Films. Vor allem wenn man ihm den Namen eines Märchens gibt. Die Geschichten dahinter sind aber alle wahr, weil ich die selber gekannt habe. Zum Teil sind die viel schlimmer herausgekommen als im Film.

ON: Im Film gibt es viele Kontraste. Arm - Reich. Links - Rechts. Goldküste - Schwamendingen. Rebellieren - Brav sein. Wolltest du das nur aufzeigen, oder auch dagegen rebellieren?

SA: Ich will schon, dass es weiterhin Rebellion gibt.

ON: Einmal sagt der Boris im Film: "Rebelliert nur, macht einfach nichts kaputt!" Ist es schwieriger geworden zu rebellieren?

SA: Man nehme Shantytown als Beispiel. Alle waren anständig, alles gut gegangen. Besten Dank. Bis zum nächsten Mal.

ON: Das nervt dich doch?

SA: Das ist natürlich keine richtige Auseinandersetzung. Weil man immer alles verniedlicht, explodiert es heutzutage zünftig, wenn mal etwas explodiert. Das hat man in London gesehen. Das ist ein grundlegendes Problem. Die politischen Mechanismen sind in der westlichen Gesellschaft schon so ausgefeilt, dass wenn richtige Probleme entstehen, diese gar nicht mehr richtig formuliert werden können. Man setzt sich deshalb nicht mehr richtig damit auseinander, weil alles auf Konsens hinläuft. Konsens bedeutet, dass Probleme klein gehalten werden, bis sie nicht mehr kontrollierbar sind. Das ist etwas Gefährliches. Andererseits werde ich auch älter und denke mir, das ist der Lauf der Geschichte.

ON: Im Film zeigst du viele Formen von Familien. Was macht für dich die perfekte Familie aus? Müssen da Vater und Mutter dabei sein?

SA: Nein. Das hast du gut gesagt. Eigentlich habe ich einen grossen Skeptizismus gegen die Familie, auch wenn ich jetzt selber eine habe. Ich glaube, es müssen mehr Formen möglich sein. Die Gesellschaft lässt rigiderweise einfach nur eine zu. Das fängt an, wie die Wohnungen konzipiert sind, und endet bei der Erziehung der Leute. Das ist etwas Eigenartiges. Die Realität spricht mit 40% Scheidungen ein anderes Bild. Alle reden von Patchworkfamilien, wir haben aber noch keinen Umgang damit gefunden auf allen Ebenen: gesellschaftlich, politisch, architektonisch. Der Nukleus den die beiden Hauptdarsteller am Schluss im Schnee bilden, ist deshalb eher ein Symbolbild. Sie sind noch keine Familie, alles ist noch offen und möglich. Die Szenen mit Pacos Familie wurde wegen Geldmangel zuerst nicht gedreht. Als ich den Film fertig geschnitten habe, merkte ich, dass diese fehlten. Ich rief Carlos Leal an und wir drehten sie an einem Tag. Die neue High-Defintion Kamera gekauft, gleich ausprobiert und die Family-Szenen gedreht.

ON: Damit sind wir schon bei den technischen Aspekten des Films. Snow White blendet Datumsangaben ein. Bei Hitchcocks Psycho werden diese eingesetzt, um den Zuschauer einen realen Fall vorzugaukeln. Bei dir auch?

SA: Ich stehe einfach total auf Typographie. Aber es hat noch eine andere Funktion. Paco ist so was wie der Erzähler im Film. Ich fand es deshalb noch schön, wenn der Film ein bisschen wie Tagebucheinträge daher kommt. Ich bin mir der manipulativen Kraft des Films bewusst. Gleichzeitig will ich auch dem Zuschauer in die Augen gucken können. Ich war in den 70er Jahren tief beeindruckt von Alain Tanners Le milieu du monde. Der Film beginnt im Jura auf einer Strasse. Eine Schauspielerin läuft. Ein Auto mit Scheinwerfer. Und dahinter eine riesige Filmcrew mit Kamera und Scheinwerfer. So beginnt die Geschichte um eine Serviertochter und einen Politiker, die sich dort kennen und lieben lernen. Eigentlich wirst du am Anfang gewarnt, dass es sich nur um einen Film handelt. Alles ist erstunken und erlogen. Ich bin aber selber drauf reingefallen, als ich wieder aus dem Kino kam. Das hat mir Eindruck gemacht. Seither versuche ich immer eine kleine Brechung in meine Filme zu bringen: "Hey, it's just a movie!" Da steht ein Puppetmaster dahinter, der probiert zu manipulieren. Damit ich den Leuten eben auch noch in die Augen gucken kann, sage ich ihnen, auch wenn alles toll aussieht, ich mache euch nicht Pearl Harbor, sondern eine Story um uns herum, die mit uns zu tun hat. Dazu gehören auch diese Schrifteinblendungen. Wenn du irritierst bist, you're welcome.

ON: Ein anderes Element ist Paco, der in die Kamera spricht am Anfang. Das wird im weiteren Verlauf des Film wieder ein bisschen fallen gelassen.

SA: Das ist derselbe Effekt. Das kennt man eigentlich nur aus Dokumentarfilmen.

ON: Drehbuchautor Michael Sauter sagte, so was sei einfach redundant, in einem Unterhaltungsfilm mache man so was nicht. Ich finde, dass ist der billigste Trick, den es gibt, wenn der Darsteller alles erzählt, was man auch mit anderen, mehr filmischen Mitteln darstellen könnte.

SA: Ich habe schon probiert, Sachen zu erzählen, die man nicht sieht. Früher war ich ein Purist, der das auch gehasst hätte. Heute habe ich auch die Schönheit der Sprache entdeckt. Ich merkte, Sprache ist Musik. Vor allem wie Carlos das macht. Wir haben das adhoc ausprobiert. Ich sagte in Paris, komm sag was zu dieser Szene. Seine lakonische Art hat einfach gut getönt. Auch mit Julie alias Fabienne Hadorn wusste ich nicht, ob ich sie noch aus dem Off reden lassen sollte. Fabienne hat das so super gemacht. Ich teste das immer aus und gucke wie's funktioniert. Ausser bei den Schriften, da habe ich mich mir nicht dreinreden lassen.

ON: Dass der Film manipulieren kann, haben auch die Sponsoren gemerkt, und integrierten ihre Produkte in Snow White. Die Diskussion über Schleichwerbung in der ARD und anderswo ist momentan im Gange. In der SonntagsZeitung bist zu zitiert worden, dass es in der Zürcher Filmfamilie ein schwarzes Schaf geben soll.

SA: Da bin ich falsch zitiert worden. Ich sagte, wenn das Schweizer Fernsehen mit einen Brief alle Produktionsfirmen bittet, ihre Product Placements offen zu legen, bedeutet das, dass es schwarze Schafe geben muss. Ich habe sogar im Plural gesprochen, aber der Journalist machte daraus EIN schwarzes Schaf.

ON: Du wolltest also niemanden anschwärzen?

SA: Nein. Meine Produktionsfirma Dschoint Ventschr ist, was die Fernsehfilme betrifft, immer superkorrekt. Wir haben immer totale Transparenz.

ON: Hier in Locarno hört man öfters, dass Snow White auch ein Film für die Jungen sein soll. Da OutNow.CH viele junge Leser hat, kannst du ihnen zum Schluss allen sagen, warum sie sich Snow White anschauen sollten.

SA: Snow White sollen sich vor allem junge Frauen angucken, weil Melodramen Frauenfilme sind. (Er lacht)

ON: Muss denn der Film Erfolg haben?

SA: Es wäre schade um das investierte Geld und die investierte Lebenszeit, wenn er niemandem gefallen würde. Ob er den Jungen gefallen wird, weiss ich nicht. Ich fühle mich einfach noch jung, und habe deshalb das Gefühl, er wird ihnen passen. Wir haben Testscreenings gemacht und ich habe mich mit vielen Leuten ausgetauscht. Es gibt wohl zwei Segmente, für die der Film möglich ist. Das gehobene Mittelstandspublikum, das in die Arthousefilme geht. Wenn sie gescheit genug sind, sehen die dann auch, dass es nicht nur um zwei Junge geht, die sich verlieben. Das andere sind Eltern von Kindern im Teenie-Alter. Denen fährt das richtig ein und sie finden die Schicksale krass. Ich hoffe, es funktioniert.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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