Snow White: Das Interview mit Carlos Leal

Carlos Leal sprach mit OutNow.CH mit einem Gemisch aus Franz und Englisch. Franz vor allem dann, wenn er sicher verstanden werden wollte. Ein herzliches deutsches "Scheisse", durfte es aber ruhig auch mal sein. Der seit fünf Jahren in Paris lebende, ehemalige Frontmann der Schweizer Band Sens Unik war nicht zu stoppen, wenn wer mal anfing. Auch nach dem Interview wurde noch länger über den Film und die Party danach diskutiert. Nach dem offiziell allerletzten Konzert von Sens Unik wenige Wochen vor dem Festival in Locarno konzentriert Carlos sich nun voll auf seine Schauspielkarriere. Er war auch in einem Kurzfilm im Wettbewerb vertreten und hat uns eine DVD mit seinen Werken überlassen. Bei grosser Nachfrage (info@OutNow.CH) werden wir diese vielleicht schon bald einmal online stellen. Erst gibt's aber mal was zu lesen.

OutNow.CH (ON): Carlos Leal, du hast hier in Locarno mehrmals betont, dass du es nicht magst, wenn Snow White als "Schweizer Film" bezeichnet wird. Was hat also ein Nicht-Schweizer von Snow White? Der Film läuft schliesslich hier im internationalen Wettbewerb.

Carlos Leal (CL): Es ist nicht mein Film. Samir könnte diese Frage wohl besser beantworten. Für mich hat es in diesem Film zwei Universen. Das von Paco und das von Nico. Paco ist davon überzeugt, den richtigen Blick auf die Welt zu haben - den moralischen, den gerechten. Nico glaubt das ebenso. Keiner der beiden hat aber Recht. Man sagt, Paco will Nico retten. Ich denke aber, dass auch Nico Paco gerettet hat, weil sie im schlagartig gezeigt hat, dass mit der Liebe und den Menschen nicht zu spassen ist. Nico liebt Paco, und sie beweist es ihm auch. Paco ist aber sehr egoistisch, denkt nur an seine Zukunft und seine Projekte. Er hat die Tendenz, vor grundlegenden Werten Angst zu haben. Erst als er seinen Vater im Spital sieht, merkt er, dass es nicht so weiter gehen kann. Die grundlegenden Werte sind wichtiger als irgendeinen Traum zu leben. Deshalb kommt er auch zurück am Schluss. Es ist deshalb nicht so, dass er Nico retten kommt, sondern dass sie sich zusammen gerettet haben. Das ist die Hauptaussage des Films, die auch international verstanden wird. Die Schweizer Message des Films ist die des Ausbruchs aus der Schweizer Gesellschaft. In der Schweiz gibt es eine reiche Bourgeoisie und viel ärmere Milieus, die zusammen nicht besonders gut funktionieren. Ich lebe in Frankreich. Die Leute haben dort keine Ahnung, was die Schweiz ist. Ich schwöre dir, die denken die Schweiz besteht aus Bergen, Seen, Banken und Schoggi.

ON: Ein Russe sagte mir nach dem Film, er habe eine kranke Gesellschaft gesehen. Ist es das, was der Film zeigen wollte?

CL: Alle Gesellschaften sind krank. Weshalb darf die Schweizer Gesellschaft nicht auch krank sein. Samir mag die Klischees. Er will aber auch die andere Seite zeigen. Wir wissen alle, dass man in Lausanne oder Zürich in wenigen Minuten an Kokain herankommt zum Preis von 20 Fr. das Gramm. In Paris gibt es das nicht. Unmöglich!

ON: Der Russe, der die Gesellschaft als krank bezeichnete, meinte vor allem die Darstellung der Familie. In Russland ist die Familie der letzte Hort, zu dem man auch noch zurückkehren kann, wenn es einem noch so schlecht geht. Wahrscheinlich ist es in Spanien dasselbe. Was bedeutet für dich eine perfekte Familie?

CL: Die perfekte Familie existiert nicht. Als ich Kind war, hatte ich Schweizer Klassenkameraden. Deren Väter hatten dicke Autos und Villen. Ich dachte mir, wow, das ist eine Familie. Die haben Glück. Der Vater ist nicht streng sondern cool. Die konnten machen, was sie wollten. Diese Kameraden musste ich alle beerdigen. Einer ist mit 19 an einer Überdosis gestorben. Viele andere sind auch gefallen. Ein anderer Schulkollege von mir hatte einen Vater, der immer fuchsteufelswild wurde, wenn sein Sohn mit uns spielte. Er holte ihn immer nach Hause und verbat ihm, mit diesem Pack - und damit meinte er uns - zu spielen. Auch er ist mit 22 den Drogentod gestorben. So war mein Leben. So war meine Jugend. Die perfekte Familie existiert nicht. Meine Eltern haben ihr ganzes Leben gearbeitet. Sie waren nicht immer cool. Aber wenn sie heute mit 36 Jahren sehe, respektiere ich sie. Sie haben gemacht, was sie konnten. Sie gaben mir all ihre Liebe. Wenn man Kinder bekommt, weiss man nicht, was einen erwartet. Kinder erziehen ist nicht einfach. Nico ist ein typisches Beispiel. Eine Tochter eines erfolgreichen Mannes, der reich, intelligent, kultiviert und schön ist. Er kommt mit seiner Ehefrau aber nicht klar. Auch die Mutter von Nico ist sehr sensibel, auch wenn sie bescheuert ist. Sie liebt ihren Mann immer noch und hat das Haus gleich nebenan gekauft. Trotzdem ist das Ende unglaublich. Zwei Menschen können sich nicht zusammenrappeln, um das Überleben von Nico zu sichern.

ON: Der Film zeigt viele Kontraste zwischen arm und reich, heile Welt und Drogenhölle. Ist es eine simple Beschreibung oder auch eine Rebellion dagegen?

CL: Aus meiner Sicht beschreibt Samir lieber. Er sagt, voilà, so sehe ich das. Samir demonstriert das Zürcher Nachtleben. Er zeigt nicht nur die schlechten Seiten. Die Leute amüsieren sich. Sie sind wunderschön, cool, frisch und jung. Einem 14-Jährigen werden die Schüsse abgehen, wenn er den Film anschaut. Dann fängt einen aber die Realität ein. Wer zu lange mit dem Laster spielt, fällt auf die Nase. Samir hat keine Lust, zu sagen, was gut und was schlecht ist. Samir beschreibt einfach, was in Zürich passiert. Die Geschichte könnte sich auch vor einem anderen Hintergrund abspielen, in Madrid oder Paris.

ON: Wird Snow White eine Chance haben an den Kinokassen in der Romandie?

CL: Ich weiss es nicht. Sicher ist, die Welschen mögen etwas, das aus der Deutschschweiz kommt nicht. Ich schäme mich dafür. Ich habe 15 Jahre mit Sens Unik in der ganzen Schweiz Musik gemacht. Ich kenne die Schweiz als ganzes. Ich schäme mich dafür, dass die Romandie sich nicht für die Deutschschweiz interessiert. Die Romands interessieren sich allgemein für wenig.

ON: Die Ignoranz geht aber in beide Richtungen. Filme wie Garçon Stupide und Absolut laufen trotz Grosserfolg in Genf mit wenig Erfolg in der Deutschschweiz.

CL: Ich kann mir das nicht erklären. Es ist in der Musik dasselbe. Sens Unik sind die einzigen, die den Röschtigraben sprengen konnten. Nur wenige Gruppen reüssieren heute in allen drei Landesteilen. Alle drei werden kulturell von ihren Nachbarländen bestimmt. Das führt auch zu einer kommerziellen Unterteilung. Absolut ist ein guter Film. Der sollte auch in der Deutschschweiz funktionieren. Genauso wie Achtung fertig Charlie in der welschen Schweiz funktionieren sollte. Ich finde es traurig.

ON: Und nun zu den Pop-Up-Fragen.

CL: Vas-y!

ON: Kokain

CL: Billig

ON: Schneewittchen

CL: Billig

ON: Schwamendingen

CL: Renens

ON: Kaufleuten

CL: (langes Schweigen) Bin ich schon zu lange nicht mehr dort gewesen.

ON: Rebell

CL: Ein Paranoider

ON: OutNow.CH

CL: Gute Fragensteller

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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