Finding Neverland: Das Interview mit Marc Forster

Mit OutNow.CH sprach Marc Forster über die Integrität in Hollywood, die Mortalität des Menschen und seine Chancen im Hinblick auf die Oscars.

Der Tag, an dem OutNow.CH sich mit Marc Forster sich im neueröffneten Park Hyatt in Zürich traf, war lang für den Schweizer Regisseur. Man sah anhand der Müdigkeit in seinem Gesicht und der Leere auf dem Büffet, dass wir die letzten Pressevertreter waren an fraglichem Winterabend. Das Lächeln auf seinem Gesicht, als wir den Raum betraten, war aber aufrichtig. Forster ist ein sehr ruhiger Mensch, ein subtiler Geist in einem zärtlich-feinen Körper. Fast ein bisschen wie seine Filme, die auch nicht den Krach der Hollywood Standardware darstellen. Trotz seiner schmächtigen physischen Präsenz ist seine Stimme eindringlich - im Sitzungszimmer in dem wir uns trafen wie im Land der Filme. Der Kampf für seine Vision hat ihn dort an die Spitze gebracht. Dank seiner Führung bekam Halle Berry einen Academy Award und im Moment wird er im Rennen um den Oscar für die beste Regie im gleichen Atemzug genannt wie Martin Scorsese und Clint Eastwood. Nicht schlecht für ein Kind aus den Bündner Bergen, das seinen ersten Film erst mit 12 Jahren sah und nach dem einschneidenden Erlebnis mit Appocalypse Now von damals gleich wusste, dass es auch einmal Filme drehen wollte.

OutNow.CH (ON): Was tut Marc Forster, wenn er keine Filme dreht oder promotet?

Marc Forster (MF): Ich mache eigentlich nicht viel. Ich lese Bücher und bin zu hause. Oder ich besuche Orte, wo ich meine Ruhe finden kann.

ON: Findest du Zeit, etwas anderes zu machen, als Filme?

MF: In den letzten vier Jahren hatte ich immer zu tun. Da war zuerst Sundance 2000, danach drehte ich Monster's Ball, kurz darauf Neverland. Danach widmete ich mich Stay, der im nächsten Jahr in die Kinos kommt. Ich bin im Begriff die Dreharbeiten zu Stay abzuschliessen und beginne dann mit Stranger than Fiction im Januar. Die Dreharbeiten dazu werden Ende April in Angriff genommen. Es folgte ein Projekt auf das andere in den letzten vier Jahren. Aber es gab Zeiten, in denen ich nicht viel tat. Ich schrieb viel, kämpfte für den Durchbruch und war sehr kreativ. Aber in der jüngsten Vergangenheit habe ich keine Ferien nehmen können.

ON: Erkennt man dich in der Schweiz auf der Strasse?

MF: Ich weiss nicht. Ich merke nichts davon. Die Leute kommen nicht auf mich zu?

ON: Wirst du denn in Los Angeles erkannt?

MF: Nein. Los Angeles ist eine sehr anonyme Stadt. Man kann zu Abend essen in einem Restaurant mit Halle Berry oder Brad Pitt oder Johnny Depp und niemand wird starren. Es kümmert einen nicht wirklich. Man ist unaufdringlich. Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute mich erkennen.
Ich denke nicht. Ich bin ja kein Schauspieler.

ON: Viele deiner Filme handeln von Verlust, Hoffnungslosigkeit, Leid und wie man diese Gefühle bewältigt. Woher kommt diese Faszination?

MF: Ich denke, dass unsere westliche Zivilisation, das Recht zu Sterben verloren hat.
Ich spüre, dass der Tod ein bisschen tabuisiert wird. Ich denke, wir sollten das Thema viel natürlicher angehen. Offensichtlich hatte ich auch Vorfälle in meiner Familie. Ich verlor meinen Bruder und meinen Vater innerhalb sehr kurzer Zeit.
Aber schon bevor sie starben, war der Tod schon immer etwas, das mich gedanklich sehr beschäftigte. Wir verstehen und feiern eine Geburt, aber wir wollen den Tod nicht wirklich verstehen. Ich denke, es ist wichtig, dies den Kindern zu erklären. Noch nie war die Gesellschaft so entfremdet in bezug auf den Tod. Aber wir alle werden sterben. Und es ist wichtig, davor keine Angst zu haben, weil letztendlich alle Ängste im Leben auf die Angst vor dem Tod zurückzuführen sind.

ON: Monster's Ball hatte Rassismus, sozioökonomische Unterschiede und die Todesstrafe zum Thema. Wie kommt man von solchen Themen zu denen in Finding Neverland?

MF: Sie unterscheiden sich zwar aber da gibt es auch gewisse Parallelen. Beide Filme behandeln die Sterblichkeit. Beide Filme beinhalten allein stehende, allein erziehende Mütter mit Kindern. Beide Filme zeigen Charaktere, die ihre Emotionen unterdrücken.
Billy Bob Thorntons Figur ist wie die von Johnny Depp eine Figur, die Gefühle verdrängt. Die dramaturgischen Szenen ähneln sich ein bisschen, aber es sind offensichtlich andere Schauplätze. Monster's Ball ist viel rauer und realer. Neverland ist ein Märchen und spielt in einem märchenhaften Umfeld. Und es ist natürlich ein Kostümfilm und man sieht Kinder und Hunde.

ON: Ist es schwierig in Hollywood seine Integrität zu schützen, ohne allzugrosse Kompromisse einzugehen? Du machst das hervorragend und ich frage mich, wie du das schaffst?

MF: Es ist nicht einfach. Man muss an seiner Vision festhalten und für sie kämpfen. Das ist nicht einfach. Ich bin glücklich, dass man mich immer respektiert hat und dass sie mich jetzt die Filme so machen lassen, wie ich das will? Aber das ist ein langer Weg, eine ewiger Kampf, der sich für mich aber recht erfolgreich gestaltet hat. Ich habe glücklicherweise überlebt und kann nun meine Visionen auf die Leinwand bringen, so wie ich das will. Aber leicht war das nicht. Wenn es leicht wäre, würde es wahrscheinlich jeder tun.

ON: Man merkt, dass du nur Filme drehst, die dich persönlich berühren. Gab es in deiner Karriere auch schon Angebote für die "falschen" Scripts?

MF: Ich mache Filme aus Leidenschaft. Wenn es mir ums Geld gehen würde, hätte ich bessere Angebote annehmen können. Sogar noch nach Everything put together bekam ich Offerten für Horror Filme und Thriller, aber das interessierte mich nicht. Ich habe deshalb Monster's Ball gedreht, ohne dass man mir dafür viel Geld gegeben hätte. Nach Monster's Ball hatte ich wieder andere Optionen. Zum Beispiel sollte ich den neuen Harry Potter drehen. Aber für so was bin ich nicht zu haben, weil für Harry Potter schon eine Vision entwickelt wurde. Diese kann ich nicht ändern. Ich kann sie nicht erweitern. So ähnlich ist es bei vielen anderen Drehbüchern. Als Regisseur kannst du entweder Material nehmen oder selber entwickeln. Aber wenn man bestehendes Material verfilmt, ist es schwierig etwas eigenständiges daraus zu machen. Oder man wird zum Produkt Manager, einem Regisseur der ein Produkt eines grossen Studios wählt und dann eine fertigen Film, eine Geschichte für die grosse Masse abliefert. Es gibt solche, die schaffen beides. Aber so was ist tückisch. Ich will nicht ausschliessen, eines Tages einen grossen Studiofilm zu drehen. Aber es muss eine Geschichte sein, die ich liebe und schätze. Ich mag Filme wie The Bourne Supremacy. Für mich war das ein sehr unterhaltender Actionfilm. Und manchmal gibt es auch grosse Hollywood Filme wie The Insider, die grossartig sind, weil sie aus Hollywood kommen und trotzdem zum denken anregen.

ON: Ich habe gelesen, es sei ein Traum von dir gewesen, mit Johny Depp zu arbeiten. Wie wurde dieser Traum Wirklichkeit?

MF: Es war so dass ich mir beim Drehbuch schreiben Johnny Depp für die Rolle vorstellte. Ich spürte, dass er der richtige Schauspieler sein würde für die dramatischen als auch die spielerischen Sequenzen und dass er leicht hin und her wechseln könnte. Es gibt heutzutage nicht viele Schauspieler, die beides können. Man macht heutzutage das eine oder das andere. Ich habe mir deshalb nur die Rolle mit ihm darin ausgemalt, weil er dieses Kind im Manne hat. In diesem Sinne könnte man sagen, ich habe geträumt davon, ihn in diesem Film zu haben oder mit ihm zu arbeiten. Ich liebe Johnny Depp. Er ist ein grandioser Schauspieler und ein fabelhafter Mensch.

ON: Auch Freddie Highmore zeigte eine fantastische Leitung. Was denkst du von dem 12-Jährigen, der schon so gut spielt?

MF: Zur Zeit des Drehens war er sogar erst 10 Jahre alt. Freddie Highmore ist einfach ein sehr talentiertes Kind. Als er zum Vorsprechen kam, sass ich nur noch da und es hat mich umgehauen. Er verkörpert etwas sehr wahrhaftiges. Es gibt nichts Künstliches an ihm. Und er projiziert das in alle, die mit ihm zusammenarbeiten.

ON: Es gibt Leute, die behaupten J. M. Barrie war ein Pädophiler. Was denkst du über diese Gerüchte?

MF: Ich habe gründlichst recherchiert, bevor ich den Film drehte. Ich wusste, dass ich auf das Thema angesprochen werde, aber ich fand keinen Beweis dafür. Ich hätte den Film nicht gedreht, wenn auch nur der kleinste Beweis für eine Pädophilie gefunden worden wäre. Er war asexuell. Er wollte von anderen Menschen nicht berührt werden. Kein Studio hätte in den Film investiert, wenn sie auch nur einen Beweis gefunden hätten, der in diese Richtung gegangen wäre. Denn niemand würde einen solchen Film sehen wollen. Natürlich giert die Presse nach so etwas. Die wollen Kontroversen. Meinungsstreit verkauft sich gut. Es war deshalb von Anfang an klar, dass diese Thema aufkommen würde. Diese Gerücht machte aber erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Runde (nach dem Tode Barries Anm. d. Red.). Und das Michael Jackson seine Ranch "Neverland" nannte, hilft der Sache natürlich nicht gross.

ON: Finding Neverland wird als Favorit für die Oscars gehandelt.

MF: Wird er das?

ON: Das ist gerade meine Frage. Verfolgst Du die Vorhersagen für die Oscars?

MF: Weisst du, wenn ich die Vorhersagen verfolgte, würde ich langsam verrückt werden. Und wenn einer sogar erwartet, dass er einen Oscar gewinnen wird, kann man ihn gleich als geisteskrank abschreiben. Alles was man tun kann, ist zu hoffen, dass der Film sein Publikum findet. Bekommst du einen Preis, ist das grossartig. Man bedankt sich artig und so was hilft auch dem Film. Es hilft auch deiner Karriere. Es ist schön, wenn man anerkannt wird. Aber wer anfängt, solche Sachen vorauszusagen, der gehört in die Klappsmühle.

ON: Merkt man einen Unterschied bei der Oscar Kampagne, jetzt wo sich, anders als vor zwei Jahren mit Monster's Ball, Miramax statt Lion's Gate darum kümmert?

MF: Natürlich ist man als Regisseur involviert in die Marketing-Kampagne, die bei einem Film auf zwei Stufen abgeglichen wird. Es gibt eine Kampagne für den Film und eine für die verschiedenen Preisverleihungen. In diesem Fall spielt man natürlich in einer ganz anderen Liga. Das ist Äpfel mit Birnen vergleichen. Lion's Gate ist eine wunderbare Firma. Ich liebe sie sehr. Vom künstlerischen her machen sie einen grossartigen Job aber was das Marketing betrifft...ich meine Harvey Weinstein (Chef von Miramax Anm. d. Red) hat die Oscar-Kampagne quasi erfunden. Das gab es vor Miramax nicht. Lustigerweise ist es ja jetzt das Ende einer Ära. The Aviator und wir sind die letzten beiden Filme von Miramax. Weil Miramax wird nicht mehr existieren im nächsten Jahr. Sie werden nicht mehr soviel Geld haben wie bis anhin. Harvey war in der Lage mit Marketing und Werbung einem guten Film den Weg zu den Oscars zu bahnen. Mit The Aviator und uns kann er das nicht mehr machen, weil ihm die finanziellen Mittel dazu fehlen. Ihm sind die Hände gebunden. Es wird deshalb härter. Es wird interessant sein, zu sehen, was passiert. Universal gibt einen Haufen Geld aus für Ray. Fox gibt einen Haufen Geld aus für Sideways und Kinsey. Die Closer-Kampagne wird auch nicht billiger. Million Dollar Baby, der neue Film von Clint Eastwood von Warner Bros., wird ein Vermögen ausgeben. All diese Kampagnen werde mehr Geld ausgeben als Harvey hat. Es wird deshalb interessant sein, zu sehen, wo wir landen werden, wenn die anderen so viel Geld ausgeben können.

ON: Zum Abschluss möchte ich dir ein paar Stichworte geben. Du sagst mir einfach, was dir dazu als erstes in den Sinn kommt. Dann sind wir durch.

ON: Peter Pan

MF: Kind

ON: Einspielergebnisse

MF: Nonsense

ON: Kim's Video (reich bestückte Video Shops in New York City)

MF: Ich liebe die Läden.

ON: Apocalypse now (der erste Film, den er jemals sah)

MF: grossartige Erinnerungen

ON: Academy Awards

MF: (Es bleibt einen Moment ruhig, dann beginnt Forster zu lachen und weiss nicht so recht, was er sagen soll) Das muss reichen.

ON: PR-Arbeit

MF: Schmerzhaft

ON: Ok. Das wars dann. Schluss mit den Schmerzen.

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