KinoDauerGlotzen Weltrekord 2004

Kinomanns Tagebuch eines Weltrekordversuchs

2. April 2004 - Wie alles begann...

Mein Name ist Kinomann und dies ist mein Tagebuch. Kinomann ist nicht mein richtiger Name. Aber ich habe mich entschieden, mich so zu nennen für die Dauer des Versuchs. Heldenhaft wie Superman will ich sein. Leidenschaftlich dem Film verfallen bin ich schon. Der Name vereint diese beiden Eigenschaften.

Ich habe noch nie Tagebuch verfasst, und deshalb weiss ich nicht, ob dabei etwas Gescheites herauskommt. Aber wenn ich bedenke, was die Servelat-Promis an literarischen Ergüssen auf den Büchermarkt werfen, denke ich nicht, dass das christliche Abendland an meinen Hundskommunitäten zugrunde gehen wird. Ausserdem hat Thomas Mann in seinen Tagebüchern aus dem US-Exil auch nicht nur literarisch Wertvolles für die Nachwelt festgehalten. Wie folgende Passagen beweisen:

"Dienstag den 15. 4. 1941: Halb acht auf. Neblig, dann heiter. Vormittags etwas geschrieben. Halb zwölf zum Zahnarzt. Prozedur des Unterkiefer-Abdrucks in plastischer Masse, mit Wasser gekühlt, viel angenehmer als Gips, aber erst beim dritten Mal gelungen."

Ich hoffe ganz einfach, die Sache wird nie so peinlich wie das Online-Tagebuch von Ex-Mister-Schweiz Adel Abdel-Latif. Ich verspreche deshalb, nie mehr als ein Ausrufezeichen pro Satz zu setzen.


Der Grund für meinen Entschluss ein Tagebuch zu verfassen, ist ein Weltrekord, von dem ich heute zum ersten Mal gelesen habe, und den ich zu brechen versuchen möchte. Es geht um "Dauer-Kino-Glotzen" wie es der Zürcher Unterländer in seiner Ausgabe vom 27. März despektierlich nannte. Das Kino ABC in Bülach stellt seinen Saal zur Verfügung und das Gewerbe schiebt munter Geld ein. Allen voran ein Kaffeemaschinenbauer, der sich den besonderen Werbeeffekt erhofft. Wenn die wüssten, dass ich Kaffee nur als Joghurtgeschmacksrichtung erträglich finde. Morgen mehr.

3. April 2004 - Lange wachbleiben, geht das überhaupt?


Der Rekord im "Dauer-Kino - ich sag mal - Sitzen", denn "Glotzen" ist mir einfach zu televisionär, liegt gemäss den Angaben der Veranstalter bei 70 Stunden und 5 Minuten. Das ist verdammt lange ohne Schlaf. Fast drei ganze Tage. Im Dunkeln notabene, auf den Powerseats, dieser "Weltexklusivität" gemäss Website der Kinobetreiber in Bülach. Diese klingen trotz kraftvollem Anglizismus recht bequem. Mit Frischluft, die bei Durchhalteübungen während den Ferien in Grün ebenso vorkommt, wie gelegentliche Zusammenstauchungen durch Vorgesetzte, wäre die Strapaze sicher einfacher durchzustehen. Ich bezweifle dennoch, dass das VBS mit seinem gegenwärtigen Puff im Personalwesen noch in der Lage ist, ein Detachement nach Bülach zu ordern, das sich um Zivilisten kümmern könnte.


Liebeskummer, ein anderer gesellschaftlich anerkannter Grund, der zu Schlaflosigkeit führen darf, ist bei mir im Moment auch nicht aktuell. Der nötige Respekt vor der Probe ist also durchaus da. Drei Tage sind lang. Zwei Tage kamen immer wieder vor bei Prüfungsvorbereitungen, Oscarverleihungen oder als Brautführer vor der Hochzeit der Schwester. Da hielt ich immer locker stand. Die Puste reichte für den Hochzeitsmarsch von Wagner auf der Trompete, und nach dem Festmahl stellte ich munter sicher, dass jeder den direkten Heimweg fand, bevor auch ich mich dem wohlverdienten Schlaf widmen konnte. An der Hochzeit lag es aber in der Natur der Sache, dass ich während den ganzen 48 Stunden etwas um die Ohren hatte. So eine Last Minute Hochzeitszeitung gibt doch noch einiges zu tun. In Bülach wir es ruhiger zu und her gehen.

5. April 2004 - Die Regeln


Das Komitee vom Guinessbuch stellt für den Weltrekord genaue Regeln auf, damit er dann auch als dieser anerkannt wird. Noch ist nicht alles bis ins Detail klar, aber was durchsickert von den Veranstaltern, gefällt dem Kinomann sehr. Nach jedem Film gibt es fünf Minuten Pause, der Saal darf dabei nicht verlassen werden. Erst nach dem dritten Film gibt es eine offizielle 15-minütige Pinkelpause. Somit sind Raucher ein weiteres Mal benachteiligt. Was mich nicht weiter stört, denn für mich heisst das erstmal ein bisschen weniger Konkurrenz. Der Versuch startet zudem an einem Mittwoch um 12:00 Uhr. Was bedeutet, dass der rechtschaffene Teil der Bevölkerung sich erstmal frei nehmen müsste, für die cineastische Strapaze. Ich bezweifle, dass viele das tun werden. Die Alterslimite von 18 Jahren tut ihr übriges, indem Schülerinnen von vornherein ausgeschlossen sind. Da bleibt nicht mehr viel übrig an Widersachern. Zum ersten Mal kommen Zweifel auf, ob da überhaupt genügend Leute gefunden werden, die mitmachen dürfen.


Trotz den einigermassen genauen Instruktionen bleibt noch vieles unklar. Darf man die Kleider wechseln während der drei Tage? Darf man herumlaufen, während des Films. Ab wann gelten kurz geschlossene Augen als Schlaf? Sind kleinere Ohrfeigen von Drittpersonen legitim? Wie nah an den Teilnehmern gehen die Webcams für die Liveübertragung im Internet? Powernaps in der Pinkelpause? Drahtloser Internetzugang im Kinosaal? Na ja, man darf ja zumindest hoffen.


Heute ging im Forum der Website OutNow.CH das erste Posting zum Rekord ein.

6. April 2004 - Kinomann beim Arzt


Ohne Arztbesuch läuft erstmal gar nichts beim Wettbewerb. Heute stand deshalb der Besuch beim Herrn Doktor auf dem Programm und ich freute mich nicht unbedingt auf seine Reaktion. Leise hoffte ich, er sei der Erste, der es wagen würde, mir die Flause auszureden. Schliesslich sollte ja die Gesundheit seines Patienten erste Priorität haben. Aber der gute Mann verzog keine Miene und führte routiniert den Ganzkörpercheck durch. Ein Drücken da, ein Messen dort. Nach nicht mal 10 Minuten war schon klar: Kinomann ist aus medizinischer Sicht zu allem bereit. Mal abgesehen von einer klitzekleinen Thrombosenwarnung, die durch das Aufstehen in den Pausen aber verringert werden sollte, willigte mein Arzt ohne mit der Wimper zu zucken ins Arztzeugnis ein. Ich wunderte mich derweil, was er sonst noch alles zu hören bekommt im Sprechzimmer, wenn es um die Herausgabe von Arztzeugnissen geht.


Einen ersten Vorgeschmack, auf was mich in Bülach erwarten könnte, kam bei der Blutabnahme. Drei Ampullen voller Blut wollte die Krankenschwester von mir. Auf leerem Magen, nach nur drei Stunden Schlaf, morgens um 7:30, waren die Nadeln in der Ader eindeutig zu viel für mich. Mir wurde schwarz vor Augen und ich lag eine Weile flach.


Vom Doktor hätte ich mir eigentlich mehr erwartet in Bezug auf Tipps und Tricks, um länger wach zu bleiben. Da nichts dergleichen von seiner Seite kam, machte ich mich im Internet schlau. Letztes Jahr hat ein Mann namens Christoph Stöckli von einem Berner Dudelsender einen Rekord im Dauermoderieren aufgestellt. 105 Stunden war der junge Mann auf Sendung. Seine Tipps bewegen sich im Rahmen des üblichen: 4 Liter Wasser pro Tag trinken, den Blutzucker hoch halten, keine Mahlzeiten im herkömmlichen Sinn, weil sonst die Verdauung zu Müdigkeit verleitet etc. Auf so was wär ich auch selber noch gekommen.


Stutzig wurde ich beim Preissegen bei einem ähnlichen Versuch im grossen Kanton. Neben einem Fernsehauftritt in "Guinness - die Show der Rekorde" und dem Eintrag ins "Guinness-Buch der Rekorde" konnten in Augsburg zusätzlich noch eine einwöchige Reise für zwei Personen nach Sydney abgeräumt werden. Ausserdem erhielt der Gewinner freien Eintritt in alle CineStar-Filmpaläste für die nächsten 15 (in Worten: fünfzehn!) Jahre. Was läuft hier falsch? Die Damen und Herren damals hatten nur 50 Stunden und 55 Minuten zu bestehen, was dann auch sieben von der ursprünglich 20 Teilnehmern schafften. In Bülach gibt's 3000 Franken zu holen. So nicht! Ich fordere ultimativ den EU-Beitritt der Schweiz. Es kann doch nicht angehen, dass die Schweizer einen Drittel mehr arbeiten müssen für einen Bruchteil des "Lohns" in EU-Ländern.

9. April 2004 - Was das Umfeld meint


Mein Umfeld sieht den Entschluss am Rekordversuch mitzumachen gelassen entgegen. "Wilde Chaib", waren Vaters Worte, als er von den Plänen des Sprösslings erfuhr. Die Herausforderung für ihn wäre undenkbar. Nach 21:00 geht bei ihm der Laden täglich herunter. Ich bin mir nicht sicher, ob mein Vater schon weiss, dass Stephan Klapproth jeweils am Ende von 10vor10 ein Gedicht zum besten gibt. Das ist extrem spät für einen Büezer. Mitredakteur Marco hatte die Idee auch schon, ist bei diesem Versuch nun aber unpässlich. Johannes wird es jeweils an Filmfestspielen schon schwindelig. Der Rest denkt erstaunlicherweise, dass sei doch keine Sache. Selber machen wollen sie es aber trotzdem nicht. Mutter tut, was sich für eine gute Mutter gehört. Sie glaubt bedingungslos an mich und meinen Erfolg.

10. April 2004 - Die Konkurrenz


Heute hat sich zum ersten mal Mr. Blonde im OutNow.CH-Forum zum Thema gemeldet. Ich wunderte mich schon, wo der bleibt. Mr. Blonde ist ein eitles Grossmaul, das keinen halbwegs verständlichen Satz konstruieren kann und den verbalen Dünnpfiff, den er produziert, auch noch für humoristische Perlen hält. Er war anscheinend in den Ferien und hat deshalb vom Rekordversuch erst heute mitgekommen. Mit ihm als Konkurrenten würde die Sache sicher doppelt Spass machen. Den Knaben würde ich mir gerne vorknüpfen und ein Sieg über ihn wäre besonders süss. Leider nimmt er die Herausforderung nicht an. Aber wer weiss? Vielleicht taucht er ja am Mittwoch in einer Woche trotzdem auf. Ich wäre bereit. Wenn selbst Flachpassspieler wie Mr. Blonde den Schwanz einziehen, werden die Bedenken, das das Ganze überhaupt mit ernstzunehmender Konkurrenz stattfindet wieder ein bisschen grösser. Ich glaub einfach nicht, dass das Schweizer Reservoir an Leuten, die leicht einen an der Waffel haben, besonders gross ist. Das im Vergleich zu Deutschland niedrige Preisgeld holt niemanden aus der Reserve.

12. April 2004 - Mein Wunschprogramm


Zu den Filmen, die während dem Marathon gezeigt werden sollen, weiss man noch nicht soviel. Die Veranstalter lassen das Volk per Web entscheiden. Eine lange Auswahlliste steht online. Welche Auswahlkriterien für diese angewendet wurden, ist nicht ganz klar. Obskures aus China wechselt mit Filmen, die in jeder Liste zu irgendeinem Filmthema auftauchen und den neuesten Knallern, die gar noch nicht fertig gedreht sind. Da liessen sich interessante Potpourris zusammenstellen, wenn man sich diese Narrenfreiheit nehmen könnte.


Die ersten 12 Stunden würde ich wohl mit der Analyse von Original und Remake verbringen: Die verblödete Blondine aus Born Yesterday war 1993 nicht schlauer als 1950. Der Todgeweihte war 1950 D.O.A. und wird auch 1988 nicht überleben. Jeff Goldblum ist als Die Fliege ekliger als Vincent Price, dafür Mel Gibson weniger cool als Lee Marvin in Payback bzw. Point Blank.


Fürs Programm nach Mitternacht gäbs Brüste in allen Entwicklungsstadien von David Hamilton (Premier Désirs) bis Russ Mayer (Mudhoney). Laura Gemser in Via della Prostituzione würde über so manche einsame Stunde hinweghelfen. In der Liste befinden sich aber auch Filme, die wohl auch bei vollster Ausgeschlafenheit zu kleineren Komplikationen führen könnten. Hukkle aus Ungarn zum Beispiel erzählt fast ohne Dialog von Tieren und Menschen in ländlicher Gegend - ein alter Mann mit Schluckauf, eine Schäferin und ihr Schaf, Volkssänger an einer Hochzeit - mit einem kaum erkennbaren Subplot um einen Mord. Wird es in Bülach zu solchen fiesen Attacken auf meine Aufmerksamkeitsdauer kommen? Ich hoffe nicht, und habe mir lieber einmal meine Favoriten aus dem Angebot herausgepickt:


A bout de Souffle, A bucket of Blood, A Foreign Affair, Alien (Endlich auf Grossleinwand!), Allein unter Frauen (Wenn es denn etwas Deutsches sein muss), Asso (nur um Adriano Celentano beim Karten mischeln zuzusehen), Badlands, Blue Crush, Born Yesterday (1950), Born Yesterday (1993), The Fly (1958), The Fly (1989), Bring it on (da würd ich zur Auflockerung gleich mit den Cheerleaders mitturnen), Café Odeon, Cinemania (Ich würde mich dann nicht so einsam fühlen mit meiner Leidenschaft), D.O.A. (1950), D.O.A (1988), Point Blank, Payback, Duel, E.T., Foxy Brown, Gigli, In Amerika, Indiana Jones 1 und 3, Jennifer 8, Joe's Apartment (Go Kakerlaken go!), Kill Bill (Wenn der nicht läuft, lauf ich - Und zwar Amok wie die Braut), Not One Less, The Apartment (Mein Lieblingsfilm als krönenden Abschluss), The Iron Giant (Wenn schon Trickfilm, dann nur diesen), To Live and Die in L.A., Ein Paar Folgen Twin Peaks, Wild Things und Wild Things 2 (Weil es der nie ins Kino schaffte).


Auf gar keinen Fall sehen will ich A guy thing, A Man Apart, Anna Göldin, Ballistic: Ecks vs. Sever, Cop & 1/2, Die Patriotin, Natale in India oder Species, von dem man sich zum Glück nur den ersten Teil wünschen kann. Und wenn wir schon dabei sind, bitte kein Star Trek, Swiss View Volume 3 und Tank Girl.


Heute war übrigens Anmeldeschluss.

14. April 2004 - Kinomann ist definitiv dabei


Die Bestätigung kam heute per Post! Die Auflagen wurden konkreter und es wurde im speziellen auf die Pünktlichkeit hingewiesen. Wer am Mittwoch nicht um 11:15 im Kino in Bülach ist, kann gleich wieder nach Hause. Und das Startgeld ist futsch. Viele meiner Fragen vom 5. April sind nun beantwortet. Mit Compüterlen und anderen Beschäftigungen während langweiligen Filmen wird nichts. Kleider muss ich wechseln, weil alle Teilnehmer zwei T-Shirts bekommen werden und diese immer zu tragen haben. Mit kurz Augen schliessen ist nichts. Die neuesten Richtlinien besagen, wer "die Augen länger als 10 Sek. von der Leinwand abwendet, wird disqualifiziert und muss den Saal verlassen".


Die Angaben über die Anzahl Anmeldungen schwanken je nach Quelle zwischen 70 und 100. Da aber die Angemeldeten für die definitive Teilnahme noch bis Samstag das ärztliche Zeugnis vorzuweisen und das Startgeld einzubezahlen haben, bleib ich weiterhin bei meiner Behauptung, dass sich nur mit Mühe 20 Nasen einfinden werden. Ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren. Ich bin zumindest froh schon letzte Woche beim Arzt gewesen zu sein. Ich weiss nicht, ob ich diese Woche noch einen Termin bekommen hätte. Und es dauerte ein Weilchen, bis so eine Zeugnis endlich zu Hause eintrifft. Mir solls recht sein, wenn Andere daran scheitern sollten.


Ein paar neue Sponsoren konnten ans Land gezogen werden. Die Preisauslage wurde um eine Mountainbike erweitert und die letzten 20 Teilnehmer bekommen ein Paar Jeans. Wahrscheinlich die mit den verstärkten Hosenboden gegen Abnützung durch dauerndes Sitzen.

17. April 2004 - Vorfreude herrscht


Das definitive Programm mit den 35 Filmen ist nun online abrufbar. Es haut einem, diplomatisch ausgedrückt, nicht vom Hocker - was ja während der 70 Stunden im Kino auch nicht vorkommen sollte. Und da alle dasselbe zu durchleiden haben, motze ich auch nicht länger rum. Aber dass Kill Bill: Volume 2 nicht gezeigt wird, obwohl der Film am Donnerstag während des Marathons in der Deutschschweiz Premiere feiert, ist ein Affront für alle Kinofreaks, die sich nach Bülach begeben werden. Shame on you!


Abgesehen von dieser Sauerei, kann ich der Liste durchaus Positives abgewinnen. 14 der 35 Filme habe ich - zum Teil peinlich peinlich für den Kinomann - noch nie gesehen. (Ice Age, 8 Mile, Bad Boys 2, Freddy vs. Jason, 2001, Werner - gekotzt wird später, Easy Rider, 11'09''01, Moulin Rouge, 101 Rekjavik, Die Hard with a Vengeance, Blade II, 2 Fast 2 Furious). Verdankenswerterweise wird die Ring Trilogie nicht am Stück gezeigt. Immer mal was anderes dazwischen, sorgt für Abwechslung. Viele Sequels werden aber ohne die Originale gezeigt, was einem die Vorbereitung erleichtert. Ich könnt mir gut vorstellen, Blade, Die Hard, Die Harder und A Nightmare on Elm Street noch anzuschauen bis zum Start.


Die Liste zeigt auch, dass mehr als die Hälfte der Filme in der Originalsprache gezeigt werden. Was in Bülach eher die Ausnahme als die Regel ist. Das liess mich aufatmen. Richtig unverzeihlich ist es eigentlich nur bei The Life of Brian. Die sonstigen Synchronfassungen sind "Kinderfilme" (Ice Age, 8 Mile, Bug's Life und 10 Things I hate about you) oder Filme für Leute, die die Lippen bewegen beim Lesen (Bad Boys 2, Freddy vs. Jason, XXX, 2 Fast 2 Furious, etc) und diese Filme dürfen schon Synchros sein.

19. April 2004 - noch zwei Tage


Sorry, in den nächsten Tagen wird nicht viel mit schreiben. Die Vorbereitungen, vor allem Schlafen, und alles abarbeiten, was es sonst noch so tun gibt im Leben haben Vorrang. Ich wollte noch, wie ein Profisportler, eine "Streckenbesichtigung" in Bülach machen. Aber dafür reicht die Zeit nicht. Ich meld mich deshalb erst wieder, wenn ich wieder aus dem Kino raus bin. Vielleicht als Weltrekordler - aber sicher um eine Erfahrung reicher.

21. April 2004 - Heut geht's los!


Heute geht's los. Ich bin pünktlich in Bülach angekommen. Das Städtchen ist ruhig. Wenn man aber nach dem Weg zum Kino fragt, gucken die Leute schon ein bisschen verwundert auf das Köfferchen und wissen gleich was Sache ist. Sonst deutet nicht viel auf den Weltrekordversuch hin. Ausser in der MIGROS: Die Gestelle mit den Vitaminpräparaten sind leergefegt. Ich konnte mir gerade noch ein Päckchen "Actilife - All in One" ergattern: 12 Vitamine, 9 Mineralstoffe und Spurenelementen zur Nahrungsergänzung. Das muss reichen bis Samstag.

Im Kino selber sieht es eher aus wie bei einer Sportveranstaltung als bei einem normalen Kinobesuch: Ein Schalter für die Akkreditierung, eine Sponsorenwand, eine Bar mit Säften und ein WC-Mobil vor der Tür. Auch die versammelte Medienschar lässt auf den Auftritt sportlicher Superstars hoffen. Aber das Interesse gilt einzig und allein den Teilnehmern. 35 sind schlussendlich wirklich bereit, die Tortur auf sich zu nehmen. 4 davon sind Frauen. Vom Typ her, könnte man sie als Bleichschnäbel bezeichnen, die einen mit Übergewicht, wie man sich Videojunkies halt so vorstellt. Richtige Cineasten sind wenige dabei. Beim Aussprechen von Titeln wie Amélie de Montmartre holpert es gewaltig und 2001 von Stanley Kubrick kennt keiner. Organisator Stephan Stottele erklärt nochmals, um was es geht und dann geht es wirklich los. Man kämpft sich durch die Eiszeit und wird nach 8 Mile in Montmartre den ersten Zwischenstopp erreichen.

22. April 2004 - Live aus Bülach für OutNow.CH. Kinomann.

Die erste Nacht ist überstanden. Ausser einer kleineren Panne bei der Projektion (Filme verkehrt herum eingefädelt) klappte alles hervorragend. Alle sind noch dabei.


Der schlechteste Film bisher war Freddy vs. Jason. Schlechter geht es nicht mehr. Sogar mit Vorkenntnissen des Treibens beider Massenmörder bleibt die Story konfus. Schlechtester Film für einen Weltrekord im Dauerglotzen war aber 2001 - Space Odyssey. Der Film ist sicher nicht zu unrecht als Klassiker anerkannt, aber man guckt ihn sich besser mal an einem Sonntag Nachmittag an, als morgens um 7 Uhr nach 18 Stunden im Kino. Die Leinwand blieb bewusst mehrere Minuten schwarz. Nur unterlegt mit Musik von Wagner oder Strauss. Psychodelische Bilder eines Drogentrips bei der Landung der Protagonisten. Das Fluchen im Kinosaal in Bülach nahm kein Ende. Ansonsten gibt es wirklich wenig zu meckern. Die Stühle sind äusserst bequem. Die Soundanlage dröhnt in Spitzenqualität und das kulinarische Angebot ist auch dem Durchhaltewillen der Teilnehmer angepasst. Bananen sind die grossen Renner in jeder Pause.

23. April 2004 - Live aus Bülach für OutNow.CH. Kinomann. Part II

Wieder ist ein Tag vergangen, aber wir sind nicht einmal halb durch für den Weltrekord. Kinomann dachte schon oft ans Aufgeben. Gedanken wie, die 72 Stunden schaff ich eh nicht und was soll ich deshalb noch den Schluss von Werner - Gekotzt wird später gucken, kamen immer wieder auf. Man puscht sich gegenseitig in den Reihen der Teilnehmer. Bald schon merkt man, welche Kontrolleure es sehr genau nehmen und welche auch mal ein Auge zudrücken, wenn bei Dir beide zufallen. Es ist in der Tat eine Tortur. Grösste Probleme - nicht mit dem Schlaf sondern mit der Blase - hatte ich bei Miss Congeniality. Die Sanitäter waren schon sehr besorgt um mich. Ich wippte in der Reihe hin und her und nahm die Hand nicht mehr aus dem Schoss. Ich hatte im Schritt alles fest im Griff und gedanklich fragte ich mich schon wie wasserdicht die Sessel im ABC sind. Das Ende der Bullock-Kömodie war schon immer viel zu lang. Aber noch nie kam es mir so lange vor wie jetzt. 7 Minuten der darauf folgenden 15 Minuten-Pause verbrachte Kinomann auf der Toilette.


Auch Positives gibt es zu berichten. Die Lord of the Rings - Trilogie gewinnt an Qualität, wenn man das Ende kennt und sich die ersten beiden Teile wieder anguckt. Trotz der Müdigkeit ist mir vieles klarer als vorher. Star Wars Episode II hingegen war nie langweiliger als während des Rekords im ABC. George Lucas schreibt Dialoge auf Primarschulniveau. Nie, aber auch wirklich nie, springt der Funke zwischen Amidala und Anakin. Ich bin mir sicher, dass die schauspielerischen Aktivitäten der sich immer noch im Rennen befindlichen Teilnehmer grösser sein würden, als alles was Hayden Christensen sich auf der Leinwand leistet. Ja, sogar nach den 70 Stunden ohne Schlaf.

23. April 2004 - Ende Gut, Schlaf gut.

Nach 42 Stunden war's aus. Kinomann wurde bei Life of Brian vom Schlaf übermannt, vom Kontrolleur entdeckt und musste den Saal verlassen. Nach einem 10-minütigen Powernap guckte ich mir noch September 11 an. Ein eindrückliches Dokument, das die Teilnehmer nochmals gehörig strapaziert haben muss. Diesmal blieb die Leinwand lange weiss oder man durchlief das Leben einer Taubstummen genau wie sie - ohne Ton. Wer immer noch durchhielt ab diesem Punkt hat meine Anerkennung. Wer den Rekord brechen wird, ist mein Held. Für mich hat der Spass ein Ende und ich bin nicht mal so unglücklich darüber.


Welches Fazit, kann gezogen werden? Nun, ich sah insgesamt nur vier Sexszenen (Die Orgasmen in Amélie nicht mitgezählt, und zwei davon mit James Bond). Dafür starben auf der Leinwand mehrere 10'000 vor mir den Heldentod. Was will ich damit sagen? Nichts. So ist halt das US-Amerikanische Kino. Sicher, man hätte das Filmprogramm interessanter zusammenstellen können. Aber nach einer gewissen Anzahl Stunden kommt es auch für den grössten Kinofreak nicht mehr drauf an, ob der Film nun gut oder schlecht ist. Richtig folgen kann man ihm sowieso nicht mehr. Ebenso sicher gibt es kein besseres Kino für diese Art von Rekordversuch als das ABC in Bülach. Und wenn doch, dann nicht mit einem so enthusiastischen Kinozaren wie Stephan Stottele, der so viele Freiwillige zu einem Helfereinsatz mobilisieren kann. Somit ist eines klar: Ich denke mal, wenn der Rekord tatsächlich gebrochen werden sollte, ist es ein Rekord für die Ewigkeit.


Mein Dank geht an Conny und meine Familie für den Support, Emi für's wach halten im Kino, Björn Aeschlimann für die Idee, Stephan Stottele und seinem Team für die Spitzenbetreuung (Freiwilligenarbeit ist wirklich eine tolle Idee ;-)), Hollywood für seine Produkte, die Sanitäterdamen für das Aushalten der Horrorfilme, Huwi fürs Kreischen, AIESEC Bern fürs Red Bull und an alle, die an mich geglaubt haben.


Jetzt geht's in Bett. Guet Nacht!

24. April 2004 - Kinomann zurück am Ort des Geschehens - Der Epilog

Nach 20 Stunden Schlaf im eigenen Bett ist Kinomann wieder fit genug, um die Reise nach Bülach anzutreten. 10 Minuten vor dem Brechen des Weltrekords gesellt er sich zur Meute der Journalisten, die vor dem Eingang auf Einlass in den Saal warten. Vier wackere Glotzer sind immer noch da und merken vor Müdigkeit fast nicht, dass sie den Rekord gebrochen haben. Die Journalisten dürfen ihnen nach 70 Stunden und 5 Minuten kurz zujubeln, dann muss aber wieder brav auf die Leinwand geguckt werden. Es läuft in diesem Moment gerade The Fast and the Furious. In der obligaten 5-Minuten-Pause nach dem Film beschliessen unsere Helden den Rekord mit Snatch noch auf 72 Stunden zu schrauben und dann am 24. April um 12:00 im Kollektiv aufzugeben - was sie dann auch tun.

Danach beginnt der Interviewmarathon und die Angehörigen wollen ihre Schützlinge wieder in die Arme schliessen. Die Dame und die drei Herren machen einen erstaunlich fitten Eindruck, und sie meistern die dümmlichen Fragen der Journis bravourös. Emi Witzig legt eine exzellente Medienkompetenz an den Tag. Bei Mike Fäh, der Mann der Live-Updates für ein Zürcher Privatradio sandte, ist diese Kompetenz eine deformation professionelle. Huwi Razi grinst immerzu und spricht von Halluzinationen, die sie im Saal befielen. Dani Uhr hat derweil noch nicht vor schlafen zu gehen. Er will seine innere Uhr nicht durcheinander bringen und morgen um vier Uhr schon wieder aufwachen. Nach einem letzten Gruppenfoto dürfen auch sie nach Hause. Kinomann gönnt sich zum letzten Mal eine Gratiswurst und macht sich, ein bisschen stolz auf die Schweiz, zurück auf den Heimweg.

Das ganze OutNow.CH Team gratuliert den vier wackeren Kinositzern. Eine Spitzenleistung!

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OutNow.CH