"Climax": Das Interview mit Chefprovokateur Gaspar Noé

Wir trafen den immer für einen Skandal guten Regisseur in Neuchâtel und sprachen mit ihm über Tänzer, Drogen und darüber, warum er nicht wusste, wer genau diese Sofia Boutella an seinem Set war.

Gibt den Ton an: Regisseur Gaspar Noé am Set von "Climax" © Xenix Films

Den französisch-argentinischen Regisseur Gaspar Noé kennt man dank provokanter Filmkunst wie Irréversible, Enter the Void oder Love. Der Mann ist immer dafür gut, die guten Geschmäcker zu ignorieren und das Publikum vor den Kopf zu stossen. Noé ist wunderbar anders, und so ist jeder neue Film von ihm ein Ereignis - so auch sein neuster.

In Climax feiert eine Gruppe von Tänzern eine wilde Abschlussparty in einem Gebäude irgendwie im Nirgendwo. Die Stimmung ist ausgelassen, aber friedlich. Doch noch einer Weile merken die "Party People", dass eine gefährliche Substanz in dem Sangria war, von dem sie alle getrunken haben. Was folgt, ist Wahnsinn.

Wir trafen Noé anlässlich des Neuchâtel International Fantastic Film Festival zum Interview.

OutNow: Bevor der Film für das Festival in Cannes angekündigt wurde, wusste kaum jemand, dass du ein neues Werk am Start hattest. Wie war es, einen Film "im Geheimen" zu drehen?
Gaspar Noé: Das ist gar nicht einfach zu bewerkstelligen. Informationen verteilen sich heutzutage so schnell. Man muss vor allem schnell sein. In der ersten Januar-Woche begannen wir mit der Vorproduktion. Mein Pitch war: "Fiktionaler Dokumentarfilm über Tänzer, die durchdrehen." Ich überzeugte die Produzenten, dass ich einen Film in 15 Tagen mit einem tiefen Budget drehen könne. Ich wollte es einfach schnell machen wie Werner Maria Fassbinder früher. Wenn man einen Film auf diese Art dreht, weiss man nie, ob der Film gut herauskommt oder nicht. Es kann sehr schnell viel schieflaufen. Wenn du nur einen Techniker hast, der etwas schwierig tut, funktioniert es schon nicht mehr. Da ich nicht wusste, wie stolz ich auf das Endprodukt sein werde, bat ich Cast und Crew dann auch, nichts auf Social-Media zu posten.

ON: Wie lange dauerte es denn effektiv von der Idee bis zur Premiere in Cannes?
GN: Nicht einmal viereinhalb Monate. Die Idee hatte ich im Januar, die Premiere war Mitte Mai. Ich benötigte also für die Fertigstellung nicht mal die Hälfte der Zeit, in der man ein Kind zeugt und es dann auf die Welt bringt. Ich sagte einem meiner Produzenten, dass Fassbinder von seinem Grab aus wohl sehr zufrieden mit mir wäre. Er sagte dann nur, dass Fassbinder erst stolz auf mich sei, wenn ich vier Filme pro Jahr drehe (lacht). Ehrlich gesagt: Anstatt Climax zu promoten, würde ich am liebsten jetzt gerade wieder einen Film drehen.

ON: Wir waren an der Weltpremiere von Climax um 8:30 morgens vor Ort und haben dich während des Filmes ständig im Kinosaal herumlaufen sehen. Warst du neugierig, wie die Leute reagieren würden, oder gab es einen anderen Grund?
GN: Ich war hauptsächlich einfach begeistert, dass dieser Film bereits fertig ist und auf einer Leinwand läuft (lacht). Ich habe dieses funktionierende Baby innert vier Monaten auf die Welt gebracht. Das ist unglaublich. Das musste ich sehen. Ich konnte es fast nicht fassen. Es war Spass, den Film zu drehen, ihn zu schneiden, aber der grösste Spass war es, den Film nach einer solch kurzen Zeit einem Publikum zu zeigen.

ON: Wie war die Zusammenarbeit mit den Tänzern?
GN: Ich mag Schnelligkeit - und diese Tänzer sind unglaublich schnell. Und sie sind unglaublich sauber, was man im Film nicht wirklich sieht, nachdem der Sangria zu wirken beginnt. Doch das sind alles professionelle Tänzer, die nicht trinken und keine Drogen nehmen, was fürs Tanzen nur hinderlich wäre.

ON: Woher haben die Tänzer dann die Inspiration genommen, wie man sich auf einem Drogentrip verhält?
GN: Wir haben im Internet viele Videos mit Personen gefunden, die einen schlechten Trip haben. Auf Crack oder anderen Sachen. Wir hatten da etwa eine ganze Stunde an Anschauungsmaterial, wobei sich die Tänzer ihren "Bad Trip" auswählen konnten: "Ich will jenen Typen auf der Party, ich will jenen auf der Polizeistation, ich will die Frau, die in der U-Bahn herumschreit." Das Beeindruckende war, dass es beim Cast ausser Sofia Boutella und Sarah Belala keine profesionellen Schauspieler hatte. Aber jene, die noch nie in einem Film waren, hatten viel Spass und hängten sich richtig rein, sodass ich die beste Zeit an einem Set hatte.

ON: Wie konntest du den Hollywood-Star Sofia Boutella (Kingsman: The Secret Service, The Mummy) für das Projekt gewinnen?
GN: Ich wusste gar nicht, wer sie genau war. Ich bin kein Fan des heutigen amerikanischen Kinos, sondern mehr von den Sachen aus den Siebzigern. Deshalb kannte ich Sofia nicht als Schauspielerin. Ich traf sie aufgrund von Tanzvideos und fand sie bei unserem Treffen sympathisch und intelligent.

ON: Der Film ist ein echt wilder Trip. Was möchtest du den Zuschauern mitgeben, bevor sie sich den Film ansehen?
GN: Versucht nicht in Ohnmacht zu fallen (lacht).

Climax kommt am 13. Dezember 2018 in die Schweizer Kinos.

© A24

Quelle: OutNow.CH

10.12.2018 07:00 / crs


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