Heimatskunde auf Albanisch

Das Drama "Cold Nold November" thematisiert die schwierige Situation vieler Kosovoalbaner in den Neunzigern und gewann gestern am ZFF den Publikumspreis. Unser Autor hat beim Q&A reingehört.

Eine Szene aus "Cold November"

«Das sind genau meine Erinnerungen», sagt Ismet Sijarina. Seine Worte entfalten Wirkung im proppenvollen Kinosaal. Das Publikum hat sich im Rahmen des 14. Zurich Film Festival soeben in kurzweiligen eineinhalb Stunden das fiktive, aber deswegen nicht weniger bedauernswerte Schicksal des kosovarischen Familienvaters Fadil Syma zu Gemüte geführt. Dieser revoltiert seiner Familie zuliebe nicht gegen das serbische Regime, wird aber deswegen von seinen ehemaligen Freunden als Volksverräter verstossen. «Er hat zwei falsche Optionen und er weiss das», fasst Sijarina treffend die Situation so vieler Kosovo-Albaner in den Neunzigerjahren zusammen. Entweder bringt man Schande über die Familie, oder sie hat nichts mehr zu essen.

Fast das komplette Filmteam durchlebte diese Zeit, in der der Kosovo seine Autonomie an Slobodan Milosevics Serbien verlor. Die von Diskriminierung, Entwurzelung und Repression geprägte Ära mündete schliesslich im Krieg. Diese persönlich oder kolportiert durchlebten Erfahrungen sitzen bei allen Beteiligten noch immer tief. Auch die emigrierten Kosovaren, die im Kinosaal gut vertreten sind, bauen auf den Widerstand dieser Zeiten einen gewichtigen Teil ihrer Identität. Vorsichtige Schätzungen des Bundesamtes für Migration sprechen von 150 bis 170'000 Menschen mit kosovarischem Hintergrund, die um das Jahr 2010 in der Schweizer Diaspora lebten.

Shaqiri verstehen

Kushtrim Hoxha, Adriana Matoshi oder Fatmir Spahiu: Der Cast des Dramas liest sich dementsprechend wie der Telefonalarm einer Schulklasse in der Zürcher Agglomeration. Doch mit Ausnahme der Namen erinnert in diesem Film wenig an das hiesig gängige Klischee des Kosovo-Albaners. Nicht einmal die Sprache kommt einem bullig vor, eher gewitzt und manchmal sogar mit einem Hang ins trotzig-verletzliche.

Schauspieler Fatmir Spahiu ist an diesem Abend auch in Zürich. «I'm the fat one», bricht er mit Referenz auf seine Filmfigur sofort das Eis, denn sein Anliegen ist wichtig. Er weiss um die grosse kosovarische Gemeinde in der Schweiz und das nicht immer einfache Verhältnis zwischen seinen Landsleuten und deren zweiten Heimat.

Von Cold November erhofft er sich - sobald ein Schweizer Verleiher gefunden ist - dass die Schweizer «ihre» Kosovo-Albaner verstehen lernen. Und schiebt nach: «Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri.» Grosser Solidaritätsapplaus im Saal für die beiden Fussballnationalspieler, die im Sommer schweizweit die Gemüter erregten, als sie im WM-Spiel gegen Serbien als Torjubel den Doppeladler, Nationalsymbol Albaniens, pantomimisch darstellten. Mit diesem Film lernt man solche Aktionen tatsächlich besser verstehen, aber man lernt sie auch besser zu hinterfragen. «Wir wollten nicht aus einer patriotischen Perspektive aus urteilen», sagt Regisseur Sijarina, gibt aber sogleich zu bedenken: «Von Film und Sport ist es immer nur ein kleiner Schritt in die Politik.»

Aus der Not eine Tugend gemacht

Das erlebten die beiden auch am Filmfestival im baskischen Donostia-San Sebastián, dessen Volk schon lange nach der Unabhängigkeit von Spanien strebt. Sijarina zeigt sein T-Shirt, auf dem das baskische Befreiungsmotto inklusive Flagge prangt. Die Akzeptanz des Films beim Publikum war gross. Kein Wunder, denn Parallelen zwischen der jüngeren Geschichte des Baskenlandes und dem Kosovo lassen sich durchaus finden.

Doch Cold November erzählt nicht reisserisch, sondern meistert im Gegenteil die Gratwanderung zwischen Film und Politik bravourös. Er bleibt sowohl gegenüber der (heute) serbischen als auch kosovarischen Seite fair und bietet äusserst authentische Eindrücke der soziopolitischen Umstände dieser schwierigen Jahre. Dies liegt nicht zuletzt am grossartig aufspielenden Schauspieler-Ensemble, dessen Mitglieder ihre gemeinsame Geschichte noch immer sehr stark bewegt.

Diese Homogenität des Erlebten erlaubte es Sijarina, die Dialoge nicht zu skripten. Wurde eine Szene 20-mal gedreht, entstanden zwar 20 verschiedene Szenen, aber alle mit derselben Tiefe. So generierte der Regisseur die gewünschte Qualität. Denn aus der Not, dass dieser Film ein «really, really low-budget-film» ist, wurde gleich zu Beginn des Drehs eine Tugend gemacht: «Wir sagten uns: Wir haben kein Geld und wir werden damit nichts verdienen, also lasst uns einen guten Film machen!» Es ist ihnen gelungen.

Unsere Kritik zum Film findet ihr hier.

Quelle: OutNow.CH

07.10.2018 09:15 / arx


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