"Werk ohne Autor": Das Interview mit Hauptdarsteller Tom Schilling

In dem Epos spielt Tom Schilling einen Künstler, der einiges durchmacht. Wir trafen den 36-jährigen zum Interview und sprachen mit ihm über das Malen, Netflix und über die lange Laufzeit des Filmes.

Wer sich für deutsches Kino interessiert, kam im vergangenen Jahrzehnt nur schwer um Tom Schilling herum. Der gebürtige Berliner war in Filmen wie Der Baader Meinhof Komplex, Oh Boy sowie im verdammt coolen Hacker-Thriller Who Am I zu sehen. In Werk ohne Autor von Oscarpreisträger Florian Henckel von Donnersmarck spielt er nun den jungen Künstler Kurt Barnert, dessen Geschichte der Zuschauer über mehrere Jahrzehnte verfolgt. Teile davon stammen dabei aus dem Leben des bedeutenden deutschen Künstlers Gerhard Richter.

Wie trafen den äusserst sympathischen Deutschen - er fragte uns höchst freundlich gleich zweimal, ob wir was trinken möchten - zweimal!!! - anlässlich der Schweizer Premiere von Werk ohne Autor am Zurich Film Festival 2018 zum Interview.

OutNow.CH (ON): Viele Dinge im Film sind an das Leben von Künstler Gerhard Richter angelehnt. Wie sehr hast du dich in der Vorbereitung mit Richter selbst beschäftigt?
Tom Schilling (TS): Ich habe mich fast ausschliesslich nur mit Richter auseinandergesetzt. Dies aber nicht, um ihn nachzumachen. Mir ging es dabei vor allem um seine Gefühlswelt. Ich wollte ihn begreifen. Dafür habe ich viele seiner Texte gelesen, Dokus geschaut und auch selber gemalt. Letzteres mit dem Künstler, der für den Film die Bilder gemalt hat. Er war der in Achtzigern übrigens der Assistent von Richter.

ON: Du hast früher selbst viel gemalt und konntest dir sogar eine Karriere als Maler vorstellen. Wie war es für dich am Set? War es dann wie eine Art der Selbstverwirklichung?
TS: Am Set konnte ich nicht wirklich malen. Einzelne Takes dauerten jeweils nur ein paar Sekunden, und da kommst du gerade nur zu einem oder zwei Pinselstrichen. Da konnte ich die Vorbereitung im Atelier mit Andreas Schön viel mehr geniessen. Prinzipiell war der Film aber für mich eine Art Happy-End. In meinen Zwanzigern war ich nicht immer zufrieden mit dem Schauspieler-Beruf. Da habe ich immer gedacht, warum bin ich nicht im Atelier gelandet. Diese Abhängigkeit als Schauspieler ist furchtbar. Mit Werk ohne Autor schliesst sich jetzt jedoch der Kreis, was ich sehr schön finde.

ON: Die Nachkriegszeit hast du mit deinem Jahrgang 1982 natürlich nicht erlebt. Trotzdem: Wie war es für dich, in der Nachbildung des zerbombten Dresden zu drehen?
TS: Möchtest du die ehrliche Antwort? (lacht) Ne, sorry, ich bin immer ehrlich. Die unehrliche Antwort wäre: "Das war jetzt aussergewöhnlich und so. Und unglaublich beeindruckend und blabla." Aber die ehrliche Antwort ist, dass ich schon in so vielen Kriegsfilmen mitgespielt und in zerstörten Settings gedreht habe, dass dies mich nicht mehr richtig hinter dem Ofen hervorlockt. Das ist für mich ganz normales Tagesgeschäft. Man muss aber auch sagen, dass hier einiges erst am Computer entstanden ist.

ON: Werk ohne Autor dauert 188 Minuten. Was würdest du jenen entgegnen, die sich nicht sicher sind, ob sie für so lange ins Kino hocken möchten?
TS: Der alte Grundsatz: Wenn etwas gut ist, ist man auch bereit, acht Stunden damit zu verbringen. Und wenn etwas langweilig ist, dann kann es nicht kurz genug sein. So geht es beim Film auch.

ON: Wie war die Zusammenarbeit mit Sebastian Koch, der im Film recht böse ist?
TS: Wir haben unsere Charaktere - auch wenn die Kameras mal nicht liefen - "mitgenommen". Wenn wir jeweils gemeinsam gegessen haben, war die Stimmung zwischen uns immer leicht angespannt. Je mehr wir uns abseits der Kamera gemieden oder nur beäugt haben, desto einfacher fiel es dann während des Drehs. Das macht das Spielen dann deutlich einfacher. Wenn wir jetzt ein Herz und eine Seele wären, wäre es deutlich schwieriger.

ON: Wie war es, diese wunderschönen fotoähnlichen Bilder mit einem Pinsel zu verwischen? Brauchte es da grosse Überwindungskraft?
TS: Total! Als ich das bei einem selbstgemalten Bild machen musste, tat ich mich schwer. Ich habe mir echt Mühe gegeben mit dem Bild und es gefiel mir ziemlich gut. Aber dann musst du es verwischen, wodurch du es auch zerstören könntest. Es könnte ja bescheuert aussehen. Aber durch dieses leichte Verwischen verrutschen die Gesichter manchmal so und plötzlich siehst du was ganz anderes. Du erkennst zwar schon noch, was du gemalt hast. Aber das Markante an Gesichtern kriegt einen anderen Charakter und einen anderen Gesichtsausdruck. Das wirkt dann so wie auf LSD. Du siehst dann völlig was anderes. Plötzlich sieht der Mann aus wie ein Schweinchen. Es hat sich dann auf eine gute Art und Weise verändert.

ON: Hast du ein Andenken an den Film, zum Beispiel ein Bild, nach Hause nehmen können?
TS: Ja, ich habe ein Bild zuhause. Ein kleines, das ich selber gemalt habe. Es ist jenes der Verhaftung von Burkard Kroll. Dort, wo er von zwei Polizisten abgeführt wurde.

ON: Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck gilt als Perfektionist. Wie war das am Set? Gab es da wie bei einem David Fincher auch mal 160 Takes, bis er zufrieden war?
TS: Ja, hatten wir auch (lacht). Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich 100-mal den gleichen Satz aufsagen musste. Es gibt halt verschiedene Regisseure, wie es auch unterschiedliche Fussballtrainer gibt. Du hast da welche, die sagen "Komm, du schaffst das. Geh raus und kämpfe." Und da gibt es welche: "Nein, du musst das genauso machen. Wir haben das durchstudiert. Das geht nur so. Halt dich einfach dran." Wenn die Filme am Ende gut sind, fragt sich niemand mehr, wie das entstanden ist. Von Donnersmarck ist da eher in der Tradition von Stanley Kubrick und Roman Polanski. Als Schauspieler muss man sich letzten Endes in den Dienst eines Regisseurs stellen. Fast die einzige Einflussnahme, die ich als Schauspieler haben kann, ist bei der Auswahl der Projekte. Ich muss mich selbst fragen, in wessen Hände ich mich geben möchte.

ON: Was war der Auslöser, dich in die Hände von Donnersmarcks zu geben?
TS: Ich finde ihn einen einzigartigen Filmemacher - zumindest in Deutschland. Es gibt niemanden, der so kompromisslos mit klugen Themen unterhalten will und der es auch schafft, ein grosses Publikum zu erreichen. Einer, der auch keine Angst vor Gefühlen hat und furchtlos ist, was Kritiker betrifft. Er bleibt einfach völlig bei sich selbst und bei seiner Vision und vertraut sich.

ON: In einer Szene wird um dich herum von vielen Bussen ganz laut gehupt. Hattest du danach einen Tinnitus?
TS: Nene, das nicht. Da war ich schon zu oft an Konzerten, die deutlich lauter waren (lacht).

ON: Momentan schüttelt Netflix ja gerade etwas die Filmwelt durch mit dem Plan, seine Werke mit ihrem Kinostart auch gleichzeitig online anzubieten. Wie schwierig ist es als deutscher Schauspieler inmitten dieses Krieges zwischen Streaming-Portalen und "echten" Kinoproduktionen?
TS: Ich kriege diesen Kampf noch nicht so mit. Die Auswertungs-Maschinerie ändert sich sowieso immer irgendwie. Früher hat man gefragt, ob man ein Kino- oder ein Fernsehschauspieler ist. Ich hab dann immer gesagt, dass ich dort bin, wo die Qualität ist. Es gibt auf beiden Seiten gute und schlechte Sachen - so ist es jetzt auch mit Netflix und den anderen Streaming-Diensten. Man muss die guten Sachen dann für sich einfach raussuchen.

ON: Das ist ja besonders bei Netflix nicht immer leicht. Durch die Angebotsfülle rutscht ja vieles recht schnell runter.
TS: Genau. Ich halte nicht viel von Netflix und den Algorithmen, die einem irgendwas vorschlagen: Ich bin immer dankbar, wenn ich mich mit jemanden unterhalte, der auf der gleichen Wellenlänge ist und mir dann was empfiehlt.

Werk ohne Autor läuft ab dem 4. Oktober 2018 in den Schweizer Kinos.

© Buena Vista International

Quelle: OutNow.CH

04.10.2018 14:30 / crs


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