Das Venedig-Tagebuch 2018 - Tag 5: Ein abwechslungsreiches Quintett

Der fünfte Tag auf dem Lido ist der richtige Tag, um fünf Filme zu sehen. Fünf Filme, welche die Vielfalt eines Festivals wie der Mostra Internationale d' Arte Cinematografica demonstrieren.

Nicht über das Niveau eines soliden Hochglanz-TV-Krimis hinaus kam mein erster Film am Sonntagmorgen. Frères ennemis von David Oelhoffen. Der Name des Regisseurs ist zwar lustig, sein Film jedoch bitterer Ernst. Ein Gangster muss mit einem Polizisten zusammenarbeiten. Ja, das ist so originell, wie es klingt. Da hat mir der letzte Venedigbeitrag Oelhoffens besser gefallen. Der Hauptgrund, weshalb ich mich schon so früh in den Saal setzte, war dann aber der zweite Film. Da viele Journalisten und Akkreditierte das Areal der Pala Biennale nicht verlassen zwischen dem Filmdoppelpack, wollte ich meinen Platz für Suspiria gesichert haben.

Obwohl ich schon lange ein grosser Horrorfan bin, war Dario Argentos Suspiria bis wenige Tage vor dem Festival noch eine dieser üblen Bildungslücken. Nachdem ich den Film dann endlich gesehen habe war ich hellbegeistert von diesem surrealen Giallo-Meisterwerk und loggte mich gleich bei OutNow ein, um die Sechs-Sterne-Wertung abzugeben. Auf dieselbe Bewertung habe ich mich eigentlich auch beim Original eingestellt. Das dies nicht so herauskam, kann man hier lesen. Einen Punkt gibt es aber noch zusätzlich zu erwähnen: Als Deutschsprachiger hat man wohl noch eine Portion unfreiwilligen Humors mehr als andere Zuschauer. Die Akzente sind in englisch gesprochenen Szenen übertrieben karikiert und die deutschen Dialoge wirken vorgelesen. In einer Szene sind sie dies dann auch so offensichtlich (Tilda Swinton liest in der Zeitung und eindeutig ihren Text ab. Ein Teleprompter wäre unauffälliger gewesen), dass kein Auge trocken bleibt.

Film Nummer drei, Charlie Says von American Psycho-Regisseurin Mary Harron beschäftigt sich mit dem Kult und den Morden rund um Charles Manson. Dank Perücke und Bart erkannte ich den Darsteller des Psychopathen während des Schauens nicht. Erst im nachfolgenden Q&A wurde mir klar, dass Matt Smith (The Crown) Manson verkörperte. Und dies, nachdem ich wenige Tag zuvor die News las, dass er eine Rolle im nächsten Star-Wars-Film haben soll (ich bin leicht Fan). Da hatte ich gleich einen kleinen Fanboy-Moment, ganz ohne ihn vorausgesehen zu haben.

Weiter ging es mit Tipparbeit im Pressesaal - jenem Saal, in dem dieses Jahr immer wieder Streit ausbricht, da nicht genügend Arbeitsplätze vorhanden sind, wo Menschen in einem Affenzahn mit der bewährten Einfinger-Technik in die Tasten pieksen und ein alternder Mann sich durch Bilder einer nicht ganz sauberen Datingseite scrollt (so die Erfahrungen der OutNow-Delegation seit Festivalstart).

Den ungarischen Film Napszállta hat OutNow-Redaktor rm schon bei der Review-Zuständigkeitsverteilung genial als "Abschalta" (wie Ausschalten) bezeichnet. Dieser Running Gag zog sich dann auch weiter, als wir den Film zu dritt schauen konnten. Die Hauptrolle spielte die Nackenmuskulatur von Juli Jakab, welcher die Kamera in jeder Sequenz folgte. Der Film sorgte bei uns für etwas Verwirrung und verlangte einiges an Geduld. Gefallen hat mir jedoch die filmische Optik. Da flackerte das Licht auf die Leinwand wie damals, als ich mich ins Kino verliebt habe. Der Film wurde nämlich auf 35mm abgefilmt und dann auch so projiziert - wir sind ja schliesslich an einem Festival.

Als Ausklang dann der kürzeste Film des Festivals: Der serbische Filmemacher Emir Kusturica porträtierte den uruguayanischen Ex-Präsidenten und Ausnahmepolitiker José Mujica in El Pepe, Una Vida Suprema. Einfach ein cooler Typ, dieser Pepe. Man mag gewisse Aussagen hinterfragen, doch der Mensch ist derart charismatisch, dass man an seinen Lippen hängt. Alleine sein Sinnieren über eine mögliche Toilettenfunktion an Smartphones oder seine Lösungsvorschläge in Sachen Klimawandel sind äusserst faszinierend. Ein würdiger Abschluss also eines durchmischten, aber interessanten Tages hier auf dem Lido.

Quelle: OutNow.CH

05.09.2018 08:37 / ma


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