Das Venedig-Tagebuch 2018 - Tag 3: Völlig verwässert

Der dritte Tag brachte der OutNow-Delegation nebst tollen und weniger tollen Filmen auch die ersten Regentropfen und passend dazu einen Dokumentarfilm über die Kraft des Wassers.

Vor lauter Schreiben habe ich im gestrigen Tagebucheintrag doch glatt einen Film vergessen. Ja, Doubles Vies von Olivier Assayas habe ich auch noch gesehen. Doch zurück zum Freitag, der mit einem Double Feature in der Palabiennale begann. Dieser, einem riesigen Festzelt ähnelnde, Filmtempel hat Platz für 1700 Leute. Die unbequemen Holzstühle nehme ich da gerne in Kauf, denn der wummernde Sound und die grosse Leinwand lassen Rückenschmerzen bei einem guten Film vergessen. Leider startete der Tag nicht mit einem guten Film...



Yorgos Lanthimos, der Grieche mit der Ecke ab (no offense), zeigte seinen Film The Favourite mit Emma Stone und Rachel Weisz. Nach The Killing of a Sacred Deer, der mich ebenso faszinierte wie verstörte, war ich gespannt, wie ein Kostümschinken des provokanten Filmemachers sein könnte. Die Antwort ist: ziemlich hässlich. Sowohl optisch (die Fischaugen-Optik nervt), als auch inhaltlich. Die Dialoge sind vulgär und die Figuren ziemlich abscheulich. Hier wollte mal wieder jemand das Publikum etwas schocken, ohne einen wirklichen Grund dafür zu haben, und auch "absurd" wird mit der Zeit ein alter Hut.

Gleich danach gab's einen ziemlich tollen Film von Gravity-Regisseur Cuarón. Roma wird leider für die meisten Leser nur auf Netflix zu sehen sein, was eine Schande für einen visuell so dichten Film ist. Während dem Screening begann dann der Regen auf das Dach der Palabienale zu prasseln, begleitet von Donnergrollen, welches immer näher kam. Ein Donnerschlag liess gleich den halben Saal kurz aufschrecken. So war ich dann auch eher weniger erfreut, aufs Velo zu steigen. Man kann ja nicht nur Filme schauen, und so verbrachte ich einige Stunden hinter dem Laptop.

Zeitgleich fand die Pressekonferenz zu A Star Is Born statt, welcher Kollegin swo beiwohnen durfte. Bereits zwei Stunden vor Einlass standen akkreditierte Gaga-Fans vor dem Konferenzraum. Dieser war dann anscheinend auch recht überfüllt. Es wurde gemunkelt, dass rund 30 % mehr akkreditierte Festivalgäste als letztes Jahr präsent seien. Die Kritik von swo gibt es übrigens hier.

Nach einem weiteren Kostümschinken, Mike Leighs Peterloo, setzte ich mich mit gli in Aquarela. Ganz ohne Vorwissen behauptete mein Kollege, dass dies die grosse, versteckte Perle des Festivals werden könnte. Dieses Statement wurde dann aber ziemlich schnell weggewaschen. Wörtlich. Die Dokumentation setzt sich mit der Kraft des Wassers auseinander. Die Eröffnungssequenz zeigt Arbeiter, die versunkene Autos unter einem vereisten See herausfischen, was ziemlich faszinierend war und eine schockierende Szene enthielt. Danach gab es zwar weitere berauschende Bilder von Wirbelstürmen, Wasserfällen und schwimmenden Tieren; doch nach 22 Uhr und mit der unpassenden Hardrockmusik als Untermalung war es für einen solchen Film einfach schon zu spät. Immerhin können wir uns immer noch auf diese olle "versteckte Perle des Festivals" freuen.

Quelle: OutNow.CH

02.09.2018 14:25 / ma


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