Weiter zu OutNow.CH »
X

"Isle of Dogs": Das Interview mit Wes Anderson, Jason Schwartzman und Roman Coppola

Wir trafen den Regisseur und seine beiden Co-Autoren anlässlich der Schweizer Premiere und sprachen über kaputte Welten, Netflix und ungewöhnlich lange über das Thema "Niesen".

Bill Murray, Wes Anderson, Roman Coppola, Tilda Swinton und Jason Schwartzman an der Schweizer Premiere © OutNow.CH/nna

Nach seinem mehrfach Oscar gekrönten Erfolg mit The Grand Budapest Hotel ist Regisseur Wes Anderson wieder zurück zum Stop-Motion-Animationsfilm gegangen. Damit ist der detailverliebte Regisseur schon einmal ganz gut gefahren. Seine Roald-Dahl-Verfilmung The Fantastic Mr. Fox macht auch neun Jahre nach dem Release immer noch sehr viel Spass. In seinem neusten Film, Isle of Dogs, reisen wir nun nach Japan. Dort wurden alle Hunde wegen der sogeannten Hundegrippe auf eine Müllinsel verbannt. Als dort ein Menschenjunge auftaucht, um seinen Hund zu suchen, kriegt er Hilfe von einem vierbeinigen Gespann, das in der Originalfassung von Bryan Cranston, Edward Norton, Bill Murray und Jeff Goldblum gesprochen wird.

Am 17. Februar brachte Wes Anderson seinen neusten Film nach Zürich, um die Schweizer Premiere des Filmes zu feiern. Wir trafen den Texaner zusammen mit seinen Co-Autoren Jason Schwartzman und Roman Coppola zum Interview.

OutNow.CH: Meist stehen mental kaputte Figuren in den Filmen von Wes Anderson im Zentrum. Isle of Dogs nun hat ein sehr dystopisches Feeling, also die ganze Welt scheint kaputt zu sein. Habt ihr euch gedacht: "Mensch, warum sind wir nicht schon früher auf die Idee mit der kaputten Gesellschaft gekommen?"
Wes Anderson: Bevor wir wussten, dass die Gesellschaft kaputt war, wussten wir nur, dass diese Hunde im Exil leben müssen. Wir starteten also ausserhalb der Gesellschaft. Und dann mussten wir uns fragen, wie die Hunde überhaupt dort hingekommen sind und was für Figuren das genau sind. Was passiert gerade, wo diese Hunde NICHT sind? Was ist mit dem Ort los, wo sie früher lebten? So kam es dann zu dieser Idee. Das mit der Dystopie ist also mehr aus dem Prozess entstanden.

OutNow.CH: Warum habt ihr Japan als Handlungsort gewählt?
Wes Anderson: Der Hauptgrund ist, dass wir drei japanische Filme lieben. Unser Handlungsort ist zudem nicht einfach Japan, sondern unsere Geschichte spielt innerhalb eines japanischen Filmes aus dem Jahre 1962. In einem Ort, den es nicht wirklich gab, in dem unsere Story aber trotzdem spielt.

OutNow.CH: Deshalb hat es im Film wohl auch die vielen TV-Geräte aus den Sechzigern. Aber trotzdem hat der Film etwas Futuristisches. Fast wie eine Art Paralleluniversum.
Wes Anderson: Ja, genau (lacht). Ursprünglich hatten wir die Idee, dass zu Beginn ein Erzähler verkündet "Das Jahr 2007...", als wäre das in einer weit entfernten Zukunft. Aber das wäre dann zu verwirrend gewesen, weshalb wir uns dagegen entschieden haben

OutNow.CH: Stattdessen heisst es jetzt "Zwanzig Jahre in der Zukunft", ohne jedoch zu enthüllen, von welchem Jahr aus da gezählt wird.
Wes Anderson: Genau, das war unser Trick (lacht).

OutNow.CH: Die Produktion eines Stop-Motion-Filmes ist eine rechte Knochenarbeit. Habt ihr euch während der Dreharbeiten mal ein bisschen schlecht gefühlt, weil ihr so viele Sachen ins Drehbuch geschrieben habt? Wolltet ihr auch mal Sachen aufgrund der vielen Arbeit für die Animatoren kürzen?
Roman Coppola: Das war eigentlich nie ein Thema. Während der Schreibarbeit musst du alle Freiheiten haben. Als das Skript dann stand, gab es dann jedoch für die Animatoren viele Herausforderungen zu bewerkstelligen, wie Szenen mit Hunderten von Menschen.
Jason Schwartzmann: Ganz ehrlich weiss ich nicht, ob Wes unsere Ideen schon gefiltert hat, was mit Stop-Motion möglich ist und was nicht. Zudem muss ja auch auf das Tempo und der Humor geachtet werden.
Wes Anderson: Vielleicht habe ich in dieser Hinsicht eine Art von Persönlichkeitsstörung. Wenn mir jemand sagt, dass ich meinen Teller nicht abwaschen muss, dann mache ich es trotzdem. Wenn es aber um die Arbeit an einem Film geht, dann geht es darum, es richtig und korrekt zu machen. Da habe ich kein Mitleid. Mir käme es nie in den Sinn, darüber nachzudenken, ob das vielleicht viel Arbeit für jemanden sein könnte. Ich würde nicht sagen, dass in diesen Dingen meine Nettigkeit durchscheint. Ich rede zwar mit den Leuten und nehme ihre Ratschläge an, aber ich würde immer wieder zurückgehen und ihnen sagen, dass es nicht richtig ist. Viele Leute, mit denen ich zusammenarbeite, verstehen das und holen neue Anläufe, es ein weiteres Mal zu probieren. Wen sowas jemanden frustriert, ist es schwierig, mit ihm zu arbeiten.

OutNow.CH: Mir ist aufgefallen, dass sich im Vergleich zu The Fantastic Mr. Fox die vielen Haare bei den Hunden in Isle of Dogs nicht so wild und unkontrolliert bewegen. War das etwas, das ihr im Gegensatz zu "Fox" verbessern wolltet?
Jason Schwartzmann: Fuchshaar ist länger (sie lachen).
Wes Anderson: Die Animatoren, die sich um die Hunde kümmerten, wurden sorgfältig ausgewählt und waren dann wirklich auch nur für die Hunde zuständig. Andere wiederum konzentrierten sich auf die Menschen, die nicht diese sich ständig bewegenden Haare haben. Den Unterschied, den du bemerkt hast, hat wirklich mit der besseren Qualität der Animation zu tun.


OutNow.CH: Wegen der Hundegrippe niesen die Hunde immer mal wieder. Haben alle Schauspieler ihre eigenen Nieser miteingebracht?
Wes Anderson: Hehe, nein.

OutNow.CH: Wie habt ihr die Leute im Aufnahmstudio zum Niesen gebracht?
Wes Anderson: Wir mussten Nieser verwenden, die jemand anderes bereits aufgenommen hat. Es ist sehr schwierig, einen Nieser aufzunehmen. Aber es gibt im Tonstudio jede Menge Aufnahmen von Leuten, die in einem Studio mal niessen mussten.
Roman Coppola: Die Nieser werden herumgereicht?
Jason Schwartzman: Der Wilhelm-Nieser (Anm. d. Red.: "Wilhelm-Scream" ist ein immer wieder verwendeter Schrei in der Filmbranche)...
Wes Anderson: Man muss aber aufpassen, da es auch viele falsche Nieser gibt, und zudem musste man darauf achten, dass der Nieser dem Hund entspricht. Das war echt ein Krampf, da die richtigen auszuwählen. Dann kam noch hinzu, dass unser Mann für den Tonschnitt zu mir dann sagte, dass wir zu wenig Nieser für diese Hundegrippewelt haben. Er benötigte dann nochmals 25 zusätzliche Nieser.
Roman Coppola: Wie viele Nieser sind dann im Film?
Wes Anderson: 305 vielleicht (lacht).

OutNow.CH: Ein kleines Geständnis: Rushmore ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Weil er nicht so bekannt ist, ging ich meinen Freunden damit jahrelang regelrecht auf die Nerven, damit sie ihn sich anschauen. Habt ihr auch solche nicht so bekannte Lieblingsfilme, welche sich die Leute unbedingt anschauen sollen?
Roman Coppola: Who Is Harry Kellerman and Why Is He Saying Those Terrible Things About Me? mit Dustin Hoffman. Ich versuche jetzt nicht den Plot des Filmes nachzuerzählen. Der Film hat mich einfach sehr angesprochen. Habt ihr den gesehen?
Wes Amderson: Jawohl. Wer kennt Little Murders? Hast du den gesehen?
OutNow.CH: Noch nicht.
Wes Anderson: Alan Arkin hat da Regie geführt, es basiert auf einem Theaterstück. Elliott Gould hat die Hauptrolle gespielt.
Jason Schwartzman: Ich würde Heartworn Highways empfehlen. Eine Doku aus den Siebzigern über Countrymusik. Einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Vor kurzem ist er bei iTunes erschienen. Man muss dabei nicht mal Countrymusik mögen, um den Film toll zu finden.
Roman Coppola: Oh, Dokumentarfilme: David Holzman's Diary, ein Film von 1967, der in der heutigen Zeiten von Selbstportraits/Selfies sehr aktuell ist.
Jason Schwartzman: Einen hab ich noch: Big Night!
Wes Anderson: Sadie McKee, einer der ersten "Talkies". So gut.
Jason Schwartzman: Für Kinder kann ich noch Follow that Bird empfehlen.

OutNow.CH: Danke für all diese Tipps. Im Jim-Jarmusch-Film Paterson gibt es eine Szene, in der Kara Hayward und Jared Gilman, die Hauptdarsteller von Moonrise Kingdom, zwei Studenten spielen.
Wes Anderson: Jawohl (grinst über beide Ohren).
OutNow.CH: Ist das ein Easter-Egg? Hat dich Jarmusch diesbezüglich kontaktiert, oder war es für dich eine Überraschung, als du dann Paterson zum ersten Mal gesehen hast?
Wes Anderson: Jim Jarmusch hat mich diesbezüglich nicht kontaktiert, denn Jim schreibt keine E-Mails. Ich habe es von Set-Designer Marc Friedberg erfahren, mit dem ich auch schon zusammengearbeitet habe. So war ich dann vorbereitet auf ihren Auftritt. Ich liebe Paterson.

OutNow.CH: Das Thema Netflix beschäftigt die Filmwelt. Werden kleinere Filme in der Zukunft noch eine Chance haben, im Kino zu laufen oder werden die alle nur noch auf Netflix landen?
Wes Anderson: Grosse Filme gehen ja auch zu Netflix. Ich sehe es so, dass kleinere Filme, die auf Netflix landen, sich glücklich schätzen können. Würden sie nur in Kinos gezeigt, wird es schwierig für die Macher, ihre Filme zu finanzieren.
Jason Schwartzman: Es ist einfach schade, dass viele Netflix-Filme gar nie in die Kinos kommen. Sie sollten doch einfach selbst Kinos eröffnen. Das wäre doch was!

Isle of Dogs kommt am 10. Mai 2018 in die Schweizer Kinos.

Quelle: OutNow.CH

07.05.2018 17:01 / crs


Artikel zum Thema

» Dossier: Interview
» Jetzt sprechen die Hunde: Putzige Interviews zu Wes Andersons "Isle of Dogs"
» Wes und Co.: Bilder von der grossen Schweizer Premiere von "Isle of Dogs"
» Erster Ausschnitt aus "Isle of Dogs", dem neuen Film von Wes Anderson
» Erster Trailer zu "Isle of Dogs" von Wes Anderson ("The Grand Budapest Hotel") [Update]
» "Isle of Dogs": Das Interview mit Wes Anderson, Jason Schwartzman und Roman Coppola


Kommentare zum Artikel

Kommentar schreiben

Du musst dich einloggen oder registrieren um einen Kommentar zu schreiben.

News zu Filmstars und Movies
Verunglückte Kleider, frischverliebte Paare, News, Gerüchte, Klatsch und Tratsch: Filmstars hautnah bei OutNow.CH, die jüngsten Stories der Stars und Sternchen sowie Informationen zur Filmszene insgesamt – OutNow.CH liefert alles.
"Isle of Dogs": Das Interview mit Wes Anderson, Jason Schwartzman und Roman Coppola
ABBA-Fieber: Neuer Trailer zu "Mamma Mia! Here We Go Again" (08.05.2018)
Deutscher Trailer zum Festival-Liebling und Neo-Western "The Rider" (08.05.2018)
OutCast - Episode 35: "Nach einer wahren Geschichte..." (07.05.2018)
"Isle of Dogs": Das Interview mit Wes Anderson, Jason Schwartzman und Roman Coppola (07.05.2018)
Unsere 11 meisterwarteten Filme vom Cannes-Filmfestival 2018 (07.05.2018)
"Hook" trifft auf "Ted": Erster Trailer zu Disneys "Christopher Robin" (07.05.2018)
Deutscher Trailer zum Liebesdrama "On Chesil Beach" mit Saoirse Ronan (07.05.2018)
Ähnliche Artikel
» "303": Das Interview mit Hans Weingartner
» "303": Das Interview mit Mala Emde und Anton Spieker
» Wes Anderson, Bill Murray und Tilda Swinton kommen nach Zürich
» Der Mann aus dem Eis: Das Interview mit Luc Jacquet ("Die Reise der Pinguine 2")
» "Fast schon psychedelisch": Das "Valerian"-Interview mit Sam Spruell (General Okto Bar)
» weitere Artikel anzeigen