Netflix vs. Cannes

Schon bald wird enthüllt, welche Filme am Cannes-Filmfestival um die Goldene Palme kämpfen werden. Zum grossen Abwesenden könnte Netflix werden. In unserem Hintergrundbericht erklären wir euch wieso.

"Nehmt uns gefällgst ernst"

Seit der Streaming-Gigant Netflix eigene Filme produziert, möchte das Unternehmen von der Industrie akzeptiert und respektiert werden. Man möchte Oscars gewinnen und an den Filmfestivals mitmischen. Ersteres wurde mit dem Triumph der Dokumentation Icarus in diesem Jahr schon Realität. Das mit den Filmfestivals klappte bis vor kurzem eigentlich auch recht gut. So zeigte das Venedig-Filmfestival im Jahr 2015 den Kindersoldatenfilm Beasts of no Nation und auch in Cannes durfte Netflix im vergangenen Jahr zwei Filme im Wettbewerb zeigen. Doch an der französischen Riviera begannen dann die Probleme.

Der Cannes-Streit 2017

Laut Reglement des Cannes-Filmfestivals dürfen Filme, die im Wettbewerb gezeigt werden und damit um die Goldene Palme kämpfen, in Frankreich erst 36 Monate nach dem Kinostart auf Streamingportalen angeboten werden. Das sind satte drei Jahre, was für Netflix ein absolutes No-Go ist. Das Unternehmen möchte seinen Kunden die jeweiligen Filme so schnell wie möglich zugänglich machen. Am liebsten nur wenige Tage nach der Weltpremiere. Zusätzlich ist ein französischer Kinostart für Cannes-Wettbewerbsfilme Pflicht. In der Hoffnung, dass Netflix seine Strategie nochmals überdenkt, lud Cannes-Festivalleiter Thierry Frémaux die Netflix-Filme Okja und The Meyerowitz Stories an die 2017er-Ausgabe ein. Zu einem Umdenken hat dies aber nicht geführt. So konnten sich Frau Müller und Herr Meier gerade einmal 40 Tage nach der Weltpremiere Okja Zuhause auf dem Sofa ansehen. Die französischen Kinobetreiber tobten und so wurde bei der Cannes-Pressevisionierung von Okja das Netflix-Logo ausgebuht und zusätzlich lief der Film für fünf Minuten auch noch im falschen Bildformat.

"Netflix ist weiterhin willkommen, aber..."

Von den französischen Kinobetreibern unter Druck gesetzt, musste Thierry Frémaux für die 2018er-Ausgabe handeln. So verkündete er vor ein paar Wochen, dass Netflix seine Filme weiterhin am Festival zeigen dürfe, diese Filme aber nicht um die Goldene Palme kämpfen werden, sondern ausser Konkurrenz gezeigt werden müssen. Eine Einschränkung, die Netflix-Filmchef Ted Sarandos mit den Worten "jetzt ist es weniger attraktiv" abtat. Attraktiv wären aber zweifelsohne die Filme im Programm von Netflix.

Filme als Geiseln

Wie Vanity Fair berichtet, wollte Netflix Alfonso Cuaróns Roma, Paul Greengrass' Norway, Jeremy Saulniers Hold the Dark, Orson Welles' The Other Side of the Wind und die Dokumentation They'll Love Me When I'm Dead am Festival zeigen. Doch nun droht der Streaming-Dienst damit, alle Filme zurückzuziehen. Beide Seiten (Cannes/französische Kinobetreiber und Netflix) beharren nun auf ihren Positionen und wollen keinen Kompromiss eingehen. Für die Regisseure der betroffenen Filme ist dies eine mühsame Situation. Sie wollen unbedingt ans prestigeträchtigste Festival der Welt und drehen ihre Filme doch eigentlich für die grosse Leinwand. Doch weil heutzutage die Hollywood-Studios fast nur noch Mega-Blockbuster oder Filme mit mickrigen Budgets produzieren, landen Regisseure, die für ihre Filme jeweils ein "mittleres Budget" benötigen, schnell mal bei Netflix, die das Geld dann zur Verfügung stellen. Die Quelle der Vanity Fair sagt treffend: "Die Studios finanzieren diese Art von Filmen nicht mehr. Es ist nicht so als würden Filmschaffende sich für Netflix und gegen einen 2'500-Leinwände-Release entscheiden."

Wer gewinnt?

Morgen wird das Programm der 71. Ausgabe des Cannes-Filmfestivals bekanntgegeben. Es wird spannend zu sehen sein, ob Netflix-Filme vertreten sein werden. Egal wie es ausgehen wird, zufriedenstellen wird man nicht alle Beteiligten. Wenn sich in Zukunft nichts ändert, heissen die Gewinner die Festivals von Venedig und Toronto sowie Amazon Studios. Anders als Netflix bringt Amazon Studios seine Filme in die Kinos und wird so zur spannenden Alternative für Regisseure. So faszinierend und spannend dieser Streit auch ist, dem Durchschnitts-Konsumenten wird es wohl egal sein: Beim Netflix-Zappen wird er dann vielleicht, vielleicht auch mal einen neuen Film eines gefeierten Regisseurs zu Gesicht bekommen. Schade nur, dass die Kino-Fans dann auch gezwungen sind, Meisterwerke wie Annihilation auf der heimischen Glotze und nicht im grossen Kinosaal zu sehen. Können wir nicht alle einfach etwas lieber miteinander sein? Kann mal jemand an die armen Filme denken?

Quelle: OutNow.CH

11.04.2018 16:43 / crs


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