Der Mann aus dem Eis: Das Interview mit Luc Jacquet ("Die Reise der Pinguine 2")

Sein erster Pinguinenstreifen ist einer der erfolgreichsten Dokumentarfilme aller Zeiten und brachte Jacquet auch einen Oscar ein. Wir trafen den Franzosen anlässlich des Starts der Fortsetzung.

Im Angesicht des Kaiserpinguins - Luc Jacquet mit einem Modell im Zoo Zürich

Insgesamt dreieinhalb Jahre seines Lebens hat Luc Jacquet in der Antarktis verbracht. Etwas weniger als die Hälfte davon widmete er den Kaiserpinguinen. Nachdem der studierte Biologe einst bei einem Forschungsaufenthalt am Ende der Welt seine Leidenschaft für das filmische Erzählen entdeckt und darauf an TV-Dokumentationen geschult hatte, machte er sich an die Arbeit für seinen ersten Kinofilm. Die Reise der Pinguine bescherte ihm nicht nur je einen César und Oscar, sondern auch eine Menge Publizität. Zwölf Jahre später ist er zu seinen gefrackten Gefährten zurückgekehrt, um Die Reise der Pinguine 2 zu drehen, der am 2. November in den Schweizer Kinos anläuft.

Was war das für ein Gefühl, nach so langer Zeit die Pinguine wiederzusehen?
Das war sehr seltsam. Dorthin bin ich seit genau zwölf Jahren nicht mehr zurückgekehrt. Ich war unheimlich ergriffen, sie wiederzusehen. Das war auch das Erste, was ich dort tun wollte. Die Sache, die mich verblüfft hat, war, festzustellen, dass die Magie noch immer wirkte. Ich glaube nicht, dass man da jemals ankommt und das als gewöhnliche Sache betrachtet. Es ist eine einmalige, aussergewöhnliche Erfahrung, während Wochen an der Seite dieser Spezies leben zu dürfen.

Obwohl Sie die Pinguine kennen, haben sie noch immer etwas Mystisches an sich?
(Zögert.) Dieses Mal war ich natürlich etwas älter, weswegen ich viel stärker das Glücksgefühl hatte, dort sein zu dürfen. Was mich auch noch viel mehr bewegt hat als die Male zuvor, war die ästhetische Magie, dieser Schein, das Lebensgefühl, das von diesem Tier ausgeht. Ferner stellte ich etwas fest, dessen ich mir vielleicht selber gar nicht bewusst gewesen bin. Früher war ich viel mehr von der Wissenschaft besessen, davon Dinge absolut zu sehen. Dieses Mal war ich von Beginn an völlig frei, diese unglaubliche Tierart instinktiv anzugehen. Deswegen verbrachte ich von Anfang an diese Reise wirklich damit, Fragen zu stellen: Wie machen sie dieses? Wie ist jenes möglich?

Verstehen Sie ihre Sprache?
Nein, ich verstehe ihre Sprache nicht, aber ich verstehe ihr Verhalten. Das heisst, ich weiss, wann ich ihnen zu nahe bin und sie störe. Ich weiss, wann sie sich mir annähern möchten, weil sie neugierig sind und weil sie Lust haben, mit mir zu interagieren. Das beste Mittel, einen Pinguin herbeizulocken, ist es, sich auf dem Packeis hinzustellen und darauf zu warten, dass sie kommen. Und sie kommen! Das ist etwas wahrhaftig Unglaubliches, weil es keine Spezies auf der Welt gibt, die gleichzeitig so neugierig und so friedliebend ist wie der Pinguin. Das hat etwas sehr Kräftiges an sich.

Wie klingt eigentlich die Antarktis? Sie beschreiben sie manchmal als "totale Stille".
Die Stille ist zeitweise derart gross... All die Melodien des Windes zusammen sind ein wenig wuchtig. Wenn der Wind nicht mehr weht, hört man im Hintergrund, sehr weit entfernt, stets die Pinguinkolonie, wie sie miteinander kommunizieren, ihren Gesang und so weiter. Aber die Stille ist zeitweise derart vollkommen, dass man das Rauschen des eigenen Herzens hört, das Geräusch der Blutzirkulation der eigenen Ohren, all die kleinen Geräusche des Körpers, die man sonst nicht hört. Das alles macht einen sehr mächtigen Eindruck, denn man fragt sich: "Was ist das? Das ist wirklich eigenartig... Das ist die Leere."

Wonach riecht die Antarktis?
Nicht nach viel, oder aber sehr übel, weil, das, was riecht, der Geruch des Pinguingefieders ist. Wenn es wärmer ist, sich die Temperaturen dem Nullpunkt nähern, riecht man ein wenig ihr Fett. Das ist ein sehr charakteristischer Geruch, etwas fettig, etwas säuerlich. Und sonst riecht man den Vogeldreck, der das Packeis bedeckt. Also etwas Ammoniakartiges, aber das ist örtlich sehr begrenzt. Sobald man sich entfernt, riecht man mehr. Im Sommer den Ozean...

Die Sache mit dem Riechen ist auch für Luc Jacquet an diesem Herbstmorgen nicht so einfach. Der Franzose ist leicht erkältet. Eigenartig, spricht man doch mit einem Mann, der gut und gerne mal Temperaturen um die -40° C trotzt. Doch Jacquet lässt sich nichts anmerken. Er, der fast doppelt so gross ist wie seine Lieblingstiere, sitzt ruhig da, die breiten Hände ums Knie geschlungen, manchmal etwas gekrümmt - fast so als träte sein innerer Pinguin hervor. Die Kraft dieser Tiere ist es, die Jacquet noch immer im Innersten bewegt und die er auch in seinem zweiten Film so ergreifend porträtierte.

Reise der Pinguine 2 resümiert teilweise den ersten Film, erweitert ihn auch und ändert einige Dinge, wie zum Beispiel die Art der Erzählführung. Es sind nicht mehr die Pinguine, die erzählen, sondern jemand aus dem Off. Was hat Sie zu diesem Perspektivenwechsel bewegt?
Im ersten Film hatte ich Lust, den Blickpunkt der Pinguine einzunehmen, damit man ihre Herausforderungen und alles das, was sie zum Leben haben, durchleben kann. Dieses Mal war mir wahrhaftig mehr danach, meine Sichtweise wiederzugeben. Das heisst, alles, was ich Ihnen hier erzähle, ist dasjenige, was mich auf dieser Reise sehr berührt hat. Das Entzücken, das Staunen, das Glücksgefühl, dort zu sein und all diese Dinge. Daher ist dies ein Voice-over, das viel persönlicher ist, sich meines Sichtpunkts viel stärker annimmt als sein Vorgänger.

Also würden Sie nicht sagen, der zweite Film ist gegenüber dem ersten viel dokumentarischer?
Das Problem eines solchen Filmes ist es, realitätsnahe Bilder zu schaffen. Für mich ist der von der Fiktion bestimmte Teil der Filme viel stärker, in dem Sinn, dass er Ihnen wirklich eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte mit einer Person - und warum diese Person? Weil der Pinguin das einzige Tier auf Erden ist, das man wie einen Menschen filmen kann! Die Kamera über die Schulter gerichtet, oder mit der Technik des Schnitt-Gegenschnitts hinterlässt man eine verständliche Grammatik. Ich wollte diese gebrauchen, damit die Zuschauer in diese Erzählweise und in diesen Sichtpunkt zurückkehren. Die Herausforderung war effektiv, eine Geschichte zu erzählen, in der sich all die Pinguine ähnlich sehen. Also war es nötig, dieses Voneinander abzugrenzen. Das ist eine Arbeit des Schnitts, die nicht erzwungen sein soll, aber die für mich wahrhaftig sehr viel gelungener und sehr viel fiktiver ist als eine Dokumentation.

In Reise der Pinguine 2 setzen Sie Drohnen, Unterwasserkameras, viele Zeitlupen mit grosser Leidenschaft ein. Damit inszenieren Sie vor allem die antarktische Unterwasserwelt, von der noch vieles unbekannt ist.
Ja, denn was mich am meisten fasziniert hatte, war tatsächlich, dass man das alles noch nicht kannte. Ferner die Kollision zwischen dem Bild eines Tieres, das ein bisschen dumm, lustig oder tollpatschig rüberkommt, und der Realität, dass es eigentlich ein wahrer Spitzensportler ist. Das hatte ich Lust in Szene zu setzen, es spürbar zu machen. Das ist etwas, das einem häufig wiederbegegnet, wenn man mit den Pinguinen tauchen geht. Das menschliche Wesen ist im Vergleich zu ihm ein Kleinkind, das lässt sich nicht abstreiten.

Es sind noch viele Dinge, die die biologischen Mechanismen der Pinguine betreffen, ungeklärt. Beispielsweise finden Sie immer wieder denselben Brutplatz, und man weiss nicht wieso.
(Schüttelt den Kopf.) Man weiss nicht, wieso. Wirklich nicht. Es ist unglaublich. Wenn Sie verloren sind inmitten des Eises, wie wollen Sie es anstellen, Ihr Ziel zu finden? Es gibt keine Anhaltspunkte, denn das Land wechselt jedes Jahr seine Gestalt. Die Eisberge bewegen sich die ganze Zeit. Es hat keine Berge, um sich daran zu orientieren, nichts Derartiges. Dennoch wissen die Pinguine extrem genau, wohin sie müssen. Sie sind äusserst präzis!

Eines Morgens wurden Sie von einem Pinguin geweckt, der mit seinem Schnabel an ihrem Schlafsack gezupft hat. Gab es weitere direkte Kontakte?
Nicht wirklich. Wenn man sich schlafen legt, dann sind es immer sie, die kommen. Geht man auf die Pinguine zu, macht man ihnen Angst. Das geht nicht. Es sind sie, die die Initiative ergreifen und dann kommt es vor, dass sie aus Neugier an deiner Kleidung zupfen. Und das etwas grob, weil für sie ist etwas Bizarres in ihrer Umwelt, etwas das ihnen im Grunde zwar nicht Angst macht, aber das eben bizarr ist. Und das beschäftigt sie.

Haben Sie sich mit einem Pinguin angefreundet?
Es gibt da tatsächlich eine ulkige Sache, die immer wieder für Lacher sorgt. Im Herbst, wenn die Pinguine zum ersten Mal den Brutplatz stürmen, hat es jeweils viel mehr Weibchen als Männchen, weil diese aufgrund des harten Winters eher sterben. Und es sind eine Menge Weibchen, die sich dort partnerlos wiederfinden! Infolgedessen versuchen sie auch dich zu einem gegebenen Zeitpunkt zu verführen, indem sie mit ihrem typischen Balztanz beginnen. Sie probieren, die "Gelegenheit beim Schopf zu packen". Folglich spüren sie nicht nur in ihren Köpfen die Verwirrung, sondern auch an ihrer Grösse. Das hält sie aber nicht davon ab, einen zwei Meter grossen Typen zu umgarnen, wiewohl sie nur etwa halb so gross sind.

Auch wenn es an seiner Bereitschaft nicht fehlt, hat Luc Jacquet eine weitere Reise zu den Pinguinen bis jetzt nicht geplant und damit ebenso wenig einen dritten Film. Doch das auch vom Klimawandel stark bedrohte Mysterium Pinguin wird den bald Fünfzigjährigen keinesfalls loslassen. Denn im (zumindest sprichwörtlich) ewigen Eis gibt es noch einiges zu entdecken und - für Jacquet besonders wichtig - noch viel mehr davon zu erzählen.

© Impuls Pictures AG

Quelle: OutNow.CH

02.11.2017 10:03 / arx


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