The Room oder: Der Citizen Kane der schlechten Filme

Während James Franco mit "The Disaster Artist" die Filmfestivals abklappert, werfen wir einen Blick zurück auf den Film dahinter: Tommy Wiseaus "The Room" - den "Citizen Kane der schlechten Filme".

So schlecht, dass es schon wieder gut ist!!!

Es gibt schlechte Filme wie Transformers: The Last Knight, Baywatch oder den Emoji-Film, die vielleicht nicht mit einer ausgeklügelten Story überzeugen, alleine aufgrund der Machart aber zweifellos als Filme bezeichnet werden können. Und dann gibt es schlechte Filme wie The Room. Ohne funktionierende Ausleuchtung, ohne durchdachte Bildkomposition und ohne angemessene Schauspieler. Der Film erschien 2003 in wenigen Kinos in Los Angeles, kostete sechs Millionen Dollar und spielte in den ersten zwei Wochen gerade mal 1800 Dollar ein. Noch während seiner Zeit im Kino wurde der Film dank zwei Filmstudenten zum Kult. Heute wird er regelmässig in Lichtspielhäusern auf der ganzen Welt gezeigt und hat über zehn Millionen Dollar eingenommen.

Hierzulande hat er diesen Kultstatus noch nicht erreicht, nur nerdige Filmfans und eingefleischte Trashkenner wie die Kultmoviegang kennen ihn. Deshalb und auch weil James Franco gerade mit seinem Film The Disaster Artist die Geschichte hinter The Room erzählt, möchten wir auf den "besten schlechten Film" aufmerksam machen. An dieser Stelle möchten wir übrigens eine Spoilerwarnung aussprechen, da dieser Text ziemlich in die Tiefe geht, was die, ähem, "Handlung" angeht. Tief durchatmen, here we go.

Tommy Fucking Wiseau

Der Banker Johnny (Tommy Wiseau. Oh boy, kommen wir noch auf ihn zu sprechen...) liebt seine Verlobte Lisa (Juliette Danielle) über alles. Was er allerdings nicht weiss, ist, dass ihn Lisa mit seinem besten Freund Mark (Greg Sestero) betrügt. Grundsätzlich also eine einfache Geschichte. Doch da wurden Tommy Wiseaus wirren Gehirngänge noch nicht mit eingerechnet. Irgendwie konstruierte der Produzent, Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller beinahe 100 Minuten Film, wovon über die Hälfte für den Plot komplett irrelevant sind. Aber um The Room und den Kult rundherum zu verstehen, müssen wir uns kurz mit dem Wahnsinnigen beschäftigen, der den Film erschaffen hat: Tommy fucking Wiseau.

Tommy Wiseau ist ein Rätsel. Anders kann man den Mann mit langer schwarzer Haarpracht und Kartoffelgesicht, wie er selbst es nennt, nicht beschreiben. Niemand weiss genau, wann oder wo er geboren wurde. Er spricht nicht gerne über solche Themen. Greg Sestero, Darsteller von Mark und scheinbar Wiseaus einziger Freund im realen Leben, schreibt in seinem Buch "The Disaster Artist" darüber, wie funktionsgestört Wiseau als Mensch ist. Ihm fehlt das prinzipielle Verständnis für soziales Verhalten, er verhält sich wie ein Kind und kann sich an seine eigens geschriebenen Dialoge nicht erinnern. So benötigte er für die berühmte Zeile "I did not hit her. It's not true. It's bullshit. I did not hit her. I did not! Oh hi Mark!" ganze 32 Takes. Zweiunddreissig! Das sind ein Drittel mehr Takes als Worte in der Zeile!

Er scheint allgemein das Erinnerungsvermögen eines Goldfisches zu haben. So schrieb er einst eine Szene im Drehbuch, die damit beginnt, dass Lisa und ihre Mutter am Telefon sprachen. Die Szene endete damit, dass Lisa ihre Mutter zur Tür begleitete - weil er vergessen hatte, dass sie am Telefon waren. Die Szene hat's (zum Glück?) nicht in den Film geschafft. Wenn so jemand ein ganzes Drehbuch schreibt - das ursprüngliche Drehbuch hatte 540 (!) Seiten -, dann kann ja nur eine wahre "Perle" daraus entstehen.

Story? Welche Story?

The Room beginnt damit, dass Johnny, unser Protagonist, nach Hause kommt und seiner Verlobten Lisa ein neues Kleid schenkt. Sie scheinen sehr verliebt. Kurz darauf lernen wir Denny kennen, einen Jungen, der in der Nachbarschaft wohnt und von Johnny adoptiert wurde, wie wir später im Film erfahren werden. Denny ist eine wahnsinnig seltsame Figur. Er möchte dem verliebten Paar stets beim Sex zuschauen bzw. mitmachen, fragt Lisa, ob er sie küssen darf und sagt Johnny, er liebe Lisa. Auf letzteres antwortet Johnny im Film: "You know, if a lot of people love each other, the world would be a better place". Schön gesagt.

Innert der folgenden zwanzig Minuten dürfen wir ganze drei (!) Sexszenen mitansehen. Also eigentlich zwei. Nachdem die erste gefilmt war, fand Tommy Wiseau dies so toll, dass er on-the-go nochmal eine ins Drehbuch schrieb. Allerdings fühlte sich Juliette Danielle, die Lisa spielte, dabei so unwohl, dass sie keine zweite Sexszene mehr drehen wollte. Deshalb wurden Stücke aus der ersten genommen und daraus die zweite zusammengebastelt. Und diese Szenen sind nicht nur ein paar Sekunden lang, wie es sonst üblich ist. Nein. Sie dauern zusammen gute zehn Minuten. Naja, ein bisschen lustig sind sie ja. Und immerhin dürfen wir Tommys nacktes Hinterteil begutachten. Welch ein Glück...

Johnny verschwindet am nächsten Morgen zur Arbeit, Lisa empfängt ihre Mutter Claudette. Lisa spricht scheinbar oft mit ihrer Mutter, denn diese Szene wiederholt sich noch dreimal. Dabei wird stets erwähnt, dass Lisa Johnny nicht mehr liebt und dass Claudette Johnny für Lisas finanzielle Stütze hält. Dann sehen wir Greg Sesteros Mark zum ersten Mal. Eigentlich war ein anderer Schauspieler für Mark gecastet worden, Wiseau wollte aber unbedingt Sestero sehen. Nachdem er ihm viel Geld anbot, willigte Sestero ein - am Tag vor Produktionsbeginn.

Nun die zweite Sexszene, diesmal zwischen Mark und Lisa. Während sich die beiden näherkommen, geht Johnny in einen Blumenladen. Die "Flower Shop Scene" ist eine der bekanntesten des Films. Wieso? Weil a) der getätigte Austausch von Worten überhaupt keinen Sinn ergibt und b) alles nachsynchronisiert wurde, weil sich Wiseau wahrscheinlich seinen Dialog wieder nicht merken konnte. Am besten schaut ihr die Szene selbst:

Mark geht wieder und ab diesem Zeitpunkt stoppt die Handlung. Zwar passieren, ähm, Szenen, aber die Handlung wird nicht vorangetrieben. Dafür sehen wir gleich die erwähnte zweite Sexszene zwischen Johnny und Lisa. Hurra! Eigentlich hatte Lisa aber etwas anderes vor: Sie wollte Johnny, der sonst keinen Alkohol trinkt, abfüllen, damit er sie schlägt und sie ihn "reinen Gewissens" verlassen kann. Sie mischt Scotch mit Wodka und die beiden betrinken sich. Eine Randbemerkung: In dieser Szene scheint es, als ob Tommy Wiseau nicht wüsste, wie man ein verdammtes Trinkglas benützt. Anyway: Beide sind sturzbesoffen. Das zeigt sich, weil Lisa eine Krawatte um den Kopf gebunden hat. Dann verlangt Lisa: "I want you to make love to me". Alkohol lässt eben alles vergessen!

Be kind, rewind?

Was passierte nochmal, nachdem die beiden das erste Mal im Film Sex hatten? Ach ja, Claudette kam vorbei, Lisa sagte, sie liebe Johnny nicht mehr und Claudette sagt, Johnny sei Lisas finanzielle Stütze. Kommt irgendwie bekannt vor... Claudette verabschiedet sich, wie stets auf ihre seltsame Art, indem sie ihrer Tochter auf die Nase stupst. Irgendwie eine seltsame Verabschiedung. Auf jeden Fall scheint Lisa in der nachfolgenden Szene nicht zu Hause zu sein, denn zwei bisher noch komplett unbekannte Figuren kommen in die Wohnung und vergnügen sich. Der Typ in der Szene liefert ausserdem den besten Gesichtsausdruck des ganzen Films.

Als Claudette und Lisa den Raum betreten und die beiden erwischen, fragt erstere: "Who are these characters?". Treffende Frage. Es folgt eine weitere Claudette-und-Lisa-Szene.

Nun sehen wir Denny und Chris-R auf dem Dach des Hauses. Chris-R ist ein Drogendealer, der Geld von Denny will, doch Denny hat's nicht. Darauf zieht Chris-R eine Knarre und drückt sie Denny an den Kopf. Es ist übrigens sehr wichtig, dass Chris-R mit Bindestrich geschrieben wird. Wiseau begründete dies damit: "Because he's gangsta!". Gott sei Dank kommen Mark und Johnny im richtigen Augenblick, um den Schurken zu entwaffnen und zur Polizei zu bringen. Lisa und Claudette kommen ebenfalls aufs Dach und konfrontieren Denny. Ich frage mich gerade, wieso ich die Beschreibung dieser Szene so detailliert ausführe, denn die Szene ist zu hundert Prozent irrelevant für die Geschichte. Moving on!

K-U-L-T!

Kurz darauf folgt die wohl berühmteste, spektakulärste Szene des ganzen Films. Meine Worte werden deren Magie einfach nicht gerecht, deshalb hier gleich das Original:

Diese Szene ist so bezeichnend für diesen Film. Sie fasst alles zusammen, was The Room so ausmacht: Eine Begrüssung mit "Oh hi", ein steifes Lachen von Tommy, eine unbegreifliche Aneinanderreihung von Worten, die scheinbar Sätze ergeben sollten, ein Football kommt vor und ein Gespräch, das damit endet, dass eine Figur - in der Regel die, die das Gespräch gestartet hat - damit abbricht, dass sie nicht darüber reden möchte.

Nun offenbart Lisa Michelle ihre Liebe für Mark. Michelle ist übrigens eine der beiden Figuren, die sich eben noch in Johnnys Wohnung geschlichen haben, um Sex zu haben. Scheinbar sind sie alle befreundet. Gut zu wissen. Johnny kommt nach Hause und das Paar zofft sich. In dieser Szene gibt Wiseau alles. Er wird richtig emotional. Allerdings stolpert er über die simpelsten Sätze - die er selber geschrieben hat! In dieser Szene passiert auch dies und es ist wundervoll:

Es folgen einige weitere unverständliche Szenen. Wir sind nun bei zwei Dritteln des Films. Und es ist noch nichts passiert. Allerdings gibt's in einer Szene mit Mark und Johnny beim Kaffeetrinken einen (weiteren) grossartigen Dialog: Mark fragt Johnny, wie sein Tag bei der Arbeit war. "Oh, pretty good. We got a new client, at the bank. We make a lot of money", antwortet Johnny. Ah, alles klar. Als Mark mehr über den Kunden wissen will, blockt Johnny ab und fragt zurück: "Anyway, how is your sex life?". Woher kommt diese Frage?! Die beiden sehen sich doch täglich!

Get this party started...

Wenig später folgt die Party. Johnnys Geburtstagsparty! Jedenfalls meldet sich an dieser Stelle der Plot mit einem netten "Oh hi" zurück... Zumindest nach satten 20 Sekunden Nachtaufnahme einer... Stadt? Die Einstellung hat keinen Bezug zur Handlung.

Okay, jetzt steigt die Party. Alle haben Spass, essen Kuchen und trinken. Lisa schlägt vor, dass alle nach draussen gehen, um frische Luft zu schnappen. Sie bleibt allerdings mit Mark zurück, um wieder mit ihm herumzumachen. Allerallerspätestens da fragt man sich unweigerlich: Was für eine bescheuerte Figur ist Lisa überhaupt?! Sie ist mit Abstand der dümmste Charakter dieses "Films" und ich hoffe immer mehr, dass Johnny sie vom Dach wirft. Sie manipuliert ihr Umfeld, ist untreu, unentschlossen, lügt und betrügt, wo sie nur kann. Nun wird sie von einer komplett neuen Figur konfrontiert: Steven. Als Johnny in den Raum tritt, ist's wieder still und die Party geht weiter. Stolz lässt Johnny verlauten, dass Lisa schwanger sei. Sie erklärt Michelle aber schnell, dass sie gelogen hat und gar nicht schwanger ist. Wieso sollte sie so etwas tun?!

Sprache ist schwer...

Weiter mit der Party. Mark will wissen, ob das Baby von ihm ist, Lisa verneint. Die beiden beginnen zu streiten und Lisa ohrfeigt Mark. Johnny kommt, um zu schlichten, worauf sich Mark und Johnny in die Haare geraten. Ich war lange der Meinung, dass Samuel L. Jackson das Wort "Motherfucker" am besten sagte. Nun, dieser Preis geht an Tommy Wiseau:

Ausserdem scheint er Probleme mit dem Wort "world" zu haben:

Eigentlich hat er ja allgemein Probleme mit Sprache...

Nach der Party kommt's zur Auseinandersetzung zwischen Johnny und Lisa. Johnny verkriecht sich im Badezimmer, während Lisa im Zimmer nebenan (!) mit Mark telefoniert und sagt, dass sie ihn liebt und Johnny sofort verlassen will. Mark will Lisa nun auch. Blöderweise hat Johnny das Telefon zuvor verwanzt. Ha! Nachdem er das Band abgehört hat, stürmt Lisa aus der Wohnung und lässt Johnny allein. Dieser dreht komplett durch und nimmt die halbe Wohnung auseinander. Ach, er war doch so verliebt... Er greift zu seiner Pistole, steckt sich sie in den Mund und drückt den Abzug. Welch tragisches Ende.

Doch der Film ist noch nicht vorbei! Mark und vor allem Lisa dürfen noch einmal beweisen, welch bescheuerte Figuren sie sind. Die beiden finden den Ketch... blutverschmierten Johnny am Boden seines Schlafzimmers. Mark schreit "Wake up!" und versucht ihn wachzurütteln. Johnny, tot, macht natürlich keinen Wank. Ausser der leichten Atmung, die Wiseau nicht unterdrücken konnte. Lisa fragt hysterisch: "Is he dead?!". Dann kommt Denny in den Raum und alle trauern gemeinsam um Johnny. Welch tragisches Ende.

...and The Room goes on and on...

Damit war's aber noch nicht um The Room geschehen. Es entwickelte sich ein Kult, der bis heute ungebrochen ist. Es lohnt sich durchaus, dieses, ähem, Werk einmal zu begutachten. Wer nach der Sichtung des Films noch nicht genug hat, dem empfehlen wir noch einige weitere Unterhaltungsstücke rund um das Phänomen.

So gaben Tommy Wiseau und Greg Sestero bei CNN ein Interview und es ist so lustig, wie man sichs vorstellt:

Wiseau und Sestero haben seit The Room nicht mehr zusammengearbeitet. Noch 2017 soll der Comedy-Thriller Best F(r)iends - keine Ahnung, wie dieser Titel auszusprechen ist - erscheinen, in dem die beiden die Hauptrollen spielen. Es gab einen Konzept-Trailer, dessen Footage aber nicht im Film verwendet wurde. Bisher gibt's diese eine Szene zu sehen:

Tom Fulp, der Kopf hinter Castle Crashers und Alien Hominid, hat ein 8-Bit-Spiel zum Film gemacht.

The Disaster Artist

Greg Sestero, Mark im Film, hat schliesslich ein Buch über die Entstehung von The Room geschrieben. Es heisst "The Disaster Artist" und handelt von seiner Freundschaft mit Tommy Wiseau, wie der Film entstand und ein bisschen, wie er sich als junger Schauspieler in Hollywood versuchte. Das Buch ist wirklich interessant und wahnsinnig unterhaltsam, denn was Sestero alles über Wiseau erzählt, ist eigentlich viel zu gut, um wahr zu sein. Es lohnt sich aber erst richtig, wenn man den Film gesehen hat.

Dieses Buch war dann auch die Grundlage von James Francos gleichnamiger Verfilmung, die er mit seinen Kumpels gedreht hat und welche am Filmfestival in Toronto uraufgeführt wurde. Wiseau und Sestero haben sogar Kurzauftritte im Film. Unsere Kritik lest ihr hier. Schweizer Kinostart ist am 1. Februar 2018. Hier der Trailer:

Über The Room und The Disaster Artist hat sich das OutCast-Team übrigens auch schon mal unterhalten, nachzuhören in der dritten Episode zum Thema Guilty Pleasures.

Quelle: OutNow.CH

07.10.2017 16:00 / nna


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