Das Cannes-Tagebuch von OutNow.CH - Tag 6: Unhappy End

In der Mitte des Festivals fehlen bisher Überflieger und Obergurken. Und die Festival-Crew hat keinen Bock auf Anstehen und deshalb einen Palmen-Mitfavoriten verpasst. Katzenjammer!

Das Festival ist bereits in seiner zweiten Hälfte - und erfreulicherweise ist die berühmt-berüchtigte Festival-Gurke bisher ausgeblieben. Nicht dass uns jeder Film gleich gut gefallen hätte; doch diesen richtig zähen, unzugänglichen und prätentiösen Hardcore-Arthouse-Film mussten wir bislang nicht erdulden. Handkehrum fehlt aber auch dieser grosse Überraschungs-Smash-Hit, wie es in früheren Festivals beispielsweise Toni Erdmann oder Holy Motors waren: ein Film, über den man kaum etwas weiss und in den man ohne grosse Erwartungen reinsitzt, der dann aber so richtig ins Schwarze trifft.

Erspart geblieben sind uns - zumindest dem "Official-Selection"-Teil der OutNow-Delegation - wenigstens die nervigen Schlangesteh-Erlebnisse. Dies, weil wir die Abend-Screenings in der "Salle Debussy" dieses Jahr meiden und uns damit begnügen, tags darauf das wesentlich gemütlichere Zweitscreening in der "Salle Soixantième" anzuschauen.

Nachteil an dieser Lösung ist, dass man so die - je nach Film - euphorischen bis heftigen direkten Reaktionen der versammelten über 1000 Filmkritiker nicht mitkriegt. Die waren jeweils schon ein Erlebnis, letztes Mal bei The Neon Demon, als unter anderem ein Kollege ein "Fuck you!" in Richtung Leinwand donnerte. Dafür können wir bei dem Soixantième-Screening gemütlich an der wartenden Meute an Industry-Badgeholdern vorbeispazieren und uns dabei ein wenig wichtig fühlen.

Es sei denn, das Festival führt eben schnell eine neue Regel ein. Die besagt, dass nur gerade 50 Journalisten Priorität gegenüber den Presseleuten haben. Und leider haben wir zweimal den Ü50-Zonk gezogen: Bei Todd Haynes' Wonderstruck war das noch zu verschmerzen, weil Kollege crs den Film in der regulären Vorführung schauen durfte. Bei Michael Hanekes Palmen-Favorit Happy End hingegen herrscht der grosse Katzenjammer. Wir kamen zu spät und haben einen Palmen-Mitfavoriten verpasst! Nicht nur wir von OutNow, sondern auch diverse Journalistenkollegen sind ziemlich angepisst. Merke: Das Cannes-Filmfestival ist immer wieder für ungute Überraschungen gut.

Immerhin haben wir noch eine letzte Chance: die Vorführung fürs gemeine Volk, die einige Kilometer entfernt in der "Licorne" stattfindet. Wir bleiben dran.

Unsere neuesten Reviews

Competition:

  • The Day After - Hong Sang-soo
    Der dialoglastige Schwarzweissfilm aus Südkorea ist gemäss Kritiker ebe ganz nett, aber leider auch ein wenig dröge. Zur Kritik
  • Wonderstruck - Todd Haynes
    Die Verfilmung des illustrierten Kinderbuches von Brian Selznick bezeichnet Kritiker crs als interessanten Mix aus Stumm- und Tonfilm, der ans Herz geht. Zur Kritik
  • Le Redoutable - Michel Hazanavicius
    Das Jean-Luc-Godard-Biopic des Regisseurs von The Artist hält Kritiker ebe für eine ganz nette Kompromisslösung zwischen Godard-Stil und Mainstream. Zur Kritik

Quelle: OutNow.CH

23.05.2017 19:05 / ebe


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