Das Cannes-Tagebuch von OutNow.CH - Tag 2: Sabotage?

Man konnte gespannt sein, wie die Kinoliebhaber von Cannes den ersten Netflix-Film von Cannes aufnehmen würden. Doch was dann während der Vorstellung von "Okja" passierte, konnte niemand ahnen.

Szene aus "Okja" © Netflix

Der Streaminganbieter Netflix hat sich nicht viele Freunde in Frankreich gemacht. Regeln des Festivals besagen, dass die Filme, welche im Wettbewerb laufen, unbedingt auch in die französischen Kinos kommen müssen. Doch dieses Spiel wollte Netflix nicht mitspielen und wird seinen Film Okja am 28. Juni 2017 auf seiner Plattform anbieten - also nur etwas mehr als einen Monat nach der Weltpremiere. Die französischen Kinos sind sauer, und wer Böses denkt, war heute Zeuge einen kleinen Racheaktion.

Was war passiert: Zu Vorstellungsbeginn von Okja um 8:30 hatten einige Kritiker ihre Messer schon gewetzt und liessen ihren Unmut über das Verhalten von Netflix in Form von "Buuh"-Rufen bei Erscheinen des Logos des Streamingsanbieters freien Lauf. In den folgenden acht Minuten liess der Lärmpegel dann jedoch nicht nach. Dies hatte nichts mit dem Inhalt des Filmes zu tun, sondern damit, wie der neue Bong Joon Ho präsentiert wurde. Die Technik im Saal "Lumière" hat die Leinwand auf das falsche Format eingestellt. Das hatte zur Folge, dass das Bild oben und unten einen beträchtlichen Teil abgeschnitten wurde. Hatten die französischen Kinobesitzer etwa den Projektionist angewiesen, die Vorstellung zu sabotieren? Eine Theorie, die wir auch mit einem Schweizer Kritikerkollegen nach der Vorstellung diskutierten. Wie kann es sein, dass so etwas bei einem Prestige-Festival wie Cannes passiert? Wir sind hier ja nicht bei den Oscars, wo man Gewinner falsch verliest.

Anyway, nachdem die Kritikergilde acht Minuten lang herumschrie, applaudierte und auf den Boden stampfte (ääähm, Chindergarte?), wurde der Film gestoppt, die Leinwand angepasst und der Film nochmals gestartet. Danach lief alles ohne Probleme und das Festival entschuldige sich ein paar Stunden bei allen. Somit ein (absichtlich) holpriger Start für Netflix am Cannes-Filmfestival. Am Sonntag könnte es zu weiteren Verschwörungen kommen. Denn dann wird mit The Meyerowitz Stories der zweite Netflix-Film im Programm gezeigt. Mal schauen, wie holprig das wird.

Unsere neuesten Reviews

Competition:

  • Okja - Bong Joon Ho
    Die wunderbare Freundschaft zwischen einem Mädchen und einem Riesenschwein. Ein sauglatter Blockbuster mit dem Herz am rechten Fleck, laut Kritiker crs. Zur Kritik
  • Loveless - Andrei Zvyagintsev
    Der russische Regisseur Zvyagintsev zeichnet erneut ein deprimierendes Bild seiner Heimat. Kritiker crs fand es trotzdem ganz ansehnlich, jedoch auch erschütternd. Zur Kritik


Hors Competition:

  • Les fantômes d'Ismaël - Arnaud Desplechin
    Für seinen Cannes-Eröffnungsfilm hat sich Regisseur Desplechin fünf Geschichten ausgedacht, die er dann laut eigenen Worten auf die Leinwand schmiss und dann die Bruchstücke zu einem Film vermengte. Experiment furchbar gescheitert, findet Kritiker crs. Zur Kritik

Quinzaine des Réalisateurs:

  • Un beau soleil intérieur - Claire Denis
    Claire Denis ist bekannt für ihre düsteren Stoffe. Doch hier versuchte sie sich mit Juliette Binoche an einen Liebes-Komödie. Kritiker rm fand das nicht so lustig. Zur Kritik
  • L'amant d'un jour - Philippe Garrel
    Kritiker rm findet, dass Garrel mal wieder nur Belanglosigkeiten in Schwarzweiss gedreht hat. Zur Kritik

Quelle: OutNow.CH

19.05.2017 23:59 / crs


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