"Carol": Das Interview mit Todd Haynes

"Carol" von Todd Hanyes begeistert. Die Kritiken zum Cate-Blanchett-Film sind hymnisch. OutNow.CH traf den Regisseur zum Interview und wollte wissen, wie man als Schwuler einen Lesbenfilm dreht.

OutNow.CH Was fasziniert an Patrica Highsmiths Roman "Salz und sein Preis"?
Todd Haynes: Die Story ist speziell im Oeuvre von Highsmith, weil sie nicht im Krimi-Genre verortet ist. Zwar geht es in ihrem allerletzten Roman "'Small G - eine Sommeridylle", der übrigens in Zürich spielt, auch um Schwule und Lesben - das habe ich aber erst am Zurich Film Festival erfahren.

Es ist auch eine Liebesgeschichte.
Das Starke ist, dass die Story komplett in Thereses Subjektivität eingeschlossen ist. Man "chronologisiert" den Prozess des Sich-Verliebens. Das bringt den schwächeren Teil des Paares manchmal fast in etwas Krankhaftes. Alles, was passiert, wird auf seine Bedeutung analysiert. Jeder Vorgang ist ein Zeichen. Dein Schicksal liegt in der Frage, ob die Gefühle auf Gegenseitigkeit beruhen. Im Roman wird man durch diese "Krankheit" geführt. Mir gefiel diese Beklemmung, diese Panik im Roman.

Gab es Parallelen im Leben von Highsmith?
Sie hatte als Mittzwanzigerin nicht sehr viel Geld und arbeitete an Weihnachten im Warenhaus Bloomingdale's in der Puppenabteilung. Das war 1948. Da kam dann diese Frau vorbei, die Beratung für eine Puppe wollte. Eine elegante und reiche Blondine. Patricia Highsmith war komplett verknallt, wurde fiebrig und hatte einen krassen Fall von Windpocken. Sie war eine Woche krank und musste wohl sogar ins Spital. In diesem Zustand hat sie sich die Geschichte ausgedacht. Der ganze Roman nahm im fiebrigen Zustand Gestalt an.

Wie recherchiert man das geheimniskrämerische Lesbenmilieu der Fünfziger?
Ich hab mich von Highsmith inspirieren lassen und ihrer Biographie - und von Phyllis Nagys Arbeit. Sie hat sich als Co-Drehbuchautorin schon viel länger damit auseinandergesetzt. Sie kannte Patricia Highsmith persönlich und ist lesbisch. Wir halten uns sehr nah am Roman, bei den Optionen zur Kommunikation, welche die Frauen damals hatten. Ich fand interessant, dass es in gewissen Räumen grössere Bewegungsfreiheit gab, wo Frauen einfacher interagieren konnten als ein Mann und eine Frau, die nicht verheiratet waren. Es ziemte sich absolut, dass eine ältere Dame ein "Fräulein" zum Essen ausführte. Das liest sich dann entgegen der Erwartungen, die man an diese Zeiten hat.

Gibt es Vor- oder Nachteile, als schwuler Regisseur eine Romanze zwischen zwei Frauen zu drehen?
Ich weiss es nicht. (Er zögert). Ein Teil von mir war erstmal stolz, einen lesbischen Film meiner Filmkarriere hinzuzufügen. Ich betrachte den Film in erster Linie als Liebesgeschichte. Er ist aber auch ein Tribut an meine lesbischen Freundinnen, die zu den innigsten und längsten Freundschaften in meinen Leben gehören. Sie alle kannten den Roman schon. Ich ja nicht, was sie sehr überrascht hat.

Carol hatte einen langen Prozess hinter sich. Du kamst als Regisseur nur sehr spät dazu.
Ich war der letzte, den sie gefragt haben, und dann hab ich halt zugesagt. (Schmunzelt)

Warum die lange Enstehungsgeschichte? Hat es mit dem Thema des Films zu tun?
Ich werde das oft gefragt, aber ich weiss es nicht wirklich. Ich glaube nicht, dass die lesbischen Inhalte abschreckend waren. Das hat ihn eher unterschieden von anderen Dramen, die gedreht werden. Fakt ist: Filme ohne männliche Hauptdarsteller sind schwerer zu bewerkstelligen. Aber ich war wie gesagt nicht bei der ganzen Entstehung mit dabei.

Die Chemie auf der Leinwand ist überragend. Waren die Sexszenen einfach für Rooney Mara und Cate Blanchett?
Sie waren darauf vorbereitet. Man muss als Regisseur einfach so klar und spezifisch wie möglich sein mit den Darstellern, wenn man die Szene erklärt und wie man dreht. Es darf keine Überraschungen geben, welche Unsicherheiten hervorrufen. Es gibt aber immer noch eine ungewöhnliche Anspannung. Wenn man die Szene aufbaut, versucht man, so viel wie möglich mit kleinstem Zeitaufwand zu drehen. Man beleuchtet so, dass zwei Blickwinkel möglich sind. Dann ist es dem Drehen eines Musicals nicht unähnlich: viel Vorbereitung und Planung und unterschiedlichen Kameras. Dann kommt ein Rhythmus und eine Geschwindigkeit rein, die hilft.

Wo wurde gedreht?
Mein Team und ich waren in Cincinnati unterwegs - einer Stadt, die keiner von uns kannte. Da schwang etwas Aufregendes dabei mit. Wir konnten unser eigenes New York von 1952 gestalten, in einer Stadt, die nicht oft als Kulisse herhalten muss für Kostümfilme. Eigentlich grundlos, weil es eine wunderbare architektonische Stadt ist - passend zur historischen Recherche, die wir bereit hinter uns hatten, wie New York auszusehen hatte: wie eine schmutzige und gequälte Stadt in den Nachkriegsjahren. Es gab sogar Schilder an den Häusern, die noch aus den Fünfzigern stammen, die wir filmen konnten.

Warum wurde auf 16-Milimeter-Film gedreht?
Den benutzten wir auch schon bei Mildred Pierce. Mit dem ausgeklügelten Speed der Linsen und der Filmstreifen, die heutzutage verwendet wird, verschwindet die Körnigkeit nahezu. Sogar wenn man mit 35 Millimeter dreht, kann man es fast nicht mehr unterscheiden, insbesondere auf den heutigen HDTVs sieht es so scharf aus wie eine digitale Aufnahme. Ich wollte aber diese Körnigkeit. Es sollte sich wie "Film" anfühlen. Es macht Sinn, auf diese sozusagen unsaubere Farbpalette und die Textur zu pochen, die man auf dem Filmausschnitt fühlt. Bei Far from Heaven imitierten wir die Anomalie der Farben, das Strahlen, die Schärfe, das unmöglich Perfekte der Innenräume aus den Fünfzigern. Das hätte mit dieser Extra-Körnigkeit keinen Sinn gemacht.

Wie stehst du zu La Vie d'Adèle?
Ich habe den Film schon vor den Dreharbeiten zu Carol gesehen. Die Leistungen der beiden Darstellerinnen haben mich durch den Film getragen. Ein in vielerlei Hinsicht beeindruckender Film und eine ganz andere Art von Film in einer anderen Zeit mit anderen Möglichkeiten für Frauen. Ich habe deshalb nicht darüber nachgedacht in Relation zu Carol. Das Konzept der Sexszene war ganz anders als bei uns. Das war schon fast ein Akt der Rebellion. Ein Statement. Wir wollten etwas anderes ausdrücken.

Was war eure Intention?
Es war die Kulmination. Carol ist ein sehr wohlüberlegter Film voller limitierter Möglichkeiten und Freiheiten. Man sehnt sich danach, diese Grenzen zu brechen während des Films, aber es gibt nur sehr wenige Orte, wo dies möglich ist. Eine der begleitenden Spannungen im Film ist die Frage, ob und wie sie Liebe machen werden. Wer initiiert den Akt? Wo findet er statt? Bei der Szene wird Spannung abgebaut? Es musste sich euphorisch und sinnlich anfühlen. Wie ein wahrhaftiger Durchbruch für die Figuren und den Zuschauer. Denn sogar das Ende des Films endet vor dem eigentlichen Höhepunkt. Die Entspannung erfolgt nach dem Film.

Quelle: OutNow.CH

09.12.2015 14:30 / rm


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