Little Miss Sunshine: Das Interview mit Jonathan Dayton und Valerie Faris

Das Ehepaar-Regie-Team Jonathan Dayton und Valerie Faris ist ziemlich bekannt für ihre Musik-Videos und Werbefilme. Sie führten Regie bei Clips und Dokumentationen für Musiker wie The Smashing Pumpkins, Macy Gray, Janet Jackson, Oasis and Weezer. Aber auch im Bereich der Werbeung haben die beiden namhafte Referenzen zu bieten: VW, Sony Playstation, Ikea, Apple - um nur einige zu nennen. Little Miss Sunshine ist ihr erster Film und sie sind schon ziemlich erfolgreich damit. Gewisse Kritiker glauben gar schon einen Oscar-Kandidaten für das Jahr 2007 gesehen zu haben. OutNow.CH hat die beiden Amerikaner in Locarno am Filmfestival getroffen, wo der Film auf der Piazza Grande als Europapremiere gezeigt wurde.

OutNow.CH (ON): Hat ein Mädchen wie Olive im richtigen Leben überhaupt eine Chance, bei einem lokalen Schönheitswettbewerb Zweite zu werden und in den finalen Wettbewerb zu kommen? Der Unterschied zwischen ihr und den anderen Mädchen ist sehr gross.

Jonathan Dayton (JD): Im ursprünglichen Drehbuch gab es eine Textzeile, in welcher der Bruder der Mutter Toni Collette hinter der Bühne sagt, dass sie Olive den zweiten Rang nur aus Mitleid gegeben haben. Sie hat dort eine andere Darbietung aufgeführt. Es war nicht der gleiche Tanz den sie später aufführt und die dachten sich einfach: "Oh, das arme kleine Mädchen, lasst uns ihr den zweiten Platz geben, das stört ja niemanden."

Valerie Faris (VF): Es war interessant, wir waren an ganz vielen verschiedenen lokalen Wettbewerben und die Unterschiede der Talente waren ziemlich gross. Bei gewissen Mädchen hast du von Beginn weg gesehen, dass sie wahrscheinlich lieber gar nicht dort stehen würden. Wir haben uns schlussendlich für die erfahrenen und professionellen Teilnehmerinnen entschieden.

ON: Gab es Stunt-Doubles oder sind die Schauspieler selber hinter dem VW-Bus hergerannt?

JD: Sie haben es selber getan.

VF: Keine Stunt-Doubles. Wir hatten zwar welche am Set, im speziellen für Olive, aber wir haben sie nie gebraucht.

JD: Sie haben den Wagen auch selber angeschoben. Es gab keine Seile. Wir hatten einen Stunt-Koordinator für die Sicherheit. Er hat schon The Fast and the Furious gemacht und war ziemlich überqualifiziert. Aber die haben wirklich alles selber gemacht.

VF: Aber es war auch wichtig, dass sie es selber getan haben. Es gab ihnen das richtige Gefühl. Wir haben den Film in Sequenzen gedreht, so haben sie das echte Gefühl erhalten, dass diese Familie auf der Reise haben musste. So waren sie zeitweise in der gleichen Misslage wie die Familie im Film. Es war anstrengend und hat sie alle gefordert.

ON: Sie sind ein Ehefrau-Ehemann-Regisseur-Team. Ist es manchmal nicht schwer das Privatleben von der Arbeit zu trennen?

VF: Wir trennen das gar nicht gross.

JD: Ist es nicht, weil wir beide unsere Arbeit lieben und wir unser Familienleben lieben. Es ist schön, weil mit ich Valerie genauso gut über unsere Kinder wie auch über die Arbeit sprechen kann. Es kommt in ganz seltenen Fällen vor, das wir uns sagen "Lass uns nicht mehr über die Arbeit sprechen!", aber es ist für uns auch nicht weiter schwer einfach zu stoppen.

VF: Wenn unsere Kinder uns bitten aufzuhören über die Arbeit zu sprechen, dann müssen wir auf sie hören. Das ist die harte Seite. Es ist wahrscheinlich schwerer für sie. Ihr solltet sie interviewen. Ich hab mir noch gedacht, ob ich sie mitnehmen soll. Es wäre lustig ihnen all die Fragen zu stellen. Ich denke sie könnten wahrscheinlich alle Fragen so gut wie wir beantworten. Unsere Tochter kennt die ganze Story des Films ohne jemals ein Drehbuch gesehen zu haben, nur vom zuhören wie wir darüber diskutiert haben. "Die und die Person wäre noch gut für den Part von Sheryl zu spielen" und wir fragen "Woher weisst du das?" und sie sagt "Ich weiss wer sie ist und was sie tut." Man denkt die Kinder hören eh nicht zu wenn wir über den Film reden, aber sie tun es.

ON: Was ist der grösste Unterschied zwischen dem Dreh eines Musikvideos und eines Spielfilms, abgesehen von der Länge?

VF: Das Arbeiten mit den Schauspielern. Das ist wirklich ganz anders. Es ist zwar ähnlich, dass man mit einer Crew zusammenarbeitet und du musst eine Ahnung von der technischen Seite des Filmemachens haben, aber der kreative Aspekt ist ziemlich anders ... zumindest bei einem solchen Film wie diesen.

JD: Es ist interessant gewisse Themen zu erforschen und diese Themen in vielen verschiedenen Szenen wieder zu erkennen. Die Möglichkeit zur Behandlung komplexerer Themen ist wunderbar. Aber ich denke es gibt noch mehr Ähnlichkeiten...

VF: Es gibt schon Ähnlichkeiten, aber die Vorbereitungen welche ein solcher Film mit sich bringt sind viel umfassender. Zuerst scheint es ganz einfach zu sein, doch dann wirst du so richtig in die Mangel genommen. Du musst alles wissen. Du musst wirklich tiefgründig darüber nachdenken, alle Aspekte kennen und deine Hausaufgaben machen. Bei den Musikvideos mussten wir uns nicht so vorbereiten. Da muss man sich nicht in Charakteren einfühlen, was deren Beziehung ist, was in der Szene passiert, was der Charakter will. Es gibt soviel, an das gedacht werden muss, bevor du eine Szene für den Film drehen kannst. Wenn du eine Szene bei einem Musikvideo drehst, dann hast du keine Schauspieler und du musst kein Leben erschaffen. Ich denke es ist wirklich anders.

JD: Da stimme ich zu. Es ist die Tiefe der Planung und das Wissen darüber was passiert. In einem Musikvideo ist es eine einfache Kommunikation und du kannst verschiedene Stile erforschen. Lustigerweise haben wir bei Musikvideos viel mehr über den Stil diskutiert und bei diesem Film haben wir sehr schnell bemerkt, dass wir den Stil kaum beachtet haben. Wir wollten nichts Künstliches zwischen dem Publikum und den Schauspielern, resp. den Charakteren aufkommen lassen. Wir wollten vielmehr, dass der Zuschauer mit der Familie zusammen in diesem Bus sitzt.

VF: Bei Werbungen dasselbe, du hast 30 Sekunden Zeit um den Inhalt rüber zu bringen. Du musst es auch visuell vermitteln und ich hoffe, dass die Botschaft in diesem Film auch visuell rüber gekommen ist. Es sind meist einfach Bilder - sie sind nicht kompliziert und du musst nicht gross darüber nachdenken. Du kannst sie einfach reinziehen.

ON: Alle sprechen über den Film im Moment und die Kritiker lieben ihn sehr. Es ist euer erster Film, wie geht ihr damit um?

VF: Das ist einfach. Die Filpromotion ist der einfache Teil. (lacht)

JD: Es ist wirklich schön. Ich bekomme nicht genug davon.

VF: Es war für uns sehr komisch, dass es so schnell geschah. Wir hatten so viele Jahre damit verbracht, uns den Kopf zu zerbrechen, ob es jemals klappen würde mit dem Film. Wir mochten uns selber nicht mehr hören darüber zu reden. Wir haben den Leuten gesagt "In drei Monaten werden wir mit dem Dreh beginnen" und dann hat's wieder nicht geklappt und dann "Nein, nein, wahrscheinlich nächsten Sommer". Dies war wirklich hart und umso einfacher ist die Zeit jetzt. Ich habe den schweren Teil an guten Neuigkeiten noch nicht gefunden.

JD: In Los Angeles ist jeder ein Schauspieler, jeder ist ein Filmemacher, jeder ist ein Autor - die Lehrer deiner Kinder, der Kellner im Restaurant, jeder. Und da haben wir die ganze Zeit gesagt, ja wir werden diesen Film machen und wir möchten es so haben "Oh, wir sind noch immer daran am arbeiten.". Ich fühlte mich wie "wird es wirklich je soweit kommen? Wird es jemals fertig werden? Werden wir den Film jemals drehen?". Nun hier auf der anderen Seite der Welt zu sitzen, das ist wirklich wunderbar und wir sind so glücklich und dankbar. Einfach das ganze Ding aus dem Kopf zu haben - Ich muss nicht mehr darüber nachdenken. Ich kann es nicht mehr ändern.

VF: Es ist schön raus zu gehen und den Film zu vermarkten, aber ich bin nun auch wieder bereit weiterzufahren und ein neues Projekt anzugehen.

ON: An verschiedenen Orten wird Little Miss Sunshine bereits als möglicher Oscar-Kandidat gehandelt. Was haltet ihr davon?

JD: Nun, es ist eigentlich noch lustig, weil mit einem Film in welchem man sich über Wettbewerbe lustig macht wollen wir die Spekulationen über einen Oscar-Kandidat nicht allzu stark fördern. Es wäre sicher sehr schön wenn Michael und andere Schauspieler etwas Anerkennung gewinnen würden. Sie werden schon jetzt in der Presse gefeiert, was auch super ist und das Beste an den Oscars ist eigentlich die Nomination, weil danach wird's politisch. Es ist zeitweise schon fast beängstigend und es ist mehr als nur ein Schritt in der Karriere. Ich fände es super wenn die Schauspieler etwas Aufmerksamkeit erhalten würden, denn das haben sie sich auch verdient. Sie haben wirklich hart gearbeitet.

ON: Was bedeutet es für euch den Film Little Miss Sunshine hier in Locarno auf der Piazza Grande aufführen zu können?

VF: Es ist das Unterhaltsamste das wir bisher hatten, am Sundance-Festival war es purer Stress. Wir waren so angespannt. Wir wollten den Film da verkaufen und es war kaum möglich das Festival zu geniessen. Dies hier ist nun unser drittes Festival. Es gab noch das L.A.-Filmfestival welches auch gleichzeitig unsere L.A.-Premiere war. Das Spannende hier ist, dass wir den Film in einem anderen Teil der Welt zeigen können und wir haben keine Ahnung wie das Publikum hier darauf reagieren wird.

ON: Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: OutNow.CH

15.08.2006 00:00 / pj


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